Prozess um tödliche Schüsse bei Mercedes Entlastungszeuge bringt Gerichtssaal zum Brodeln

Der Angeklagte folgt dem Prozess. Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttg/ 

Am fünften Tag im Prozess um die Schüsse im Mercedes-Werk in Sindelfingen am Landgericht Stuttgart stehen zwei Bekannte des Angeklagten im Mittelpunkt des Geschehens. Einen wirft der Richter hinaus.

Nach rund 25 Minuten Zeugenvernehmung reißt sogar dem erfahrenen und mit allen Wassern gewaschenen Schwurgerichtsvorsitzenden Norbert Winkelmann der Geduldsfaden. Nachdem der 58-jährige Mann auf dem Zeugenstuhl selbst auf seine gebrüllte Aufforderung „Jetzt halten Sie endlich mal den Mund“ immer weiterredet, verweist er ihn des Gerichtssaals. Ein kräftiger Beamter führt den Mann heraus, indem er einen Arm um seinen Körper legt und ihm mit der anderen Hand den Mund zuhält. Gleichzeitig haben sich rund 15 Sicherheitsbeamte erhoben und sichern seinen Weg gegen die aufgebrachten Angehörigen der beiden Mordopfer hinaus – es ist eine Szene, wie man sie sonst nur aus politischen Hetzvideos kennt.

 

Und um diese geht es am fünften Verhandlungstag im Mordprozess gegen einen 53-jährigen Mann, der bereits am ersten Prozesstag gestanden hatte, seine beiden Teamleiter der Firma Rhenus aus nächster Nähe an ihrer Arbeitsstätte – der Factory 56 bei Mercedes in Sindelfingen – erschossen zu haben. Als zweiter Zeuge, der von der Verteidigung ins Feld geführt wurde, kommt der 58-Jährige zu Wort, der sich als ein guter Freund des Angeklagten bezeichnet und diesen seit acht bis zehn Jahren kennt.

Erst leises Lachen, dann Empörung im Saal

Er erzählt, dass er mit dem Angeklagten, den er über Facebook kennen gelernt habe, Videos gemacht habe. „Diese hatten jedoch keine unethischen Inhalte. Wir wollten Menschen im Namen der Menschlichkeit aufklären und wurden dafür massiv angegriffen“, erklärt er. „Also alles familienfreundliche Inhalte“, fasst Winkelmann das zusammen. Als der 58-Jährige weiter ausführt, der Angeklagte sei „ein sehr belesener Mann, der Inhalte auf dem Niveau eines Wissenschaftlers“ produziere, ist zum ersten Mal leises Lachen im Saal zu hören. Wenige Sätze später verlassen die ersten Zuschauer mit empörten Mienen den Saal, kurz darauf halten es auch zwei Nebenklägerinnen nicht mehr aus und folgen nach draußen.

Nach rund zehn Minuten fordert Richter Winkelmann den Mann zum wiederholten Male auf, die gestellten Fragen zu beantworten. „Dies ist keine Propaganda-Veranstaltung“, betont der Vorsitzende Richter und erntet dafür ungewollt Beifall von den Zuhörerrängen. „Schmeiß den doch einfach raus, Alter“, sagt ein junger Mann auf den hinteren Bänken. Der 58-Jährige räumt ein, dass in den Videos zum Teil hitzige Worte gefallen seien. „Er hat auch Schimpfwörter benutzt. Aber solche sind auch gegen ihn und mich verwendet worden“, erklärt er aufgebracht.

Zeuge hat mit dem Angeklagten politische Videos gemacht

Nach einer 15-minütigen Pause hatten sich die Gemüter dann wieder beruhigt. Der 58-Jährige entschuldigte sich bei Richter Winkelmann sogar. Der Anwalt der Nebenkläger wollte noch wissen, ob in den Videos Sätze wie „Wir werden unser Land wieder in Obhut nehmen oder wir werden sterben“ gefallen seien, was der Zeuge nicht bestätigte.

Er erzählt, dass der Angeklagte und er auf einer „Todesliste“ stehen würden und er ihn am Vorabend der Tat deswegen angerufen habe. Auf die Frage, von wem die „Todesliste“ sei, hat er keine Antwort. Der Angeklagte habe ihm erzählt, dass er massive Probleme am Arbeitsplatz, mit seinem Pass und in seinem Heimatland habe, wo er viel Geld mit einem Geschäft verloren habe. Wegen der Bedrohungen habe er ihm geraten, sich an die Polizei zu wenden.

Protest gegen den türkischen Präsidenten

Als erster Zeuge des Tages hatte ein 57-jähriger Daimler-Logistiker erklärt, er habe den Angeklagten über das Internet kennen gelernt und ihm den Bewerbungslink geschickt, mit dem er zu seinem Job gekommen sei. Dieser habe ihm sein Leid geklagt, dass er keinen neuen Pass bekomme und keinen Job habe. Als er ihn einmal bei der Arbeit besuchte, habe der 53-Jährige beklagt, dass er wegen seiner Erdogan-kritischen Videos bei der Arbeit schlecht behandelt werde und zu Hause bedroht worden sei.

Er habe den Angeklagten als „gutmütigen und zuverlässigen Mann“ kennen gelernt. Die Videos in den sozialen Medien, in denen die Erdogan-Sippe beleidigt wurde, und in denen Sätze wie „Wenn die Regierung nicht demokratisch abgewählt wird, dürfen wir ihnen keine Überlebenschance geben“ gefallen seien, habe er meist wieder weggeklickt. Bisweilen habe er diese allerdings mit „gute Arbeit“ kommentiert. Nächster Verhandlungstag ist der 13. Dezember, das Urteil soll im Januar verkündet werden.

Kurzer Prozess-Überblick

Tat  Am 11. Mai 2023 erschoss der 53-jährige Angeklagte zwei Vorgesetzte im Sindelfinger Mercedes-Werk.

1. Prozesstag  Beim Prozessauftakt am 9. November räumte der Angeklagte vor dem Stuttgarter Landgericht die Schüsse ein. Als Motiv nennt er Mobbing am Arbeitsplatz.

2. Prozesstag  Bei der Fortsetzung am 21. November werden die Schüsse in einer Sprachnachricht abgespielt. Es kommt zu emotionalen Szenen bei den Angehörigen.

3. Prozesstag  Es kommen acht Zeugen zu Wort, die die Abläufe vor und nach der Tat erläutern.

4. Prozesstag
Beim vierten Prozesstag zu den tödlichen Schüssen im Mercedes-Werk in Sindelfingen haben die Ehefrauen der beiden Opfer ausgesagt. Mit dem Täter gehen die Witwen hart ins Gericht.

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