Psychische Gesundheit bei Jugendlichen Junge Menschen gelten als „die einsamste Generation“

Einsamkeit war auch beim Karneval in Köln dieses Jahr ein Thema. Foto: IMAGO/Horst Galuschka/IMAGO/Horst Galuschka

Immer mehr Jugendliche in Deutschland machen sich Sorgen um ihre mentale Gesundheit und fühlen sich „sehr einsam“. Das haben aktuelle Studien ergeben. Warum das nicht nur für das Gesundheitswesen, sondern auch für die Demokratie gefährlich ist.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Einsamkeit ist ein Problem, das längst nicht mehr nur ältere Menschen oder Singles betrifft. Während der Coronapandemie haben sich vor allem viele junge Menschen einsam gefühlt. Keine Schule, keine Uni, keine Hobbys, keine Freunde – viele waren gezwungen, viel Zeit allein daheim im Kinderzimmer zu verbringen. Mit den Impfungen wurden die strikten Coronamaßnahmen aufgehoben, ein Leben ohne Beschränkungen war wieder möglich.

 

Seit der Pandemie fühlen sich junge Menschen einsam wie nie zuvor

Was geblieben ist: die Einsamkeit. Nach wie vor sorgen sich rund 41 Prozent der jungen Deutschen zwischen 18- und 30-Jahren um ihre psychische Gesundheit – deutlich mehr als ältere Befragte (26 Prozent). Zudem fühlen sich viel mehr junge Erwachsene einsam, als es bei den 31- bis 70-Jährigen der Fall ist.

Das ergab eine kürzlich veröffentlichte europaweite repräsentative Umfrage von 2248 Menschen des Meinungsforschungsinstituts Glocalities im Auftrag der Bertelsmann- Stiftung, die von Februar bis April 2023 durchgeführt wurde. Unter den Befragten waren 516 Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. Die Befragung war ein Teil der Studie „Jung. Kritisch. Demokratisch – Perspektiven junger Erwachsener auf die Herausforderungen unserer Zeit“.

Auffällig sind in der Befragung die Unterschiede zwischen den deutschen Jugendlichen und denen aus anderen europäischen Ländern. So glaubt dort rund ein Drittel im selben Alter, dass sich ihre psychische Gesundheit in Zukunft sogar verbessern wird. In Deutschland ist es lediglich ein Viertel, das diese Hoffnung hat.

Kürzlich schrieb die britische „Daily Mail“, die Generation Z sei laut Statistiken „die einsamste Generation“. Laut dem Büro für nationale Statistiken fühlten sich Menschen im Alter zwischen 16 und 29 Jahren doppelt so häufig wie über 70-Jährige oft oder immer einsam.

Die Verzweiflung scheint groß zu sein: Junge Menschen greifen laut der Tageszeitung sogar auf „Freundschaftsbewerbungen“ auf Facebook und Tiktok zurück, um Anschluss zu finden. Der hashtag #friendapplications habe auf Tiktok bereits über 10 000 Posts. Britische Gesundheitsexperten sehen die Pandemie und soziale Medien als Ursache dafür.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen übrigens auch deutsche Untersuchungen. Einsamkeit sei „ein Massenphänomen“, hieß es bereits im November 2023 bei der Veröffentlichung einer Studie von Einsamkeitsforschern der Universitäten Bochum, Dortmund und Duisburg-Essen, die im Auftrag der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen (NRW) in dem Bundesland durchgeführt wurde. Der Ministerpräsident von NRW, Hendrik Wüst, nannte im Anschluss Einsamkeit die „neue soziale Frage unserer Zeit“. Unter fast 1000 Jugendlichen zwischen 16 und 20 Jahren, die im Herbst 2023 in dem Bundesland zu ihren Gefühlen befragt worden waren, fühlten sich rund 16 bis 18 Prozent „sehr einsam“. Bei den jüngeren Befragten – 1250 Achtklässler zwischen 13 und 15 Jahren – waren es circa vier bis elf Prozent.

Risikofaktoren sind unter anderem Armut und soziale Medien

Die Professorin Maike Luhmann, die die Ergebnisse der Studie vorstellte, sagte laut der Presseerklärung, die Zahlen deuteten daraufhin, dass inzwischen mehr Jugendliche und junge Erwachsene von Einsamkeit betroffen sind, als dies noch vor der Pandemie der Fall gewesen sei. „Einsamkeit ist zwar eine Erfahrung, die zum Leben dazugehört, wie man auch an den Zahlen zur moderaten Einsamkeit sieht. Aber aus starker Einsamkeit kommen viele nicht mehr alleine heraus“, sagte Luhmann. Deshalb sei sie besorgt über die gestiegenen Zahlen unter jugendlichen und jungen Erwachsenen. Als Ursachen für Einsamkeit konnten die Forscher Armut, Diskriminierungserfahrungen oder negative Lebensereignisse ausmachen. Die Jugendlichen, die angaben, sich sehr einsam zu fühlen, verbrachten zudem weniger Zeit mit Freunden oder Sport und dafür mehr mit alleiniger Mediennutzung. Immerhin machten die, die sich einsam fühlten, häufiger eine Psychotherapie.

In vielen wissenschaftlichen Studien wurde inzwischen nachgewiesen, dass Einsamkeit langfristig psychische Krankheiten wie Depressionen und Ängste begünstigen kann, aber auch körperliche Symptome wie Herzkreislaufbeschwerden, Schlafstörungen und Adipositas auslösen kann.

Einsame Jugendliche neigen zu extremistischen Einstellungen

Doch nicht nur Krankheiten machen Einsamkeit zu einem Risikofaktor. Abgesehen von den gesundheitlichen Aspekten hat das Thema auch eine nicht unerhebliche Relevanz für die Demokratie. So haben die Forscherinnen Claudia Neu, Beate Küpper und Maike Luhmann in ihrer Studie „Extrem einsam“ aus dem Jahr 2023 herausgefunden, dass es einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit bei Jugendlichen und autoritären Einstellungen gibt.

Die befragten Jugendlichen, die sich besonders einsam fühlten, waren von der Demokratie nur bedingt überzeugt. Zudem hatten sie zwar einerseits eine klare politische Meinung, schätzten aber umgekehrt ihren politischen Einfluss als sehr gering ein. Dadurch fehlte es ihnen an Selbstwirksamkeit.

„Und da es in der vorliegenden Studie um Jugendliche geht, können wir durchaus von Auswirkungen auf die Zukunft unserer Demokratie sprechen“, so das Fazit der Studienautorinnen. So zeigten junge Menschen, die sich über einen längeren Zeitraum einsam, unverstanden und unverbunden fühlten, generell eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie Verschwörungserzählungen glaubten, politische Gewalt billigten und autoritären Haltungen zustimmten.

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