Nach zwei Stunden kommt sie dann doch, die Frage nach den Preisen für Eier. „Wo und wann hat es so hohe Lebensmittelpreise schon einmal gegeben? Zehn Eier kosten bis zu 220 Rubel (das sind umgerechnet 2,20 Euro)“, empört sich die Rentnerin, die sich dem russischen Präsidenten Wladimir Putin als Irina Alexandrowna vorstellt. Sie sitzt vor ihrer Spitzengardine bei Krasnodar im Süden des Landes. „Wir bekommen keine Millionen Rubel Rente“, sagt sie in der großen Pressekonferenz, die in diesem Jahr zusammengelegt ist mit dem Format „Direkter Draht“, bei dem sich Russinnen und Russen direkt an den Kremlherrscher wenden dürfen. Eine Show, wie für Putin gemacht: keine gefährlichen Fragen, ausgesuchte Medienvertreter. Der Präsident schreibt was in sein Heftchen, räuspert sich, weiß auf alles eine Antwort.
Während sich Putin für seine „gute Führung an der Front, die gute wirtschaftliche Lage im Land“ lobt, schreit Irina Alexandrowna ihr Leid fast hinaus: „Haben Sie Mitleid mit den Rentnern, sorgen Sie für Ordnung, Wladimir Wladimirowitsch!“ Wladimir Wladimirowitsch versucht sich an der Herstellung dieser Ordnung. Mit Zoten, mit Oberflächlichkeiten. Den Landwirtschaftsminister habe er erst kürzlich gefragt, wie es um „seine Eier“ stehe, sagt Putin und ist sich der Lacher im Saal sicher. Die Nachfrage nach Eiern habe eben zugenommen, die Regierung habe es versäumt, die Importe zu erhöhen. „Ich entschuldige mich bei Ihnen, Irina Alexandrowna, und verspreche Ihnen, dass sich die Situation verbessern wird.“
Putin auf allen Kanälen
Putin, der Kümmerer. Zur besten Sendezeit, auf allen Kanälen. Der Übervater zieht die „Bilanz des Jahres“. So heißt das mehrstündige Format, in dem vor den Präsidentschaftswahlen im März 2024 alle möglichen Themen angesprochen werden.
Putin gibt eine Art Psychotherapie für alle. Hüstelnd („Die Klimaanlage surrt, wissen Sie“), entschlossen („Sagen Sie noch einmal den Ort, ich kümmere mich“), selbstsicher („Ich bin entschlossen“). Sein Pressesprecher Dmitri Peskow, den er nur mit Dima anspricht, und die beiden Staatsfernsehjournalisten Jekaterina Beresowskaja und Pawel Sarubin liefern sich eine Art Wettbewerb, wessen Fragen eher drankommen, die der russischen Journalisten oder der einfachen Menschen. Putin sucht lieber selbst aus.
„Nehmen wir doch den Kollegen aus der Türkei“, sagt er und holt aus, was er über Gaza denkt. „Eine Katastrophe“, sagt Putin, ohne zu sagen, wie Moskau zur Hamas steht (der Kreml hofiert die Terroristen) und wie Moskau darüber denkt, was am 7. Oktober geschehen ist (den Angriff der Hamas hat Putin nie verurteilt).
Der Ukraine-Krieg, der nach offizieller Lesart keiner ist, wird als Normalität behandelt. Vor allem in der ersten Hälfte der „Bilanz“ drehen sich alle Fragen darum. Es geht um Angriffe auf Grenzregionen, um medizinische Hilfe für die Verwundeten, um patriotische Bildung der Jugend durch die zurückgekehrten Kämpfer. Putin spricht darüber, als würde er vom Wetter erzählen. „Wann gibt es Frieden?“, fragt Moderator Sarubin. „Wenn alle Ziele erreicht werden“, sagt der Präsident. „Wir waren gezwungen, so zu handeln. Wir haben nicht die Beziehungen verschlechtert.“ Wer dann? „Unsere amerikanischen Freundchen.“
SMS an der Studiowand
„Warum unterscheidet sich Ihre Realität von unserer Wirklichkeit?“, wird irgendwann auf einer Studiowand im Handelszentrum Gostiny Dwor eingeblendet. Jemand hat die Frage als SMS in die Sendung geschickt. Darauf weiß auch der Übervater keine Antwort.