Putsch im Niger Afrika – der missverstandene Kontinent

Jürgen Hauber während seines Einsatzes in Westafrika bei der Übergabe von Ausstattung an die nigrischen Partner Foto: privat

Jürgen Hauber aus Bissingen hat nach seinem Ruhestand mehr als zwei Jahre im Niger gelebt und als Projektleiter sowie Berater gearbeitet. Die Nachricht vom Putsch kam für ihn überraschend. Wie schätzt er die Lage in einem der ärmsten Länder der Welt ein?

Ludwigsburg: Sandra Lesacher (sl)

Als Jürgen Hauber die Bilder von den brennenden Fahrzeugen auf rot-braunem Sand gesehen hat, ging ihm vieles durch den Kopf. Die Nachricht vom Putsch im Niger kam überraschend. Auch für den 66-Jährigen aus Bissingen, der das westafrikanische Land gut kennt. Hauber hat mehr als zwei Jahre dort gelebt und gearbeitet. Seit Frühjahr 2022 ist er zurück.

 

Zurück aus einem der ärmsten Länder der Erde, wo die Hälfte der Bürger jünger ist als 14,5 Jahre (in Deutschland liegt der Altersmedian bei 47 Jahren). Zurück aus einem Land, in dessen Hauptstadt Niamey täglich Hunderte Menschen von außerhalb kommen, um sich irgendwie als Tagelöhner zu verdingen, weil ihnen auf dem Land die Lebensgrundlage fehlt. Einem Land, das als Flüchtlingsdrehkreuz nach Nordafrika und von dort nach Europa gilt.

Illegale Migration besser kontrollieren

Jürgen Hauber hat im Niger ein von Deutschland finanziertes Projekt im Rahmen der europäischen Mission EUCAP-Sahel-Niger geleitet. Gemeinsam mit seinem internationalen Team hat der pensionierte Kriminaldirektor mobile Grenzschutzeinheiten aufgebaut. Der Niger hat sieben Nachbarländer und eine rund 6000 Kilometer lange Grenze. Deren allergrößter Teil ist nicht überwacht, eine Überschreitung daher jederzeit möglich. Von dem Projekt erhofft sich Deutschland beziehungsweise Europa, grenzüberschreitende Kriminalität und illegale Migration besser zu kontrollieren. Diese Hoffnung liegt derzeit auf Eis. Die demokratische Regierung in Niger – übrigens die einzige demokratische in der gesamten Region – ist vor einem Monat vom Militär abgesetzt worden. Der Präsident Mohamed Bazoum wird von den Putschisten festgehalten. Deren Anführer, General Abdourahamane Tchiani, hat sich zum Staatschef erklärt.

Was das für Westafrika, aber auch für Europa bedeutet, ist schwer abzuschätzen. Es geht um wirtschaftliche Zusammenarbeit, aber auch um Flüchtlingsströme. Konkret in der Hauptstadt Niamey, heißt es für Jürgen Haubers ehemalige Kollegen abzuwarten. Ein Großteil der internationalen Kräfte ist abgezogen worden, einige wenige sind noch vor Ort. Sämtliche Projekte sind eingefroren, „weil man nicht weiß, mit wem man jetzt eigentlich zusammenarbeitet“.

Ob er froh ist, dass er nicht mehr dort ist? Ja, einerseits, sagt Jürgen Hauber. Andererseits hätte er den Wandel gerne live miterlebt. „Ich verstehe den Grund für den Putsch nicht“, sagt er. „Das Land war nicht so unsicher, dass man hätte zur Selbsthilfe greifen müssen.“ Aus seiner Sicht „spielen persönliche, egoistische Gründe eine Rolle. Auch Korruption. Da mag einer, der einen guten Schnitt gemacht hat, seine Pfründe gefährdet gesehen haben.“ Zudem hat Hauber Stimmen gehört, dass dieser Putsch nicht so richtig geplant war. Eine Meinung, die er teilt. „Der Putschversuch der Reichsbürger im vergangenen Dezember in Deutschland war vermutlich besser vorbereitet als der im Niger.“

Parallelen zu Afghanistan?

Staaten wie der Niger sind „per se fragil“, sagt der Mann aus Bissingen. Und: „Ich glaube, wir können Afrika nicht denken.“ Der Blickwinkel sei zu deutsch, zu europäisch. „Wir fragen zu wenig. Wir denken, was die Menschen dort brauchen und setzen das um.“ Ein Fehler, der auch in Afghanistan passiert sei. Jürgen Hauber kennt auch dieses Land. Von 2007 bis 2008 leitete er in Afghanistan das deutsche Polizeiprojekt und war dort von 2010 bis 2011 für die europäische Polizeimission tätig.

Ist der Putsch im Niger ein Déjà-vu für ihn? „Ich glaube, wir haben schon aus Afghanistan gelernt. Aber nicht genug“, sagt Jürgen Hauber. Doch genau deshalb war es für ihn wichtig, die Bevölkerung in dem westafrikanischen Land einzubinden. Auch das war eine Säule seines Projekts, die Grenzpolizei zu unterstützen. Ein Vergleich ist also schwierig. Der Putsch fand auf hoher Ebene statt, die Bevölkerung war im Großen und Ganzen nicht tangiert.

Ähnlich sah es auch in den vergangenen Jahren mit der Sicherheitslage im Niger aus. Ja, es gab Sicherheitswarnungen vom Auswärtigen Amt. Ja, es gab Terrorismus und Übergriffe vor allem in den Grenzgebieten. „Aber es gibt schlimmere Regionen auf der Welt. In Afghanistan, da hat es tatsächlich täglich irgendwo geknallt. Im Niger nicht“, sind Jürgen Haubers Erfahrungen. Für ihn ist das große Thema in Westafrika der Klimawandel.

80 Prozent des Lebens im Niger spielt sich an der Lebensader, am für das Land namensgebenden Fluss Niger ab. Doch die Gebiete werden trockener. Die Menschen können mit ihren Herden nicht mehr dort bleiben und drängen in die Städte. Es geht ums Überleben. Deshalb machen sich viele auf den Weg nach Europa.

„Ein Minimum an Leben ermöglichen“

Um das zu verhindern, unterstützt Europa wiederum die nigrische Grenzpolizei, damit nicht unbegrenzt Flüchtlinge nach Europa kommen. „Das ist kein edles Ziel, aber legitim“, sagt der ehemalige Projektleiter. Letztlich müsse aber das Ziel sein, „den Menschen in Afrika ein Minimum an Leben in ihrer Heimat zu ermöglichen.“ Also den Ländern vor Ort zu helfen. „Sonst“, so Hauber, „kommen diese Menschen zu Fuß zu uns. Das würden wir in deren Situation auch machen.“

Die Lage

Der Niger
mit seinen mehr als 25 Millionen Einwohnern liegt im Zentrum Westafrikas und hat sieben Nachbarländer: Algerien, Libyen, Tschad,Nigeria, Benin, Burkina Faso und Mali. In der Hauptstadt Niamey lebt mehr als eine Million Menschen, Tendenz steigend. Das Land ist rund dreieinhalb Mal so groß wie Deutschland und besteht zu zwei Dritteln aus Wüste. Dürren und ein hohes Bevölkerungswachstum führen immer wieder zu Ernährungskrisen. Der Niger besitzt Rohstoffe wie Uran- und Erdöl. Doch der Erlös aus dem Verkauf erreicht nicht die Bevölkerung.

Die Putschisten
in Niger haben ihren Umsturz mit der schwierigen Wirtschafts- und Sicherheitslage im Land begründet. Die Republik Niger gehört laut dem Human Development Index der Vereinten Nationen zu den ärmsten Ländern der Welt.

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