Promisterben 2016 Der Himmel als Lebensrettung

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David Bowie, Götz George oder Prince – in unserer Wahrnehmung sind noch nie so viele Menschen gestorben, die uns etwas bedeutet haben, wie in diesem Jahr. Die StZ-Autorin sieht uns in der Pflicht, endlich selbst erwachsen zu werden.

Passen jetzt von oben auf uns auf: Muhammad Ali, Prince, Bud Spencer, Peter Lustig und Götz George (v. li.). Illustration: Yann Lange
Passen jetzt von oben auf uns auf: Muhammad Ali, Prince, Bud Spencer, Peter Lustig und Götz George (v. li.). Illustration: Yann Lange

Stuttgart - Am Ende hilft der Himmel sogar den größten Agnostikern. Wenn gar nichts mehr geht und die Logik aussetzt, greifen wir zu einem Bild aus Kindheitstagen: zu dem vom Himmelsparadies, in dem alles gut ist und alles seine Ordnung hat. Getreu dem Gebet aus dieser Zeit: Mein Herz ist klein und ich bin rein!

Dass wir mit diesem Kinderglauben nicht alleine sind, sagen uns die sozialen Netzwerke, die in diesen Jahr zu einem verlässlichen Ort des kollektiven Jammerns, gemeinschaftlichen Augenzwinkerns und der puren Verzweiflung vornehmlich der Babyboomer-Generation über den Wahnsinn des Lebens und vor allem des Sterbens geworden sind. Es sind Äußerungen wie die folgenden, welche die Erschütterungen widerspiegeln: „Man hat das Gefühl, dass Gott im Himmel 2016 ein Unterhaltungsdefizit hat. Alle Großen ruft er zu sich #Bowie#George#BudSpencer #Prince.“ Ein anderer twittert: „Ich bekomme ein Gefühl, dass Jesus sich zu Weihnachten 2016 neue Gesellschaft wünscht #Schimmi #Prince #Lemmy #Bowie #Muhammad Ali.“ Es geht aber auch sarkastisch: „Falls es einen Wettbewerb für die fiesesten Jahre der Welt gibt, liegt 2016 auf Platz zwei hinter dem Jahr, in dem die Dinos starben #BudSpencer.“ Manche laufen in ihrer Trauer zu Formulierungshöchstform auf. Ein bisschen Selbstdarstellung, ein wenig Witz darf schon sein im kollektiven Meer der Trauer. Wir haben ja schließlich von unseren Helden gelernt.

Was da gerade geschieht, ist in der Tat unfassbar. Wenn es so weitergeht, ist nicht klar, um welches Bekenntnis, um welchen Hashtag die Twitterwelt reicher sein wird, bis dieser Artikel erschienen ist. Vertrauten wir unserem Gefühl, würden wir sagen: In keinem Jahr sind so viele prominente Menschen gestorben wie in diesem, das gerade erst Halbzeit feiert.

Die Tode treffen uns mitten ins Herz

Stimmt aber nicht. Die Sterbestatistik ist nicht rasant in die Höhe geschnellt. Einsamer Erklärungsansatz eines BBC-Journalisten: Die Wahrscheinlichkeit, dass unter den geburtenstarken Jahrgängen der Babyboomer auch Stars sind, ist einigermaßen hoch. Im Grunde aber gilt: Was sich geändert hat, ist unsere Wahrnehmung – und deswegen treffen uns diese Tode mitten ins Herz. Oder an welcher Stelle auch immer die Erinnerung an uns selbst und an den Menschen, der wir einmal waren, in unserem Innern vergraben liegt. Sie schwingt in allen Postings und Tweets mit, die nun durch das Netz geistern: die Trauer um die unwiederbringlich verloren gegangene eigene Kindheit und Jugend, die Erinnerung an die Komfortzone einer heilen Welt oder an ein Leben in trotziger Rebellion gegen die etablierten Altvorderen, in dem man allerdings dann doch persönlich nichts riskiert hat.

Denn mit jedem Jahr, das wir älter werden, entfernen wir Babyboomer uns weiter von unserem eigenen Selbstbild, der Jugend und – in der Verlängerung – der selbstrügerischen Fiktion, dem Studium gerade erst entwachsen zu sein. Dabei nähern wir uns mit jedem Atemzug einen Schritt weiter dem Grab. Dass unsere Wahrnehmung ständig zwischen den beiden Polen, zwischen Anfang und Ende pendelt, ist uns nicht täglich bewusst. Wir rufen dieses Wissen nicht ständig auf. Aber das ändert nichts daran, dass es so ist. Es ist der Basston unseres Lebens, der irgendwo um 50 herum den Rhythmus vorgibt. In manchen Momenten nehmen wir ihn deutlicher wahr als in anderen. Dieses Jahr hören wir ihn permanent. Aber an den Gedanken der eigenen Vergänglichkeit muss sich mancher erst langsam gewöhnen.