Proteste vor 75 Jahren Der Stuttgarter Tumult
Nach der Währungsreform muss die soziale Marktwirtschaft erst auf der Straße erstritten werden. In Stuttgart bleibt der Protest nicht friedlich, hier kommt es am 28. Oktober 1948 zu Ausschreitungen.
Nach der Währungsreform muss die soziale Marktwirtschaft erst auf der Straße erstritten werden. In Stuttgart bleibt der Protest nicht friedlich, hier kommt es am 28. Oktober 1948 zu Ausschreitungen.
Steine fliegen. Schaufenster gehen zu Bruch. Der Besitzer des Modehaus Stahl, Friedrich Stahl, wird von der aufgebrachten Menschenmenge übel beschimpft: „Wucherer!“, „Halsabschneider!“ Vor dem Geschäft, in dessen Auslagen wieder feinste Garderobe und Stoffe angepriesen werden, haben sich mehr als 200 Demonstranten versammelt, die am Nachmittag von der Großkundgebung auf dem Karlsplatz herübergeströmt waren. Sie sind zornig, sehr zornig sogar.
Was man im Schaufenster des Luxus-Geschäfts sieht, kann sich 1948 kaum einer aus der wütenden Masse leisten. Zwar ist das Geld nach der Währungsreform im Juni wieder etwas wert, doch wegen der enormen Preissteigerungen fehlt es den meisten am Nötigsten. Selbst mit einem guten Facharbeiterlohn können die wichtigsten Bedürfnisse kaum gedeckt werden.
Noch schlimmer aber: Mit der Währungsreform hat das Geld auf den Sparkonten 94 Prozent seines Wertes eingebüßt. Bei der Neubewertung des Aktienkapitalwerts verfuhren die politisch Verantwortlichen deutlich zurückhaltender, wie der Historiker Jörg Roesler errechnet hat. Hier beträgt der Verlust nur 18 Prozent.
Nach der Einführung der D-Mark gibt der Wirtschaftsrat der amerikanischen und britischen Besatzungszone, dessen Wirtschaftsdirektor Ludwig Erhard ist, die Preisbildung weitgehend frei. In der Folge kommt es in vielen deutschen Städte zu sogenannten Eierprotesten, weil der Preis für ein Ei auf Wochenmärkten über 50 Pfennige gestiegen ist. Gleichzeitig aber gilt der seit 1939 geltende Lohnstopp weiterhin.
Eine Politik, die allein darauf abzielt, den Wirtschaftskreislauf in Gang zu setzen, wird in diesen Tagen von vielen in Deutschland als hochgradig unsozial wahrgenommen. Der Widerstand spitzt sich in der Westzone im „heißen Herbst 1948“ zu. Der Gassenhauer „Wer soll das bezahlen?“ erinnert noch heute an die angespannte Stimmung.
Im August 1948 gehen in München mehr als 100 000 Demonstranten gegen den Preiswucher auf die Straße. In Mannheim protestieren 60 000. Am 28. Oktober zieht Stuttgart nach: Tausende Betriebsratsvorsitzende initiieren eine Arbeitsniederlegung. Die Gewerkschaften, eigentlich auf Ausgleich bedacht, schließen sich an. Bei der zentralen Protestkundgebung auf dem Karlsplatz ist der einzige Redner der Stuttgarter Gewerkschaftschef Hans Stetter. In seiner Rede kritisiert er die Erhard’sche Wirtschaftspolitik scharf. Das Mantra, Angebot und Nachfrage regulierten die Preise, bezeichnet er als „Verbrechen“. Die Nachfrage nach Gütern müsse in diesen Zeiten zwangsläufig hundertmal so hoch sein wie das Angebot, meint Stetter.
Neben den 40 000 Menschen auf dem Karlsplatz versammeln sich vermutlich noch einmal so viele auf dem Schlossplatz und im Schlossgarten. Die Polizei, die mit 800 Schutzpolizisten und 200 Kriminalbeamten anrückt, spricht von insgesamt 50 000, die Gewerkschaft von 100 000 Menschen. Auf dem Karlsplatz wird ein Telegramm verlesen, das an den Wirtschaftsrat in Frankfurt gerichtet ist. Darin heißt es: „Wenn nicht unverzüglich spürbare Abhilfe erfolgt, bleibt nur noch der Weg zur Selbsthilfe. Zu dieser Selbsthilfe werden wir mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln greifen.“
Eine handfeste Drohung an einem Ort, der bereits 1918 Ausgangspunkt einer Revolution war. Was die Ereignisse in Stuttgart aus der Vielzahl an Demonstrationen hervorhebt: Der Protest bleibt nicht friedlich. Die Ausschreitungen und die massive Antwort deutscher und amerikanischer Sicherheitskräfte gehen als „Stuttgarter Tumult“ in die Geschichte ein. Michael Hoffmann, Leiter des Kompetenzzentrums für geschichtliche Landeskunde im Unterricht, nennt es einen „Kulminationspunkt der Proteste gegen die Einführung der Währungsreform“.
Nach Stetters Rede schalten die Gewerkschaften gegen halb vier am Nachmittag das Mikrofon ab, um zu verhindern, dass Kommunisten das Wort ergreifen. Die Demonstranten beginnen sich zu zerstreuen. Einige ziehen in die Königstraße, wo vor dem Modehaus Stahl sich zum ersten Mal an diesem Tag der Zorn entlädt. Die Polizei drischt mit Schlagstöcken auf die Randalierer ein. Von den umliegenden Dächern hagelt es im Gegenzug Flaschen, Messer und Steine.
Der Berliner Historiker Uwe Fuhrmann beschreibt in seinem Buch „Die Entstehung der ‚Sozialen Marktwirtschaft‘ 1948/49“ die weiteren Ereignisse so: Gegen 16.30 Uhr trifft die US-amerikanische Military Police (MP) am Schauplatz ein. Die Männer und Frauen empfangen sie mit Spottrufen. Die MPs, so wird es später in den Stuttgarter Nachrichten vermeldet, gehen „mit Tränengas und aufgepflanztem Bajonetten gegen die lärmende und pfeifende Menge vor“.
Dann verlagert sich das Geschehen vor den Hauptbahnhof, wo sich rund 6000 Menschen versammeln. Gepanzerte Fahrzeuge der US-Constabulary-Truppen rücken an, die MP-Kräfte werden verstärkt, eine Kavallerieeinheit und berittene deutsche Polizei kommen zum Einsatz. Am Ende stehen, so Fuhrmann, eine unbekannte Anzahl deutscher Polizisten und vier MPs, die durch Steinwürfe und Messerstiche verletzt werden. Mindestens ein Demonstrant trägt schwere Kopfverletzungen davon. Die Zahl der Verhafteten schwankt zwischen 17 und 32.
Aus Furcht vor einer Ausbreitung der gewaltsamen Unruhen greift der US-Militärgouverneur Lucius Clay hart durch: Ein vermeintlicher Anführer der Krawalle, der Dresdner Heinz Mokros, wird im November 1948 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Weitere erhalten Haftstrafen zwischen einem Jahr bis zwei Jahren. Der Inhaber des Modehauses Stahl erhält wegen zu hohem Profiten eine Geldstrafe von 3000 D-Mark.
Clay weist auch sofort eine zehntägige nächtliche Ausgangssperre für das Stuttgarter Stadtgebiet an. Reinhold-Maier, der Ministerpräsident Württemberg Badens, und Oberbürgermeister Arnulf Klett protestieren vergeblich dagegen. Die Ereignisse werden von der internationalen Presse aufgegriffen. Der englische Manchester Guardian spricht von den „Stuttgart Riots“.
Die Massenproteste gegen die Wirtschaftspolitik Erhards im Zuge der Währungsreform gipfelt schließlich im Generalstreik vom 12. November 1948, als neun Millionen Beschäftigte in der amerikanisch-britischen Zone die Arbeit niederlegen. Als Reaktion auf die Tumulte von Stuttgart, so erklärt der Historiker Fuhrmann, organisieren die Gewerkschaften an diesem Tag weder Demonstrationen noch Kundgebungen. Vielerorts, wie in Braunschweig, hat Fuhrmann herausgefunden, wird streikbrechenden Unternehmen und sogar Behörden mit „einer Aktion wie in Stuttgart“ gedroht. Stuttgart ist zu einem Symbol des entschiedenen Widerstands geworden.
Der „heiße Herbst“ 1948 bleibt politisch nicht ohne Auswirkungen: Bereits am 7. Oktober wird ein „Gesetz gegen Preistreiberei“ beschlossen. Wichtigster Erfolg der Massenproteste ist die Aufhebung des Lohnstopps am 3. November 1948 – zu einem Zeitpunkt, als der Generalstreik bereits absehbar ist. Mit einem „Jedermann-Programm“ soll die preiswerte Massenproduktion von Alltagsgütern in der Industrie gefördert werden. Es folgen weitere Beschlüsse, die freien Marktmechanismen einzuschränken.
Die noch heute vielfach wiederholte Formel, dass Ludwig Erhard, der spätere Wirtschaftsminister und Bundeskanzler der Bundesrepublik, „der Vater der Sozialen Marktwirtschaft“ sei, hält der Historiker Uwe Fuhrmann auf diesem Hintergrund für einen wohl gepflegten Mythos. Er sieht vielmehr die massiven Proteste und das „Schreckgespenst einer wirtschaftsdemokratischen Arbeiterbewegung“ als entscheidende Triebfedern, die dann nach 1948 zu einer veränderten, sozialer orientierten Wirtschaftspolitik geführt haben.
Der ehemalige Leiter des Stadtarchivs Stuttgart, Roland Müller, betont, dass man den Protest gleichwohl „nicht kleinrechnet“, wenn man ihn in einen größeren Kontext einbettet. Denn auch in den Reihen der Politiker bis hinein in den Arbeiterflügel der CDU wurden die sozialen Verwerfungen, die durch die Währungsreform entstanden waren, scharf kritisiert: „In der zweiten Hälfte 1948“, so Müller, „waren die Proteste Bestandteil der massiven Kritik großer Teile der deutschen Politik an der sozialen Schieflage der Währungsreform.“
Die soziale Marktwirtschaft als wirtschaftspolitische Idee zu beschreiben, die von den politischen Kräften schließlich umgesetzt wurde, greife zu kurz, sagt Fuhrmann. Sie sei vielmehr das Ergebnis „von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die auf den Märkten, den Straßen, im Betrieb und im Parlament stattfanden“. Nicht zuletzt auf dem Hintergrund des Systemkonflikts zwischen Ost und West waren es erst Massenproteste der Bevölkerung wie jene in Stuttgart, die in der entstehenden Bundesrepublik die Politik zu einer hohen Kompromissbereitschaft zwangen.