Quantentechnologie Südwesten will das Quanten-Rennen gewinnen

Der Ministerpräsident lässt mit Hilfe der Quantentechnologie seine Muskelstärke prüfen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Die Landesregierung Landesregierung setzt auf die Zukunftstechnologie. Sie soll nicht nur den Standort stärken, sondern auch den Wohlstand im Südwesten sichern.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Das Land will aus Fehlern der Vergangenheit lernen. Denn immer wieder ist es passiert, dass schwäbische Tüftler, Erfinder und Entwickler zwar weltweit führend in der Grundlagenforschung waren, Baden-Württemberg aber letztlich kommerziell nicht oder nur geringfügig vom Erfolg dieser Ideen profitiert hat. Das soll nun bei der Entwicklung der Quantentechnologie verhindert werden. „Baden-Württemberg befindet sich in einer hervorragenden Ausgangslage, um die anstehende Quantenrevolution mitzugestalten und von ihr zu profitieren“, betont Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Diese Position soll nun systematisch weiter verbessert und die Zusammenarbeit der Akteure aus Forschung, Wirtschaft und Politik auf dem Zukunftsfeld koordiniert werden.

 

Deshalb ist am Freitag an der Universität Stuttgart der Startschuss für „Quantum BW“ gefallen. Dahinter verbirgt sich ein Strategiekonzept, auf das das Land sich mit in der Quantentechnologie aktiven Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Universitäten verständigt hat. Die Liste der Beteiligten liest sich wie ein Who’s who der baden-württembergischen Hightechbranche: Bosch, Zeiss, IBM, Mercedes-Benz sind dabei. Dazu kommen Start-ups wie Quant oder Quantum Brilliance, die Fraunhofer- und Max-Planck-Gesellschaft sowie sieben baden-württembergische Universitäten.

Die Technologie wird ganze Industriezweige umkrempeln

Bei der Veranstaltung betonte Kretschmann, der Aufbau eines leistungsstarken Forschungs- und Wirtschaftsschwerpunkts in der Quantentechnologie zähle zu den wichtigen Initiativen, mit denen die Landesregierung den Standort Baden-Württemberg stärken und den Wohlstand im Südwesten sichern will. Entsprechend prominent besetzt hatte die Landesregierung die Auftaktveranstaltung: Neben Kretschmann stellten sich die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut und die Wissenschaftsministerin Petra Olschowski demonstrativ hinter das Projekt. Olschowski: „Wir haben schon jetzt sehr viele Bausteine der Quantenforschung im Land. Die Aufgabe von Quantum BW wird es sein, diese so sinnvoll wie möglich zusammenzusetzen.“

Das sieht Joachim Ankerhold, Professor für Theoretische Physik an der Universität Ulm und einer der beiden Sprecher von Quantum BW, ähnlich: „Wir haben schon heute eine exzellente Grundlagenforschung und sind dabei sehr breit aufgestellt. Nun geht es darum, alle Beteiligten unter eine Strategie zu bringen.“ Schließlich müsse man sich im weltweiten Wettbewerb um die Spitzenposition mit Kalifornien und China messen. Sein Mitstreiter an der Quantum-BW-Spitze ist der ehemalige Bosch-Chef Volkmar Denner.

Superschnelle Computer und abhörsichere Kommunikation

Experten gehen davon aus, dass die Quantentechnologie ganze Industriezweige umkrempeln wird. Schafft sie den Durchbruch, dann soll Baden-Württemberg nach dem Willen von Grün-Schwarz nicht nur den Fuß in der Tür, sondern die Tür auch schon ein Stück weit aufgestoßen haben: Superschnelle Computer, abhörsichere Kommunikation, ultraempfindliche Sensoren und neue Diagnoseinstrumente für Stoffwechselkrankheiten, Parkinson oder Krebs – all diese und noch viel mehr Anwendungen der Quantentechnologie sehen Experten unterschiedlich schnell in Reichweite rücken.

Auch Denners Nachfolger als Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung, Stefan Hartung, ist von dem Projekt begeistert: „Quantentechnologien werden entscheidend für die technologische Souveränität Deutschlands und Europas sein. Daher müssen wir konsequent industrielle Anwendungsfelder erschließen und Geschäftsmodelle entwickeln.“

Land hat schon viel Geld in die Quantenforschung investiert

31 Millionen Euro stellt das Wissenschaftsministerium in Stuttgart allein für die Entwicklung der Dachstruktur in den nächsten vier Jahren bereit. Am Zentrum für Angewandte Quantentechnologien der Universität Stuttgart ist die Geschäftsstelle angesiedelt, die die Akteure noch besser vernetzen soll als bisher. Um dem Fortschritt Tempo zu machen, hat „Quantum BW“ sich Ziele in allen wichtigen Handlungsfeldern für die nächsten fünf und zehn Jahre gesteckt. Auch in der Vergangenheit ist schon viel Geld in das Thema geflossen: 115 Millionen Euro hat das Land allein seit 2019 investiert. 480 Millionen Euro haben der Bund und die EU in den vergangenen zehn Jahren beigesteuert.

Stark ist der Südwesten bereits jetzt beim Quantencomputing und bei der Quantensensorik. Quantencomputer sind kleiner und können dennoch um ein vielfach größere Datenmengen verarbeiten als die Vorgänger.

Am IBM-Standort Ehningen hat Kretschmann vor wenigen Tagen den ersten Teil eines Forschungs-, Erlebnis- und Wohn-Campus rund um diese Technologie eröffnet. Betrieben werden soll es vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation gemeinsam mit IBM und der Gemeinde. In Ehningen steht seit zwei Jahren Europas bisher einziger kommerziell genutzter Quantencomputer. Die Quantensensorik weckt große Erwartungen in der Medizin. Mit ihrer Hilfe sollen Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson einfacher diagnostiziert und künstliche Nervenimpulse erfasst werden können, was bei der Steuerung medizinischer Prothesen nutzbar ist.

Welche Erlöse lassen sich mit Quantentechnologie erzielen?

Quantencomputing
Dem Quantencomputing trauen Ökonomen ein Weltmarktvolumen von bis zu 780 Milliarden Euro in den nächsten 30 Jahren zu. Allerdings ist die Forschung eher noch im Frühstadium und weit entfernt von der Entwicklung marktreifer Produkte.

Quantensensorik
Hier sieht es anders aus: Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften rechnet schon in diesem Jahr mit einem Marktvolumen von 1,2 Milliarden Euro und beziffert die Wachstumserwartungen auf 2,2 Milliarden Dollar bis 2028.

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