Prunksitzung in der Liederhalle Stuttgart „Zigeunerinsel“ bringt den Fasching in Fahrt
Bei der Prunksitzung in der Liederhalle steigt Influencerin Carina Häußermann in die Bütt und verkündet den Ruf der Stadt als Narren-Hochburg über ihr Portal.
Bei der Prunksitzung in der Liederhalle steigt Influencerin Carina Häußermann in die Bütt und verkündet den Ruf der Stadt als Narren-Hochburg über ihr Portal.
Genau 114 Jahre alt und voll auf der Höhe der Zeit: Bei ihrer Prunksitzung ließ die 1910 gegründete Gesellschaft „Zigeunerinsel“ am Samstag in der Liederhalle eine Influencerin in die Bütt steigen. „Wo ich bin, ist vorne“, verkündete Carina Häußermann selbstbewusst im bunten Paillettenmini. Da solle die Welt doch endlich über ihr Portal erfahren, wie die Narren in Stuttgart feiern können: „Also auf, mehr Stimmung bitte!“
Wie die Nächsten in der Bütt, Roland Witt, Vizepräsident des Landeskarnevalsverbandes, und sein Sohn Justin, gab sie einen Vorgeschmack auf die Schwäbische Fasnet aus Donzdorf, die am Sonntag im SWR zu bewundern war. „Der Nachwuchs bringt’s“, freute sich Präsident Thomas Haas, denn „wir wollen allen zeigen, dass der Fasching auch in Stuttgart zu Hause ist“. Und wie!
Mit Freude an der Maskerade. Das Pharaonenpaar schert sich nicht um kulturelle Aneignung, ein finsteres Gothic-Duo hat sich jedes Lächeln verboten, Leuchtkäfer und Elfen schwirren durch den Saal, neben Matrosen, Robin Hood und Clowns taucht sogar ein Eisbär auf. Die Damen bevorzugen Glitzer und Glamour, geben sich teuflisch toll mit neckischen Hörnern in den Locken oder schwingen, wie Stadträtin Esther Fingerle, die Krinoline im Nostalgie-Look.
Allein das bunte Bild der etwa 750 animierten und maskierten Gäste bewies schon den Rang dieser Prunksitzung als ersten Höhepunkt der fünften Jahreszeit, ehe sie mit dem Umzug am Faschingsdienstag nochmals in Fahrt kommt. Und was für eine Performance dann beim Einmarsch mit allen Patenvereinen wie den Schwarzen Störchen, den Filderern, der Renninger Schlüsselgesellschaft, einer venezianischen Gruppe, dem KG Blau-Weiß Stuttgart, den Karnevalsfreunden Esslingen, Los Titzos, der Guggenmusik von Ditzingen und schließlich den 160 Aktiven der „Zigeunerinsel“ mit vier Garden, den Hutzelmännle, dem Elferrat und dem großartigen Spielmannszug – und immer wieder einem kräftigen Tschä Hoi.
Wo kommt das her, was bedeutet es? „Das weiß keiner“, musste Thomas Haas zugeben. Ihren Faschingsadel wählt die „Zigeunerinsel“ offenbar erfolgreich nach Gehör, denn Baron Thorsten I. vom Sonnenschein, der mit Jungbaronin Larissa I. vom Schönbühl im Duett sang, ist ebenso stimmgewaltig wie die früheren Baroninnen Nina und Romina, die den Saal rockten. Auch zum Vergnügen des echten Adels, den Haas begrüßen konnte: die Hoheit Eberhard von Württemberg nebst Gattin Gabi. Entschuldigen ließ sich wegen plötzlicher Erkrankung OB Frank Nopper. „Wir haben uns schon so darauf gefreut, seine Frau Gudrun als Barbie bewundern zu können“, bedauerte Haas.
Dafür hatten sich neben der ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Karin Maag auch Gemeinderatsmitglieder wie CDU-Fraktionsvorsitzender Alexander Kotz, Andrea Münch (Bündnis 90/Die Grünen) und Lucia Schanbacher (SPD) das Vergnügen nicht entgehen lassen. Fred-Jürgen Stradinger (CDU) ist längst Ehrensenator. Wehende Röckchen und wirbelnde Beine: Die Gardemädchen waren Publikumslieblinge. Allen voran die Tanztruppe der Filderer, die in einer mitreißenden Show mit Flickflacks und radschlagend über die Bühne fegten. Akrobatik und Anmut, gegen die sich Sänger Robin Henderson und die Guggenmusiker Los Titzos lautstark behaupteten. Dass die Sitzung im Saale weit nach Mitternacht mit einer Stehparty im Foyer endete, gehört dazu. Und der Fasching ist ja noch nicht vorbei.
Unsere Redaktion verwendet den Begriff „Zigeuner“ nicht. Da es sich bei diesem Wort nicht um eine Eigenbezeichnung der Roma und Sinti handelt, sondern um eine abwertende Fremdbezeichnung, mit der Sinti und Roma ausgegrenzt werden. Der Begriff ist mit der Verfolgung dieser Menschen während der NS-Zeit verbunden. Die Karnevalsgesellschaft „Zigeunerinsel“ will jedoch an ihrem Namen festhalten und nennt dafür historische Gründe: Die Gesellschaft sei 1910 als Bürgerverein auf dem ehemaligen Spitalacker auf der Hoppenlau ins Leben gerufen wurde. Dort siedelten „Zigeuner“ an, wie man sie damals genannt habe, weil sie innerhalb der Stuttgarter Stadtmauer nicht geduldet waren. Die Karnevalsgesellschaft erinnere damit an die Ausgrenzung und Diskriminierung dieser Menschen.