Protest auf den Kanarischen Inseln Seid willkommen, lästige Touristen!

Urlauber am Strand von Morro Jable auf Fuerteventura. Foto: imago/photo2000

2023 machten 85 Millionen Ausländer Urlaub in Spanien, so viele wie noch nie. Manche finden, jetzt reicht’s, etwa auf den Kanaren.

Korrespondenten: Martin Dahms (mda)

Früher war alles besser. „Vor vierzig Jahren gab es gemütliche Hotels, aber keine ungemütliche Masse . . . Touristen waren damals eine Seltenheit, und der billige Reisepöbel von heutzutage fehlte ganz . . . Im Lauf des letzten halben Jahrhunderts ist eine erschreckende Veränderung eingetreten … riesige Hotels sind überall hervorgeschossen … die Heiligtümer … sind entweiht“, schreibt der Schotte Alexander Innes Shand in seinem Reisebuch „Old time travel“, 1903.

 

Touristen, die sich über Touristen beklagen, ähneln Autofahrern, die über die vielen Autos schimpfen. Es ist wahr: An den Stränden Mallorcas, auf der Rambla von Barcelona und neuerdings sogar auf der Gran Vía von Madrid treiben sich so viele Besucher herum wie noch nie. Wer sie nicht sehen will, muss zu Hause bleiben. Die meisten bleiben aber nicht zu Hause, sondern reisen mit einer Lust, die nach der Pandemie nur noch größer geworden ist. Nach Spanien kamen im vergangenen Jahr 85 Millionen Ausländer, um hier Urlaub zu machen. So viele wie noch nie.

Längst sind die Kanaren Zuwanderungsland

Wer den Touristenströmen nicht entgehen kann, sind die Einheimischen. Die sind gelegentlich auch Touristen, aber wenn sie es nicht sind, können ihnen die Besucher gehörig auf die Nerven gehen. Einfach, weil sie da sind, weil sie den Weg versperren, weil ihre Rollkoffer Lärm machen und deren Besitzer noch mehr, wenn sie betrunken sind. Das Phänomen ist nicht neu. Der damals in Toronto lehrende Ökonom George Victor Doxey versuchte die Reaktion auf den Fremdenverkehr 1975 mit dem „Index of Tourist Irritation” zu beschreiben: Auf die Anfangseuphorie über das gute Geschäft mit den Touristen folgt die Gewöhnung, dann die Irritation und schließlich die Ablehnung.

Auf Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote, Fuerteventura, La Palma und El Hierro werden an diesem Samstag voraussichtlich Tausende Menschen auf die Straße gehen, weil sie finden, dass es reicht. „Canarias tiene un límite“, ist ihr Motto: Die Kanaren haben ihre Grenzen. Sie fordern einen Stopp des Zubaus von Touristenunterkünften, eine „effektive Regulierung“ des Wohnungsmarktes und die Einführung einer Touristensteuer.

Das ist bemerkenswert. Die Kanaren sind, was sie heute sind, wegen des Tourismus. „Er hat uns eine soziale und wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht, wie wir sie in unserer über 500-jährigen Geschichte nicht erlebt haben“, sagt Paulino Rivero, ein ehemaliger Ministerpräsident der Kanarischen Inseln. „Jemand muss anfangen, die Leute darüber aufzuklären, wie wir vor den 1980er Jahren auf den Inseln gelebt haben; darüber, wie wir zum Auswandern verurteilt waren.“ Noch heute wird auf den Kanaren Venezuela als „die achte Insel“ bezeichnet, weil eben dorthin so viele Menschen von den sieben Kanarischen Inseln auswanderten.

Heute sind die Kanaren Zuwanderungsgebiet. In den vergangenen fünfzig Jahren ist die Bevölkerung um eine Million auf 2,2 Millionen Menschen gewachsen. Hier gibt es Arbeit, dank des Tourismus, der 35 Prozent zur regionalen Wirtschaftsleistung und 40 Prozent zur Beschäftigung beiträgt. Für ganz Spanien bezifferte das Nationale Statistikinstitut das Gewicht des Fremdenverkehrs für 2022 mit 11,6 Prozent des Inlandsprodukts und 9,3 Prozent der Beschäftigung.

Die größte Irritation ist, wenn die Touristen fernbleiben

Die größte Irritation, die Touristen dem Land bereiten können, ist fernzubleiben. Die 109 Milliarden Euro, die sie 2023 ins Land brachten, sind hauptsächlich Anlass zur Euphorie: Spanien ist eine touristische Weltmacht! Das soll dem Land mal jemand nachmachen. Einer der Veranstalter der Protestmärsche vom kommenden Samstag, der Verein der Naturfreunde Teneriffas, stellt in einer Mitteilung klar: „Die Demonstration ist nicht gegen den Tourismus. Wir sind für den Tourismus, aber wir sind überzeugt, dass es Zeit ist, ihm Grenzen zu setzen.“ Vielleicht. Touristen stören manchmal. Sie nutzen Ressourcen, die gelegentlich knapp sind, Wasser zum Beispiel oder Wohnraum.

Der kanarische Ökonom José Carlos Francisco, Präsident des regionalen Wirtschafts- und Sozialrates, hält das für kein fundamentales Hindernis für weiteres Wachstum. „Wenn man das Wasser klärt, wenn man kein Öl verbraucht, weil man erneuerbare Energien einsetzt, wenn man gute Straßen und genügend Wohnungen für alle Einkommen hat, dann kann die Bevölkerung zunehmen, ohne dass die Lebensqualität leidet oder die Umwelt noch mehr geschädigt wird“, sagt er in einem Interview mit dem „Diario de Canarias“. „Aber klar, wenn das Gegenteil geschieht, dann ist jede weitere Zunahme ein großes Problem.“

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