Sie ist für alles zu begeistern. Oft habe sie großartige Ideen. Verabredungen sagt sie erst mal alle zu. Im nächsten Moment ist sie von der Bildfläche verschwunden. „Ich komme zu spät zum Treffen, sage am Tag der Geburtstagsfeier ab oder antworte einfach nicht mehr auf die Frage, ob Montag 16 Uhr passt“, erzählt Angelina Boerger. Sie macht es nicht mit Absicht, sie schafft es schlicht nicht. Boerger hat ADHS, kurz für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.
Bei ADHS denken viele an kleine Zappelphilippe, die in der Schule nicht still sitzen können und ständig stören. Die Krankheit wird eher bei kleinen Jungs diagnostiziert. Die 31-jährige Journalistin ist deshalb nur durch Zufall mit 29 auf die Krankheit gestoßen. Eine Studentin schilderte in einer Fernsehsendung den Weg zu ihrer ADHS-Diagnose. Boerger dachte beim Zuschauen: „Krass, ich kenne das 1:1 alles.“
Die ADHS-Diagnose erhält sie nur per Zufall
Alltägliche Aufgaben kosten sie viel Energie. Ständig verlegt sie ihren Geldbeutel, steigt in die falsche Bahn oder vergisst eine Verabredung. Phasen, in denen sie alles schafft, wechseln sich mit Phasen ab, in denen sie plötzlich nichts mehr hinbekommt. Dass ihr Gehirn irgendwie anders tickt, das wusste sie immer. An ADHS dachte sie nie.
Nach der Sendung recherchiert sie viel deshalb, macht Onlinetests, liest Studien. Irgendwann folgt auch die offizielle Diagnose ADHS. „Das war erst einmal eine riesige Erleichterung“, sagt sie, weil es so viel erklärt habe. Sie ist nicht faul, antriebslos oder entscheidungsschwach. Vorurteile, mit denen viele Menschen, die an ADHS erkrankt sind, konfrontiert werden.
Die Hauptsymptome sind Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität. „Für eine Diagnosestellung muss eine definierte Anzahl an Symptomen und ein gewisser Ausprägungsgrad vorhanden sein“, sagt Daniel Schöttle, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Asklepios-Klinik Harburg. Häufig seien Menschen mit ADHS unaufmerksam und unkonzentriert bei Dingen, die mäßig bis wenig interessant sind, könnten dafür aber bei spannenden Themen durchaus hyperfokussiert sein. Oft sei auch das Verhalten auffällig: nicht lange still sitzen können, Mikrobewegungen wie mit dem Stuhl kippeln, andere unterbrechen, ausgeprägte Ungeduld können Symptome sein. Auch haben Menschen mit ADHS oft soziale Probleme wegen ihrer Verhaltensweisen – ihrer Zerstreutheit, ihrer Unzuverlässigkeit oder ihres impulsiven Verhaltens.
Rund drei bis fünf Prozent der Erwachsenen leiden in Deutschland an der Krankheit – viele wissen nichts davon. Das mag daran liegen, dass sich viele Mythen darum ranken und es teils stigmatisiert ist. So sagte im Jahr 2013 der dänische Familientherapeut Jesper Juul, ADHS bei Kindern sei schlicht „die Folge professioneller Vernachlässigung durch die Eltern“. Aktuelle Forschungsergebnisse legen allerdings nahe, dass etwa 80 Prozent aller ADHS-Erkrankungen erblich bedingt sind und es in vielen Familien schlicht gehäuft vorkommt. Viele bezeichnen inzwischen Menschen, die an ADHS oder einer Autismus-Spektrum-Störung leiden, als neurodivergent. Die Bezeichnung habe eine entpathologisierende und auf die Stärken von Menschen mit ADHS oder Autismus abzielende Sichtweise, sagt Schöttle.
ADHS ist meistens erblich bedingt
ADHS gilt als Trenddiagnose, in sozialen Netzwerken wie Tiktok sind laut Studien Selbstdiagnosen dazu am meisten verbreitet. „Aber nicht jeder, der keine Lust auf seine Steuererklärung hat, leidet an ADHS“, betont Schöttle. Während man früher gedacht habe, ADHS komme nur bei Kindern vor, wisse man heute, dass es bei rund 50 Prozent der Erwachsenen – in unterschiedlicher Ausprägung – noch vorhanden sei. „Es wird tatsächlich viel öfter übersehen“, sagt er.
Häufig erkranken Menschen mit ADHS später an Ängsten, Depressionen oder an einer Abhängigkeitserkrankung. Es bestehe eine hohe Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen, sagt Schöttle.
Es sei selten, dass es als alleinige Krankheit vorkomme. „Vor allem bei alkoholabhängigen Menschen hat bis zu jeder fünfte Betroffene zusätzlich eine ADHS.“ In manchen Studien zeige sich zudem, dass Mädchen und Frauen seltener durch hyperaktiv-impulsives Verhalten auffallen, sondern eher verträumt und unkonzentriert sind.
Auch der Mythos, wer beruflich erfolgreich sei, könne nicht daran leiden, sei falsch. Es hänge auch immer davon ab, in welchem Umfeld sich die betreffende Person befinde. So seien Menschen mit ADHS eher Schauspieler oder Musiker als Sachbearbeiter bei einer Bank. „Sie müssen die richtige Nische finden“, sagt Schöttle. Ein Bereich eben, in dem ihr zum Beispiel quirliges, sprunghaftes, kreatives und leicht ablenkbares Verhalten eher gefördert wird. „Deshalb stehen viele Menschen total im Leben – trotz oder gerade aufgrund der ADHS“, sagt Schöttle.
Kampf gegen das Stigma und die Unwissenheit
So geht es eigentlich auch Angelina Boerger. Sie hat ihr Abitur und ihr Studium gut geschafft. „Ich kann mich gut auf Dinge konzentrieren, auf die ich Lust habe“, sagt sie. In der Schule sei sie meist eine gute Schülerin gewesen, aber oft wurde ihr gesagt, sie bleibe unter ihrem Niveau. „Ich habe oft meine Sachen vergessen oder die falschen Aufgaben gemacht – aber meine schnelle Auffassungsgabe hat mich oft gerettet.“ Sie habe nicht permanent Probleme gehabt in der Schule. Oft seien diese eher sozialer Art gewesen. „Ich hatte viele Diskussionen, habe oft Widerworte gegeben.“ Sie habe für ihr Leben gerne mit Lehrern diskutiert, wenn sie etwas unfair fand oder anders sah. „Aber meistens höflich, sodass mir niemand böse war.“
Heute kämpft sie gegen die Stigmatisierung der Krankheit. Sie betreibt den Instagram-Kanal „Kirmes im Kopf“, kürzlich ist ihr gleichnamiges Buch erschienen. Auch weil sie auf dem Weg zu ihrer Diagnose selbst einige Hürden überwinden musste und lange nicht wusste, was mit ihr eigentlich nicht stimmt. Als sie ihre einstige Therapeutin auf ihren Verdacht ansprach, winkte diese nur ab: „Kenne ich mich 0,0 mit aus, hätte ich jetzt aber auch nicht bei Ihnen vermutet.“
Hyperfokussiert und begabt
Heute nimmt sie Medikamente, macht eine spezifische Therapie und versucht ihren Alltag so zu gestalten, dass sie sich nicht verzettelt. Sie hat seitdem das Gefühl, dass sie mehr die positiven Seiten der Krankheit sehen kann: die Kreativität, ihren Ideenreichtum, sie liebt es, den Problemen von anderen zu lauschen und diese zu unterstützen oder anderen zu helfen. „Viele Erwachsene berichten von einem deutlichen Benefit durch die bei ADHS eingesetzten Medikamente“, sagt Daniel Schöttle. Sie seien jedoch nicht bei allen Betroffenen unbedingt notwendig. Alleine das Wissen um die eigene ADHS, eine Psychotherapie, Ausdauersport oder eine Ergotherapie können ebenso helfen.
Angelina Boerger sagt auch: „Seit ich die wissenschaftliche Erklärung habe, warum mein Gehirn so ist, seitdem akzeptiere ich mich selbst mehr.“ Und sie weiß auch, was weiterhin, wahrscheinlich für immer, schwierig bleiben wird: „Meine Sprunghaftigkeit, die plötzliche Erschöpfung – und dass eben mein Hirn und mein Körper oft nicht das Gleiche wollen“, sagt sie. „Manchmal sind sie ein unschlagbares Team, manchmal kämpfen sie gegeneinander.“
Krank oder doch nur neurodivergent?
Spektrum
Ist ADHS eine Erkrankung oder ein Ausdruck der menschlichen Neurodiversität? Oder sind dies unterschiedliche Spektren menschlichen Erlebens und Verhaltens? Oder ist es beides? Viele bezeichnen heute Menschen, die an ADHS oder auch einer Autismus-Spektrum-Störung leiden, schlicht als neurodivergent. Dies bedeutet einfach nur, die kognitiven Gehirnfunktionen eines Menschen weichen von denjenigen ab, welche die Gesellschaft als innerhalb der Norm liegend betrachtet.
Studien
Die Entstehung der Neurodiversitätsbewegung liegt in Amerika durch autistische Aktivisten, die sich seit Anfang der 1990er Jahre für die Rechte neurodivergenter Menschen engagieren. Der Begriff Neurodiversität soll „den Umstand beschreiben, dass das menschliche Gehirn auf verschiedene Weise neuronal vernetzt sein kann und neurobiologische Unterschiede respektiert werden sollten“. Neuronale Unterschiede werden nicht als etwas Ungewöhnliches, sondern als etwas völlig Natürliches gesehen. Neurodivergente Strukturen werden in Konsequenz daraus nicht als Störungen definiert, sondern als „Ausdruck menschlichen Seins“. Weitere Informationen gibt es auch auf der Seite www.forum-neurodivers.de. (nay)