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Herr Junghöfer, warum macht Radfahren glücklich?
Vermutlich weil es eine Bewegung ist, die irgendwo zwischen Fliegen und Schwimmen liegt. Selbst wenn jemand ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hat, spürt er das nicht. Außerdem kommt man mit relativ wenig Energieaufwand gut voran. Radfahren spricht zudem alle Sinne an. Ich spüre mich und meinen Körper, höre die Vögel zwitschern, rieche die Natur. Na gut, Autos rieche ich auch.
Sie haben vor 25 Jahren Ihr Auto abgeschafft. Gab es ein bestimmtes Erlebnis?
Da kam einiges zusammen. Ein Grund war, dass wir uns damals eine Eigentumswohnung gekauft haben, die wir uns eigentlich hätten nicht leisten können. Also habe ich mir durchgerechnet, was das Auto kostet und bin auf 800 Mark im Monat gekommen. Man belügt sich da oft selbst bei den Kosten und hat nur das Benzin auf dem Schirm. Wir wohnten in der Bonner Altstadt, wo es kaum Parkplätze gab. Allein durch Knöllchen kamen bis zu 200 Mark im Monat zusammen.
Und seither sind Sie ein glücklicherer Mensch?
Nein und ja, ganz so einfach ist es nicht. Anfangs bin ich ein paar Mal gestürzt, das war frustrierend. Es hat gedauert, bis ich gemerkt habe, dass die Autofahrer mich nicht wahrnehmen.
Und wann lief es besser?
Die wesentliche Verbesserung bestand darin, dass ich mein Verhalten auf dem Rad verändert habe. Anfangs fuhr ich rum wie zuvor mit dem Auto. Wenn man Auto fährt, nimmt man Rücksicht auf die anderen Autofahrer, aber im Wesentlichen nur auf die. Die anderen Verkehrsteilnehmer kommen in der Wahrnehmung so gut wie nicht vor.
Inwiefern haben Sie Ihr Verhalten verändert?
Indem ich etwa Strecken mit Ampeln gemieden habe, wenn das möglich war. Zum einen, weil Ampeln meist unnötig sind, zumindest die in Bonn. Zum anderen, weil man durch sie aus dem Tritt kommt. Wenn ich fahre, schwitze ich und lasse mich vom Fahrtwind kühlen. Sobald ich aber stehe, fällt die Kühlung aus und der Köper produziert mehr Schweiß. Also fahre ich lieber.
Sie sagen: Autofahrer nehmen nur andere Autofahrer wahr. Was bedeutet das für Sie als Radler?
Dass Autofahrer oft zu nahe an einem vorbeifahren. Ich habe extreme Fälle auch schon angezeigt. Aber zum einen ist das nur eine Ordnungswidrigkeit. Zum andern haben sie ohne Zeugen keine Chance. Ein Verkehrspsychologe aus Würzburg ist dem Phänomen wissenschaftlich auf den Grund gegangen und hat festgestellt, dass der Abstand von etlichen Faktoren abhängt. Wenn er sich einen Zopf an den Helm gehängt hat, wurde er mit größerem Abstand überholt. Offenbar nehmen Autofahrer auf Frauen mehr Rücksicht. Ich habe bei meinem ersten Experiment eine Dachlatte benutzt.
Und was haben Sie mit der gemacht?
Die habe ich vorne mit zwei Fingern gehalten. Links ragte sie knapp 1,50 Meter in die Straße rein. Kaum war ich losgefahren, riss mir ein Streifenwagen die Latte aus der Hand. Die Polizisten haben sich fürchterlich aufgeregt und mir mit einer Anzeige gedroht. Bis ich Ihnen erklärt habe, dass sie zu dicht an mir vorbeigefahren sind. Auf die Anzeige warte ich noch heute. Daraufhin habe ich mir im Supermarkt eine kleine Kamera gekauft.
Zu welchem Zweck?
Um mir ein Gerät basteln zu können, mit dem man den Abstand der vorbeifahrenden Autofahrer recht genau messen kann.
Lassen Sie mich raten: Das Ergebnis war, dass die meisten zu wenig Abstand halten?
Ja, aber interessant ist, wo man am meisten ignoriert wird. Nämlich dort, wo auf der Straße ein Radstreifen auf dem Asphalt aufgemalt ist. Für mich ist dieser sogenannte Sicherheitsstreifen eher ein Unsicherheitsstreifen. Aus psychologischer Sicht überrascht das wenig: Autofahrer sind es gewohnt, dass jeder auf seiner Spur fährt. Also fahren sie auf ihrer Spur an einem vorbei, ohne 1,50 Meter Abstand zu halten. Der durchschnittliche Abstand betrug 1,33 Meter. Bei 60 Prozent lag der Abstand deutlich unter 1,50 Meter. Nach 963 Messungen habe ich mein Experiment eingestellt.
Weshalb?
Dann kam der Lockdown. Außerdem haben mich die Ergebnisse zu sehr geärgert. Das tut meiner Seele nicht gut.
Das heißt, Sie haben sich wieder auf das Schöne besonnen.
Ja, Radfahren ist eine tolle Form des Sich-Fortbewegens – und gelenkschonend. So lange man nicht herunterfällt. Aber ich will nicht klagen. Manches ist auch besser geworden.
Nämlich?
Ich habe schon das Gefühl, dass manche Fahrerinnen und Fahrer mit mehr Rücksicht gegenüber Radfahrern unterwegs sind. Aber es gibt eben immer noch böse Ausreißer. Vor allem auf Straßen, die als Radstraßen ausgewiesen sind. Und bei Ihnen in Baden-Württemberg ist trotz eines grünen Verkehrsministers die Lage nicht besser.
Sie sind auch bei uns unterwegs?
Vor zwei Jahren habe ich meinen Sohn in Tübingen besucht und bin von Villingen-Schwenningen am Neckar entlanggefahren. Da habe ich mich schon an manchen Stellen über den Zustand und die Streckenführung des Neckartalradwegs gewundert.
Wir sollten aber nicht übersehen, dass das schwächste Glied die Fußgänger sind.
Das Problem fängt eben damit an, wenn man meint, Fußgänger und Radler auf denselben Weg verbannen zu müssen. Hin und wieder verläuft da zwar eine Linie, die Radler von Gehern trennen soll, aber die scheint niemanden wirklich zu interessieren. Eine interessante Erfahrung habe ich vor gut zehn Jahren gemacht. Als das Ruhrgebiet Kulturhauptstadt Europas war, wurde an einem Sonntag die A 40 für Autos gesperrt. Ich bin damals von Wattenscheid nach Dortmund geradelt und musste feststellen, wie popoglatt der Straßenbelag war. Uns Radler schickt man auf Wege, auf denen sich selbst Geländewagenfahrer schwertun würden.
Haben Sie jemals bedauert, Ihr Auto abgeschafft zu haben.
Niemals! Obwohl wir die teure Wohnung irgendwann verkauften und ich mir wieder ein Auto hätte leisten können. Wenn man in einem Ballungsgebiet mit gutem Personennahverkehr lebt, braucht man kein Auto. 80 Prozent aller Autofahrten enden nach spätestens acht Kilometern. Nur mal angenommen, wir würden dabei das Fahrrad benutzen, dann könnten wir locker unsere CO2-Ziele erreichen.