Prüfungen in Baden-Württemberg Werden die Fahrschüler im Land immer schlechter?

Fast 45 Millionen gültige Führerscheine besitzen die Deutschen über alle Klassen hinweg laut dem Tüv. Foto: imago images// F. Sämmer

Immer mehr Prüflinge fallen durch die theoretische und praktische Fahrprüfung – das sagt zumindest der Tüv. Deckt sich das mit den Erfahrungen von Fahrlehrern? Und wenn ja, woran könnte das liegen?

Digital Desk: Michael Bosch (mbo)

Immer mehr Fahrschüler in Deutschland rasseln durch die Prüfung, die Leistungen werden schlechter. Weil Tests wiederholt werden müssen, sei das System belastet – schon seit Jahren. Zu diesem Urteil kam der Tüv-Verband unlängst und bezog sich dabei auf Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA).

 

Die aktuellsten Daten stammen aus dem Jahr 2021. Demnach hat mehr als jeder dritte Prüfling (37 Prozent) die Theorieprüfung nicht bestanden. Im Vergleich zu 2013 ein Plus von acht Prozentpunkten. Bei den praktischen Prüfungen für die Klasse B stieg die Durchfallerquote von 37 (2013) auf 43 Prozent im Jahr 2021. Was sagen Fahrlehrer zu der Entwicklung? Stimmt sie überhaupt? Oder mangelt es der Jugend gar nicht am Gefühl für Vehikel und Straße?

Wie sieht es mit den Fahrschülern im Ländle aus?

Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbands im Land mit Sitz in Korntal (Kreis Ludwigsburg)  widerspricht. „Wir können einen solchen Trend überhaupt nicht bestätigen“, sagt er. In Baden-Württemberg sei die Zahl derer, die zu Prüfungen antreten und durchfallen jüngst nur geringfügig angestiegen. Bei den sogenannten Ersterteilern – denjenigen, die zum ersten Mal einen Führerschein ausgehändigt bekommen – lag die Nicht-Besteher-Quote zuletzt bei rund 33 Prozent. Ein Plus von rund 1,5 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr. Von den Quoten, die der Tüv veröffentlicht hat, sei man aber weit entfernt. Der leichte Anstieg könne mit der Pandemie, in deren Folge Theorieunterricht online stattgefunden habe, und längeren Pausen zwischen Fahrstunden zusammenhängen, mutmaßt Klima.

Fahrlehrer aus dem Kreis Ludwigsburg, die man nach den Leistungen ihrer Schülerinnen und Schüler fragt, halten es mit dem Verband: Es gebe mal bessere, mal schlechtere Jahrgänge, aber insgesamt sei kein Trend zum Negativen zu erkennen.

Deutlich mehr Fragen bei der theoretischen Prüfung

Auch wenn das, was die Fahrlehrer im Alltag erleben, nicht zu den Statistiken des KBA passt, eines konstatieren sie dennoch: Junge Menschen tun sich prinzipiell schwerer auf dem Weg zum Führerschein. Insgesamt seien sie etwas weniger selbstständig als früher. Was den schriftlichen Teil angeht, sei zu berücksichtigen, dass dieser durchaus kniffliger geworden sei. „Es waren einmal zwischen 800 und 900 Fragen, inzwischen sind es rund 1200. Das wurde immer mehr“, sagt Klima. Zudem sei das bloße Auswendiglernen etwa durch den Einsatz von Filmen anstelle von Fotos erschwert worden.

Thomas Rausch, Inhaber von fünf Schulen in Ludwigsburg, Schwieberdingen sowie Freiberg und seit 18 Jahren Fahrlehrer, hat noch eine andere Theorie: Zum klassischen Fahrschüler, der mit 16, 17, vielleicht auch erst mit 18 das erste Mal hinter dem Steuer sitzt, gesellen sich mittlerweile auch ältere sowie Migranten, für die die hiesigen Verkehrsverhältnisse ungewohnt sind. „Wir merken schon, dass die Leute mit schlechteren Voraussetzungen zu uns kommen.“ Die Sprache spielt dabei durchaus eine Rolle. In Haushalten, in denen das Geld knapp ist, werde zudem oft darauf gedrungen, möglichst wenig Fahrstunden vor der Prüfung zu nehmen – was der Wahrscheinlichkeit zu bestehen nicht unbedingt dienlich sei.

Das Handy als großes Problem

Verzweifelte Eltern, weil die Sprösslinge auf dem Weg zur Fahrerlaubnis ewig brauchen, kennt auch Pino D’Alessandro, Chef der vier Easy-Fahrschulen in Gemmrigheim, Bönnigheim und Bietigheim-Bissingen. Einen Führerschein zu besitzen habe längst nicht mehr den Stellenwert, wie es einmal war, sagt der 47-Jährige, der seit 18 Jahren selbstständig ist. Dass das Interesse am „Lappen“ gesunken ist, erklärt er unter anderem damit, dass Elterntaxis weit verbreitet sind. „Die Leute fahren ihre Kinder heute überall hin. Und dann gibt es noch Bus und Bahn oder E-Roller“, sagt D’Alessandro, „man ist heute auch ohne Auto mobil.“

Das sieht auch Jochen Klima so: „Junge Menschen haben eigentlich keinen Grund mehr, sich Gedanken zu machen, wie sie irgendwo hinkommen.“ Dementsprechend sei die Motivation gesunken, sich vorher mit dem Thema zu beschäftigen und bei den Eltern auch mal über die Schulter zu schauen.

Die meisten jungen Menschen schauen nämlich lieber auf ihr Handy. Mit dem Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, sinke die Aufmerksamkeitsspanne, hat Pino D’Alessandro beobachtet. Er kennt Schülerinnen und Schüler, die nicht in der Lage sind, das Handy während der Fahrstunde in die Tasche zu packen. Stattdessen klemmen sie es sich im Auto unter den Oberschenkel. „Die können einfach nicht ohne, die warten regelrecht darauf, dass es vibriert.“

„Junge Leute sind nicht dümmer geworden“

Ralf Nicolai von der gleichnamigen Fahrschule in Ludwigsburg hält das im Hinblick auf das immer größere Verkehrsaufkommen für problematisch. „Da macht man schneller einen Fehler.“ Aus seiner Sicht hat die Generation der Digital Natives einiges an „haptischen Fähigkeiten verloren“ und tut sich bei der „Bedienung“ schwerer. „Die jungen Leute sind aber nicht dümmer geworden.“

Gibt es immer noch Probleme bei den Prüfungsterminen?

Zahlen
 In Baden-Württemberg fielen laut dem Fahrlehrerverband im Jahr 2021 34 Prozent der Prüflinge – auch die, die eine Nachschulung machten – durch die Theorieprüfung. In der Praktischen waren es rund 26 Prozent. Bei den sogenannten Ersterteilern lagen die Zahlen etwas darüber.

Fahrschulen
 Wer eine Fahrschule sucht, dem wird auf der Seite des Fahrlehrerverbands, der rund 1700 Schulen im Südwesten vertritt, geholfen. Unter der Adresse www.flvbw.de/fahrschulsuche.html gibt es eine Übersicht.

Termine
 Im vergangenen Jahr mussten Fahrschüler oft lange auf einen Termin für die praktische Prüfung warten. Durch Corona und ausgefallene Termine hatte sich eine Bugwelle aufgebaut. In der Region Stuttgart sei die Lage noch angespannt, aber bei Weitem nicht mehr dramatisch, so Verbandschef Klima.

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