Putins Korn-Krieg Hunger als Waffe

Ägyptische Arbeiter entladen Weizensäcke – das Land ist zu einem hohen Anteil von ukrainischen Getreide-Importen abhängig. Viele Arme leiden unter den durch den Krieg verteuerten Preisen. Foto: dpa

Der Ukraine-Krieg wird zum Korn-Krieg. Putin missbraucht die Ärmsten der Armen – er macht sie zu Geiseln seiner Interessen. Die Instrumentalisierung des Hungers als politische Waffe hat im Einflussbereich der Kreml-Herren eine unselige Tradition, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Es ist ein Verbrechen, Wohnquartiere und Krankenhäuser zu bombardieren, wie es in der Ukraine geschehen ist. Aber die schrecklichen Folgen des russischen Angriffskriegs werden nicht nur die Ukrainer und ihre Unterstützer im Westen zu spüren bekommen, sondern auch Menschen in Ländern, die damit überhaupt nichts zu schaffen haben. Auch subtilere Methoden der Kriegsführung können verbrecherischen Zwecken dienen und verheerende Schäden nach sich ziehen. Putin spekuliert offenkundig auf den Hunger als Waffe. Sie eine ebenso vernichtende Wirkung wie unmittelbare militärische Aggression.

 

Der Kreml-Herrscher führt seinen Krieg gegen die Freiheit auch als Krieg ums Korn. Darauf zielt der Beschuss von Getreidesilos und die Blockade ukrainischer Häfen am Schwarzen Meer ab. Die Ukraine ist einer der weltweit größten Nahrungsmittelexporteure, doch der Export ist durch Putins Übergriffe weitgehend lahmgelegt. So werden Millionen von Menschen und ganze Staaten, die auf Getreideimporte angewiesen sind, zu Moskaus Geiseln – und im Falle einer Hungerkatastrophe, die immer wahrscheinlicher wird, zu weiteren Opfern ruchloser imperialistischer Interessen Russlands.

China erweist sich auch an dieser Front als Putins Waffenbruder

Putins Kalkül ist zynisch: Er will den Hunger in Afrika gezielt anheizen, neue Flüchtlingsströme provozieren, die Europa destabilisieren könnten – wie es bereits der Krieg Syrien getan hat, in dem er auch seine Finger im Spiel hatte. Zugleich stellt Russland, größter Weizenexporteur der Welt, willfährigen Staaten Lieferungen aus den eigenen Vorräten in Aussicht. Er wolle die Nahrungsmittelhilfe „für unsere Partner ausweiten“, so hat Putin jüngst unverhohlen angekündigt. Der Hungerkrieg wird von einem Propagandakrieg begleitet, da Moskau gezielt die westlichen Sanktionen für inflationäre Preise und Lieferengpässe verantwortlich macht.

China erweist sich auch an dieser Front als Waffenbruder, indem dort just in diesem heiklem Moment die Getreidereserven aufgestockt werden – wie ein Munitionsdepot für künftige Kämpfe um Macht und Einfluss. Der Vorwurf ist Indien, das Russland auch wohlgesonnen ist, nicht zu machen. Die Regierung in Delhi hat ein Exportstopp für Weizen verhängt, um den Preisanstieg auf heimischen Märkten zu bremsen – heizt damit aber die Knappheit auf dem Weltmarkt an, was in Putins Interesse ist.

Hungern für Moskaus politische Interessen

Die Instrumentalisierung des Hungers als politische Waffe hat im Einflussbereich der Kreml-Herren eine unselige Tradition. Der von Putin bewunderte Sowjetführer Stalin richtete in der damaligen „Kornkammer“ Ukraine während den 1930er Jahren durch Zwangskollektivierungen eine Hungersnot an, um unabhängige Bauern zu enteignen. Diesem grauenhaften „Holodomor“ sind 3,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen.

Putins Korn-Krieg ist nicht die alleinige Ursache der weltweiten Ernährungskrise. Er verschärft und nutzt jedoch Versorgungsengpässe durch den Klimawandel, Dürrekatastrophen, Lieferprobleme wegen der Pandemie und unfaire Handelsstrukturen. Die potenziellen Opfer werden unter den Ärmsten der Armen zu finden sein. Und sie könnten es bleiben, auch wenn Putin seine Hafenblockade im Schwarzen Meer eines Tages aufgeben muss. Sie vor dem Hungertod zu bewahren, erfordert ferner Korrekturen einer Politik, welche das Ausdorren ganzer Landstriche, den Kollaps einer auf Selbstversorgung ausgerichteten Landwirtschaft und existenzielle Importabhängigkeiten begünstigt. Die Weichen dazu werden teils in Berlin oder Washington gestellt, aber auch in den Hauptstädten der Länder, die demnächst wohl Hunger leiden werden.

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