Kurz nach sechs Uhr steht Marie Makowe auf und schlüpft in ihre schwarze Arbeitshose. Meistens steckt in der Hosentasche schon der Meterstab, denn er gehört zum täglichen Werkzeug der Denkendorferin. Sie ist gelernte Zimmerin und verbringt viel Zeit auf Baustellen. Nur der Ort, wo sie ihre Nacht verbringt, ist seit zwei Tagen ein anderer: Die 26-Jährige schläft im Zelt – sie ist Teil des Jugendbauhütten Camps und wird die nächsten zwei Wochen im Ahrtal verbringen, um dort Häuser wieder aufzubauen.
Mittlerweile sind zwei Jahre seit der Flutkatastrophe im Ahrtal vergangen. Unvorstellbare Wassermassen haben damals in der Nacht die Region Trier und das Ahrtal in der Eifel getroffen. Viele Tote, Verletzte und Schäden in Milliardenhöhe waren die Folge. Auch zwei Jahre nach der Flut sind die Ausmaße der Katastrophe noch deutlich erkennbar. „Die wenigsten Häuser sind wieder aufgebaut. Wenn man die Straßen entlangfährt, sieht man noch viel von der Zerstörung. Straßen sind teilweise immer noch gesperrt, weil der Hang abgerutscht ist. Ich hätte nicht gedacht, dass die Situation noch so schlecht ist“, sagt die Zimmerin zwei Tage nach ihrer Ankunft.
An 17 Denkmälern wird gearbeitet
Weil das Ahrtal immer noch auf helfende Hände angewiesen ist, findet vom 12. bis zum 24. Juni das Fluthilfecamp der Jugendbauhütten statt, ein Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. 300 junge Ehrenamtliche aus ganz Deutschland helfen bei den Wiederaufbauarbeiten. Ihr Schwerpunkt: die Erhaltung von Denkmälern. Dabei werden sie von erfahrenen Handwerkern fachlich angeleitet. Marie Makowe ist eine der Anleiterinnen.
Die Holzbegeisterte, die zum ersten Mal im Ahrtal ist, lernte die Jugendbauhütten selbst als Freiwillige kennen. 2014 absolvierte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Denkmalpflege in Wismar. Sie fand Gefallen am Handwerkern und an historischen Gebäuden. „Ich mag, dass die Gebäude ihre eigene Geschichte erzählen. Neubau kann jeder. Oft stelle ich mir vor, wie die Personen in dem Haus gelebt haben. Man lernt auch viel“, schwärmt die Zimmerin „Zum Beispiel, dass in manchen Zeitepochen der Erhalt der Bausubstanz nicht so wichtig war und viel abgerissen wurde.“
Gleich viele Männer wie Frauen unter den Helfenden
Ein Teil ihrer Begeisterung für Denkmäler wurde Makowe bereits in die Wiege gelegt: Sie wuchs in einem denkmalgeschützen Haus auf. Heute lebt die 26-Jährige in einer Mietwohnung in Denkendorf. Später mal ein altes Haus restaurieren und darin wohnen, kann sich die Handwerkerin gut vorstellen.
Als ihr ehemaliger Teamleiter sie fragte, ob sie mit ins Ahrtal kommen möchte, sagte Makowe direkt zu, obwohl sie mit ihrer Arbeit als Zimmerin im Bereich der Tragwerksplanung und ihrem Bauingenieurswesen-Studium ziemlich ausgelastet ist. Denn die junge Frau möchte ihr Fachwissen sinnstiftend einbringen: „ Ich möchte, dass die Menschen wieder in ihre zerstörten Häuser zurückkehren können.“ Also nimmt sie sich zwei Wochen Urlaub und reist mit den anderen Engagierten in das Gebiet, das von der Flut getroffen wurde. Dabei sind in etwa gleich viele Frauen und Männer unter den Helfenden, das stimmt die 26-Jährige positiv. Als sie den Wunsch äußerte, eine Ausbildung als Zimmerin machen zu wollen, wurde ihr von vielen Männern gesagt, sie habe auf der Baustelle nichts verloren. Makowe beschreibt sich selbst als dickköpfig und zielstrebig, wollte es allen beweisen und schloss die Ausbildung erfolgreich ab.
Yoga und Handwerken
Die Wiederaufbauarbeiten bestimmen den Tag. Vor der Baustelle gibt es Frühstück, Yoga für Helfende und Meetings für die Anleitenden, danach Abendessen und verschiedene Programmpunkte. Zum Beispiel kommen Anwohner vorbei, erzählen von ihren Erfahrungen und zeigen Fotos. „Heute konnten wir noch eine andere Baustelle anschauen, eine Kapelle in der Nähe. Das war sehr interessant“, erzählt die Handwerkerin und die Begeisterung ist nicht zu überhören.
Ihre Liebe zu Historischem beschränkt sich allerdings nur auf Gebäude, nicht etwa auf Mode oder Musik aus vergangenen Jahrzehnten. Wenn Makowe kein Werkzeug in der Hand hat, vertreibt sie sich ihre Freizeit mit Tanzen, Schwimmen und Tauchen. Konkrete Erwartungen hat die 26-Jährige an ihre Zeit an der Ahr nicht. So viel wie möglich schaffen, lautet die Devise. Nur ihre Befürchtungen haben sich bereits nach zwei Tagen bestätigt: „Bei unserer Baustelle wurde die Tragstufe doch ein bisschen mehr beschädigt als gedacht. Da kommt noch mehr Arbeit auf uns zu, als wir anfangs vermutet haben.“
Doch die Zimmerin bleibt zuversichtlich, denn was den Überraschungseffekt angeht, unterscheidet sich die Baustelle im Ahrtal nicht allzu sehr von anderen Baustellen.
Projekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz: Jugendbauhütten
Freiwilliges Soziales Jahr
Ein Jahr lang können Jugendliche von 16 bis 26 Jahren in den Einsatzstellen einer der bundesweit 16 Jugendbauhütten traditionelle Handwerkstechniken erlernen und sie am Original anwenden. Vorbild für die Jugendbauhütten waren die mittelalterlichen Bauhütten, in denen gemeinsam gelebt und gearbeitet wurde. Verschiedene Seminare zu Stil- und Materialkunde, Forschungs- und Arbeitsmethoden, Grundlagen der Denkmalpflege sowie der Bedeutung des europäischen Kulturerbes ergänzen die praktische Arbeit am Denkmal.
Stiftung
Fast drei Millionen Euro hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) seit der Flutkatastrophe im Jahr 2021 den Denkmaleigentümern im Ahrtal zur Verfügung gestellt. Außerdem betreibt die in Bonn ansässige DSD das „Mobile Team Fluthilfe der Jugendbauhütten“ mit fünf Freiwilligen, das seit März 2022 an dem Wiederaufbau arbeitet. Mit dem Fluthilfecamp wurde diese Hilfe nun ausgeweitet.