Prozess um Erpressung im Kreis Böblingen 17 Gramm Kokain und besoffen Verträge unterzeichnet

Angeklagt sind vier Männer aus Aidlingen, Sindelfingen und Herrenberg. Foto: imago//Arnulf Hettrich

Die teilweise skurrilen Aussagen machen die Geschichte immer merkwürdiger: Im Prozess um gemeinschaftliche Lösegelderpressung und schwere Körperverletzung im Kreis Böblingen äußerten sich jetzt der Hauptangeklagte und der Onkel des Opfers.

Es ist eine merkwürdige Geschichte um geliehene Gelder für Geschäfte und eine Erpressung, die derzeit vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt wird – und die mit jedem Verhandlungstag eine neue überraschende Wendung erfährt. Angeklagt sind vier Männer im Alter von 30 bis 48 Jahren aus Aidlingen, Sindelfingen und Herrenberg, die Vorwürfe lauten auf gemeinschaftlichen erpresserischen Menschenraub, versuchte schwere räuberische Erpressung und gefährliche Körperverletzung.

 

Laut Anklage haben die vier Männer im August vergangenen Jahres den Neffen eines Bekannten des 48-jährigen Hauptangeklagten zusammengeschlagen und auf einen Waldparkplatz in Schönaich verschleppt, um von dessen Onkel 50 000 Euro zu erpressen. Dabei soll ein Messer, Pfefferspray und ein Schlagstock zum Einsatz gekommen sein.

Schwere Vorwürfe

Sie hätten ihm gedroht, einen Finger abzuschneiden oder die Augen auszustechen. Drei von ihnen seien mit dem jungen Mann anschließend noch zu einer Bank gefahren, um 5000 Euro von dessen Konto abzuheben, was jedoch gescheitert sei. Hintergrund sei gewesen, dass der Onkel dem 48-Jährigen Geld geschuldet habe, laut Anklage jedoch nur 9000 Euro.

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Am zweiten Prozesstag schilderte der 48-Jährige seine Sicht der Dinge, was zeitweise sogar bei seinen Mitangeklagten Kopfschütteln und Grinsen auslöste. Der ausgebildete Finanzwirt erklärte, er habe den Onkel kennengelernt und in dessen gut gehende Geschäfte in der Solariumbranche investiert. Zunächst 3000 Euro, etwas später 6000 Euro, die jeweils nur für ein paar Monate geliehen werden sollten. Dafür sollte er an der Rendite beteiligt werden. Später habe er auch 30 000 Euro in Geldanlagen von ihm investiert. „Er wirkte sehr überzeugend und hatte einen Bekannten, der einen weißen Maserati fuhr“, erzählte der 48-Jährige. Weitere 11 000 Euro habe er ihm als Vorschuss für eine Serie von Freiluft-Partys mit DJ im Leuze-Bad gegeben, an deren Einnahmen er beteiligt werden sollte.

Angeklagter erzählt eine andere Version der Geschichte

Irgendwann habe er von einer unbekannten Nummer die Nachricht erhalten, dass der Onkel in Tschechien im Gefängnis sitze. Ein Mann habe geschrieben, er brauche 2000 Euro, um einen Anwalt für den Onkel bezahlen zu können. „Als diese Forderung alle zwei Tage wiederholt wurde, habe ich einem Treffen zugestimmt“, führte der 48-Jährige aus. Da er aber nicht gewusst habe, wer bei dem Treffen auftauchen werde, habe er den 30-jährigen Mitangeklagten, den er aus dem Fitnessstudio kenne, gebeten, aus der Ferne ein Auge auf ihn zu haben.

Bei dem Treffen sei jedoch nicht der angebliche Bekannte des Onkels aufgetaucht, sondern dessen Neffe. Als er diesen nach ein paar Details zu dessen Gefängnisaufenthalt gefragt habe, sei er ins Stottern geraten und dann plötzlich abgehauen. Er habe dann nur noch mitbekommen, wie sein 30-jähriger Kumpel Pfefferspray versprüht habe und den Neffen zusammen mit den beiden anderen Angeklagten, die er vorher noch nie gesehen habe, mit Tritten zu Boden gebracht hätte.

17 Gramm Kokain für den Eigengebrauch?

Der Neffe habe dann gestanden, dass sein Onkel gar nicht im Gefängnis sitze, sondern der angebliche Bekannte sei, der sich unter einer neuen Handynummer gemeldet habe. Das Geld für den Anwalt hätte er per Western Union an seinen Onkel weiterleiten sollen. Der 48-Jährige habe sich wegen der 50 000 Euro, die er sich selbst geliehen hatte, dann an den Onkel gewendet, der ihn aber nur bedroht habe und angekündigt habe, er werde ihn „wegmachen“. Er habe sich dann noch an den Vater des Neffen gewendet, der angeblich eine florierende Firma in Marokko habe. Aber auch von dort habe er kein Geld erhalten. Zwei Tage später sei er im Fitnessstudio festgenommen worden.

Nachfragen des Vorsitzenden Richters, ob hinter all dem nicht Drogengeschäfte stecken würden, verneinte der 48-Jährige vehement. Die 17 Gramm Kokain, die man in seiner Wohnung gefunden habe, seien für den Eigengebrauch gewesen. Notizen in seinem Handy über verschiedene Cannabisarten und Geldbeträge seien nur Überlegungen gewesen, wie viel sich mit einem Onlineshop verdienen lasse, wenn Cannabis legalisiert werde.

Stockbesoffen Verträge unterzeichnet

Der 46-jährige Onkel erklärte im Zeugenstand, es stimme, dass er vom Angeklagten Geld für diverse Investitionen geliehen habe. Die genaue Höhe wisse er jedoch nicht. Er sei meist stockbesoffen gewesen, wenn er die Darlehensverträge beim Feiern in diversen Bars unterschrieben habe. Vor seinem Haus seien danach „merkwürdige Leute“ gestanden, einmal sei er sogar zu seiner Ex-Frau nach Frankfurt geflohen. Den Anklagevorwurf bestätigte er jedoch im Wesentlichen: „Es ist eine Sauerei, was sie mit meinem Neffen gemacht haben. Er ist total kaputt und kann bis heute nicht durchschlafen“, sagte der Mann.

Der Prozess wird am 4. April fortgesetzt, das Urteil soll Anfang Juni verkündet werden.

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