Psychotherapeut Arne Burchartz über Kinderkuren „Das war eine sadistische Quälerei“

Eine Szene aus einem Prospekt, mit dem ein Kurheim für sein Angebot geworben hat. Dass wirklich alles so idyllisch war, stellen viele ehemalige Verschickungskinder in Abrede. Foto: privat

Reden hilft, um traumatische Erlebnisse zu überwinden, sagt der Öhringer Psychotherapeut Arne Burchartz. Er rät deshalb ehemaligen Verschickungskindern, von der Angst und Hilflosigkeit ihrer Kindheit zu erzählen.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Öhringen - Als Kind hat Arne Burchartz erlebt, wie seine zwei Jahre ältere Schwester in Kur verschickt wurde. Weil er sie entsetzlich vermisst hat, weinte er als Zurückgebliebener Rotz und Wasser. Aus der heutigen professionellen Sicht des erfahrenen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten weiß der Traumaexperte, wie dramatisch viele Kinder bis in die 1980er Jahre die Zeit der Kur erlebt haben. Um die sechs bis acht Wochen psychisch zu überleben, mussten sie sich unterwerfen. Ein Gespräch über das Wesen des Traumas, seine Langlebigkeit, Erinnerungslücken und den Missbrauch von Macht in den Erholungsheimen.

 

Herr Burchartz, viele Menschen fühlen sich in der Corona-Krise ohnmächtig gegenüber den Ereignissen. Ist das eine Stimmung, in der alte Traumatisierungen aufbrechen können?

Ja, natürlich. Wenn jemand traumatisch vorbelastet ist, sind oft kleine Anlässe geeignet, um das Trauma wieder in die Gegenwart zu holen. Wir sprechen von Flashbacks, die in Situationen der Ohnmacht und Hilflosigkeit das Trauma aktualisieren können. Das kann eine Farbe, ein Geruch sein, die mit dem Trauma assoziiert sind. Flashbacks sind für die Betroffenen äußerst quälend – wobei nicht ein einzelnes schädigendes Ereignis zu einem Trauma führt. Das Trauma hat zwei Bestandteile: Es muss etwas Erschreckendes und Überwältigendes geschehen sein, das enorme Angst macht. Dazu muss dann kommen, dass der Betroffene nicht in der Lage ist, dieses Ereignis in Einklang mit seinem bisherigen Lebenskonzept zu bringen. Um zu überleben, versucht jeder Mensch, das Trauma irgendwie zu verarbeiten.

Zu verdrängen hilft ja meist auch erst mal.

Verdrängung oder die Dissoziation, also die Abspaltung von dem, was erinnert wird, sind alles Notmaßnahmen der beschädigten Psyche. Aber auf Dauer hindern diese Abwehrmechanismen das freie und unbefangene Leben. Es kann 50 Jahre brauchen, bis irgendetwas passiert, und plötzlich ist alles wieder da.

Was Sie beschreiben, trifft auf die Verschickungskinder zu, die sich heute – oft mehrere Jahrzehnte nach ihrer Kinderkur – an das erinnern, was sie dort erlebt haben. Warum konnten die oft schlimmen Erlebnisse so lange in ihnen überleben, und warum bricht das jetzt auf?

Es gab schon sehr früh einen hohen sozialen Druck, das alles zu leugnen. Stellen wir uns doch mal die Situation der Verschickungskinder vor. Sie haben Entsetzliches erlebt, sind gequält worden, haben Angst gehabt, hatten Sehnsucht, wollten am liebsten wieder nach Hause. Das ging aber nicht. Sie mussten sich sechs bis acht Wochen unterwerfen. Sonst hätten sie es psychisch nicht überlebt. Dann kommen die Kinder nach Hause, wagen es erst nicht, sich ihren Eltern anzuvertrauen – weil sie glauben, doch irgendwie selbst schuld dran zu sein, sonst wären sie doch nicht so gequält worden.

Manche haben ja geredet.

Aber viele haben wahrscheinlich die Erfahrung gemacht, dass ihre Eltern das verharmlost haben. In der Art von „Nun hab dich mal nicht so!“ oder „Der Onkel Doktor hat es so nicht gemeint“. Das heißt, die Eltern wollten das nicht an sich heranlassen. Sonst hätte sie selbst Schuldgefühle haben müssen.

Es steht für Sie außer Frage, dass das alles wirklich geschehen ist?

Ja, aber absolut. Der soziale Druck, das Trauma zu verheimlichen, setzt sich in die Gesellschaft hinein fort. Wenn sich der gesellschaftliche Druck lockert, nicht darüber reden zu dürfen, dann bricht es auf.

Mancher sagt, so sei man eben damals mit Kindern umgegangen.

Das ist die Ideologie der schwärzesten Pädagogik aus der Nazizeit. Das wurde nach dem Krieg nahtlos fortgesetzt.

Wie ordnen Sie als Traumapsychotherapeut ein, was die Kinder erlebt haben?

Die allererste Traumatisierung dieser Kinder ist ein Trennungstrauma. Sie werden in den Zug gesetzt, nicht wissend, was mit ihnen geschieht. Sie werden, ohne darauf vorbereitet zu sein, von ihren Eltern weggerissen. Das ist für ein kleines Kind entsetzlich. Es ist in allem von der Fürsorge der Eltern oder der Bezugsperson abhängig. Wenn diese Fürsorge unterbrochen ist, bekommt das Kind Angst, man erklärt ihm aber nichts. Das ist ein Bindungstrauma. Die Kinder werden überflutet von Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit. Wir wissen aus der Bindungsforschung, wie elementar wichtig die Bindung für das Sicherheitsgefühl des Kindes ist. Diese Kinder haben schlagartig ihre Sicherheit verloren. Das Kind hat ja auch keine Handlungsmöglichkeiten. In den Kurheimen durften die Kinder ja keinen Kontakt zu den Eltern haben. Nicht einmal Päckchen durften sie bekommen. Das muss man sich mal klarmachen, welch tiefe Verletzung des Bindungsbedürfnisses das darstellt.

Hätte eine fürsorgliche Erzieherin das mildern können?

Wenn eine Erzieherin auf 20 Kinder kommt, ist das illusorisch. Diese sogenannten Tanten haben ja gar kein Interesse daran gehabt, eine Bindung zu den Kindern aufzubauen. Das war ja geradezu untersagt.

Warum? Weil es dann schwierig wurde, für Ordnung zu sorgen?

Es ging um Machtausübung. Alle natürlichen Reaktionen wie Weinen, Wut, Verzweiflung, Trauer und andere sollte den Kindern durch drakonische Strafmaßnahmen ausgetrieben werden. Die spontane Reaktion, die Kinder ausmacht, wurde ihnen verboten. Gefühle wurden sanktioniert. Sie wurden extremen Strafmaßnahmen unterworfen, die wirkliche Misshandlungen sind. Ein Merkmal des Traumas ist die Unterwerfung des Opfers durch den Täter. Was viele immer wieder erzählen, dass sie unter Zwang Erbrochenes wieder essen musste, dass es in sie hineingestopft wurde, das war eine sadistische Quälerei.

Die natürliche Reaktion darauf wäre Wut und Aggression.

Die haben die Erzieherinnen aber verhindert. Die Kinder wussten, dass dann eine noch viel schlimmere Strafe droht. Da half nur, das Geschehen von der Reaktion zu trennen. Aus Wut wird dann Hilflosigkeit und das Gefühl des Unterworfenseins.

Nach außen sieht das dann so aus, als würden die Kinder folgen.

Das ist die Folge. Ein Teil des Seelenlebens nähert sich dem Aggressor an. Man nennt das Identifikation mit dem Aggressor. Wenn ich genauso werde wie der, bin ich in einer mächtigen Position und kann nicht mehr gequält werden. Die Folge ist, dass Menschen, die so gequält wurden, sehr häufig andere misshandeln.

Es gibt auch ehemalige Verschickungskinder, die sagen, sie hätten in der Kur eine gute Zeit verbracht.

Ich kenne tatsächlich Menschen, die glaubhaft sagen: „Das war eine schöne Zeit für mich.“ Nach dem Motto „Raus aus den Städten in die frische Luft“. Na ja, dann haben diese Kinder Glück gehabt. Aber man muss vorsichtig sein. Wenn es nur ideal gewesen sein soll, dann werde ich misstrauisch. Das meiste, was Menschen erleben, ist zumindest ambivalent. Da würde ich mich fragen: Wo bleibt das andere?

Viele ehemalige Verschickungskinder können sich nur an ganz wenig erinnern. Kritiker halten sie deshalb für unglaubwürdig.

Die unvollständigen Erinnerungen sind eine typische Traumafolge. Wenn ein Ereignis wirklich nicht integriert werden kann in das Seelenleben, bleibt es als isoliertes Erlebnis übrig. Denn man kann nur überleben, wenn man die Wucht des Geschehens abmildert, indem man die einzelnen Elemente auseinanderreißt. Das nennt man Dissoziation. Dabei werden nicht nur die Gefühle von den historischen Ereignissen getrennt, sondern es werden auch die historischen Ereignisse selbst dissoziiert und in Portiönchen geteilt und in irgendwelche Winkel des Seelenlebens verschoben. Dann gelingt keine zusammenhängende Erinnerung an das Trauma. So schützt sich die Seele. Aber im Körpergedächtnis ist das Trauma gespeichert. Die Seele äußert sich in Symptomen – zum Beispiel in Angststörungen. Auch Essstörungen kann man auf solche Erfahrungen zurückführen.

Kann man die jemals hinter sich lassen?

Ja, wenn es tatsächlich gelingt, dass das traumatische Geschehen Vergangenheit wird und in der Vergangenheit verortet und dort auch betrauert wird. Es ist dann nicht weg, sondern es ist Vergangenheit. Denn das Fatale am Trauma ist ja, dass die Vergangenheit beständig in der Gegenwart auftaucht.

Hilft es, anderen Menschen von seinen Erlebnissen zu berichten?

Ja, unbedingt. Erzählen, erzählen, erzählen! Am besten einer oder mehreren vertrauten Personen oder in einer Selbsthilfegruppe. Deren Solidarität braucht man. Das ist ganz wichtig.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage