Psychische Störungen Warum nicht jeder, der uns kränkt, ein Narzisst ist

Narzissmus ist ein umstrittener Begriff – viele halten selbstbewusste Menschen schon für ausgemachte Narzissten. Foto: Imago/Photo Alto/Gabriel Sanchez

Die Persönlichkeitsstörung ist populär geworden. Überall lauern selbstverliebte, gnadenlose Egoisten: beim Dating, in der Politik, in Chefetagen. Aber ist das wirklich so? Eine Aufklärung über den großen Mythos Narzissmus.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Der kühle Ex-Partner, der einen betrogen hat? Ein Narzisst! Der cholerische Chef? Natürlich ein Narzisst! Der Kollege, der sich in der Konferenz immer so aufspielt? Auch er, ein Narzisst. Selbstverliebt, arrogant, egoistisch – so definiert sich im Volksmund der Typus des Narzissten. Angelehnt an den antiken Narziss-Mythos, nachdem sich der schöne Jüngling Narziss in sein eigenes Spiegelbild verliebt hat – und letztlich an mangelnder Liebe stirbt.

 

Narzissmus ist zu einem Modeschimpfwort geworden

Inzwischen sehen viele an jeder Ecke Narzissten. Aber nicht jeder, der uns kränkt, verletzt oder mit unseren Gefühlen spielt, ist ein Narzisst oder gar psychisch krank. Findige Coachs oder selbst ernannte „Therapeuten“ überschlagen sich auf sozialen Netzwerken wie zum Beispiel auf Instagram mit platten Tipps und Ratschlägen wie „Dinge, die ein Narzisst nicht fühlt“ oder „So verhält sich der Narzisst nach der Trennung“. Für viele scheint Narzissmus schon ein Geschäftsmodell zu sein.

Nun ist es immer schwierig, psychische Krankheiten anhand einer Instagram-Kachel zu erklären, zu komplex ist oft eine Diagnose. Was gilt als gesunder Narzissmus? Was ist gerade noch normal, und was ist eine Persönlichkeitsstörung? Diese Diagnose ist mitunter auch von Experten wie Psychiatern oder Psychologen schwer zu stellen und erfordert deshalb umfangreiche Untersuchungen und Tests sowie klinische Erfahrung.

Die Wissenschaft und die klinische Psychologie unterscheiden sich

„Bin ich ein Narzisst? Oder einfach nur selbstbewusst?“, fragen die Psychiater Claas-Hinrich Lammers und Gunnar Eismann deshalb in ihrem gleichnamigen Buch provokant. Narzissmus sei nicht gleich Narzissmus, schreiben die beiden Fachärzte. Problematisch sei, dass die Wissenschaft und die klinische Psychologie keine einheitliche Definition verwendeten.

Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, wie man die krankhafte Form des Narzissmus in der klinischen Psychologie nennt, ist eine tiefgreifende Störung der Persönlichkeit. Neun Kriterien listet das amerikanische psychiatrische Diagnosesystem DSM-5 auf – fünf davon müssen mindestens zutreffen. Kommen viele dieser Eigenschaften bei einer Person zusammen und sind so markant, dass diese Menschen immer wieder soziale Normen, aber auch ethische und juristische Grenzen überschreiten, kann es sich um eine Persönlichkeitsstörung handeln. Das ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zum 1. Januar 20 22 die spezifischen Persönlichkeitsstörungen wie die narzisstische nun aber komplett aus dem Katalog gestrichen. Die Häufigkeit der narzisstischen Störung lag bisher bei etwa 0,5 bis 2,5 Prozent in der Bevölkerung – sie ist also eher selten.

Die Wissenschaft definiert Narzissmus jedoch anders: In der Persönlichkeitspsychologie, so Lammers und Eismann, gilt Narzissmus als Persönlichkeitsmerkmal, welches in der Bevölkerung ähnlich wie die Körpergröße oder die Intelligenz normalverteilt ist. Das bedeutet: Die meisten Menschen zeigen mittlere Werte auf. Die beiden Psychiater halten den Begriff daher eigentlich für irreführend, da er eine klare Unterscheidung zwischen Normalität und Krankheit nahelege.

Die Eltern sind nicht immer schuld

Auch Mitja Back, Professor für Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Münster, ist skeptisch bei dem Thema: „Um Narzissmus ranken sich so viele Mythen.“ Ebenso darüber, wo dieser herkomme. Dafür werden gerne die Eltern herangezogen. „Viele sind der Meinung, elterliche Kälte führe zu Selbstunsicherheit, welche dann mit Narzissmus überspielt wird. Dafür spricht wenig“, sagt Back.

Auch das Gegenteil werde häufig als Ursache genannt: übermäßig lobende Eltern. „Dafür gibt es etwas mehr Evidenz“, sagt Back und ergänzt: „Die Erziehung hat aber insgesamt nicht so einen großen Einfluss auf den Narzissmus der Kinder, wie viele glauben.“ Deutlich klarer sei der Einfluss der Eltern über ihre Gene. Ist Narzissmus angeboren? „Ja, es gibt eine klare genetische Komponente“, sagt Back. Man gehe in der Wissenschaft von rund 50 Prozent aus, die durch unsere Umwelt beeinflusst werden – und das seien überhaupt nicht immer die Eltern, sondern auch Kindergarten, Schule, Partner oder das berufliche Umfeld spielen eine Rolle.

Die Schwelle, ab wann Narzissmus noch gesund und ab wann er krankhaft ist, sei ebenfalls eher fließend. In jungen Jahren seien narzisstische Merkmale ausgeprägter, weil Menschen in der Zeit eher in ihr persönliches Vorankommen investieren. Oft sind es sehr ehrgeizige Menschen, die recht erfolgreich sind, häufig sind sie in Führungspositionen zu finden. Aus wissenschaftlicher Sicht haben narzisstische Menschen unter anderem einen Hang zur eigenen Großartigkeit, ein ausgeprägtes Anspruchsdenken und ein großes Bedürfnis nach Bewunderung. Sie neigen zu Dominanz und reagieren bisweilen recht empfindlich auf Kritik.

Narzissten gelten als ausgesprochene Fieslinge

Narzissten haben ein mieses Image. „Oft wird ihnen etwas Fieses, etwas Krankhaftes, etwas Pathologisches nachgesagt“, sagt Back. „Das ist es nicht.“ Viele hielten sich für etwas Besonderes und strebten zu Höherem. „Das bringt aber durchaus auch Kraft für besondere Leistungen und Erlebnisse mit sich.“ Von den weit verbreiteten Klischees und Vorurteilen hält der Psychologe daher relativ wenig. Narzissmus sei in vielen Fällen zu einem Stigma verkommen. Man solle sich klarmachen: „Narzissmus ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die wir alle mehr oder weniger ausgeprägt in uns tragen. Und die fasziniert, weil sie mit so viel Power daherkommt. Im Positiven, wie im Negativen“, betont Back.

Mit dem Narzissmus der anderen erklären wir gescheiterte Beziehungen

Warum ist Narzissmus so eine beliebte Diagnose in der Alltagspsychologie geworden? „Der Mythos der ‚bösen Narzissten‘ ist oft eine nahe liegende und hilfreiche Erklärung, warum sich jemand schlecht gegenüber uns verhält“, sagt Mitja Back. Verwendet werde sie deshalb oft im Beziehungsbereich, gerne im Zusammenhang mit anderen Modebegriffen wie „toxisch“ oder „Gaslighting“. „Die Begriffe werden oft herangezogen, wenn eine Beziehung gescheitert ist“, sagt der Psychologe. „Wir haben dann das Gefühl, es liegt nicht an uns. Es hat also in manchen Fällen auch einen selbstwertdienlichen Charakter.“

Und tatsächlich, wer unter einschlägigen Posts auf Instagram weiterliest, der findet sehr häufig genau das: viele, viele Kommentare von enttäuschten Frauen, die überzeugt sind, Opfer eines Narzissten geworden zu sein. Und ja, es gibt viele Beziehungen, in denen Missbrauch stattfindet oder einem schwere Verletzungen zugefügt worden sind. Aber statt eigene Diagnosen zu suchen, ist es hilfreicher, sich professionelle Unterstützung bei einem Psychotherapeuten zu suchen.

Kriterien und hilfreiche Literatur

Diagnose

Kennzeichen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung nach DSM-5: Grandioses Gefühl von Wichtigkeit, Übertreiben eigener Leistungen und Talente; Fantasien von Erfolg, Macht, Schönheit oder perfekter Liebe; Glaube, besonders zu sein und nur mit besonderen Menschen auf Augenhöhe zu sein; Verlangen nach Bewunderung; Anspruchshaltung und Erwartung, bevorzugt behandelt zu werden; nutzenorientierte Beziehungen; Mangel an Empathie und Rücksicht auf Gefühle und Bedürfnisse anderer; Neid oder Vermutung, andere seien neidisch sowie Überheblichkeit.

Bücher
„Bin ich ein Narzisst? Oder einfach nur sehr selbstbewusst?“ von den Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie Claas-Hinrich Lammers und Gunnar Eismann. Das Buch erläutert ausführlich, was Narzissmus wirklich ist – und was ihm nur gerne nachgesagt wird. Zudem enthält das Buch einen Selbsttest. (nay)

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