Das Konzept funktioniert so: Man nehme einen herkömmlichen Lastwagen, ob fabrikneu oder gebraucht, und ersetze den Dieselmotor und den Antriebsstrang durch Elektroaggregate. Bei Quantron hat man diese Operation nach eigenen Angaben bereits rund hundertmal vorgenommen. Ikea sei Großkunde und habe bereits seit Sommer 30 elektrifizierte Lieferwagen in Österreich im Einsatz. In etlichen deutschen Kommunen habe sich zudem der vollelektrische Müll-Lkw schon bewährt. In den nächsten Tagen werde eine hessische Großstadt den Kauf eines umgerüsteten Müllfahrzeugs bekannt machen. „Tausendmal am Tag ist der Lifter für die Tonnen im Einsatz, 400-mal die Presse – das schaffen nur unsere Müllfahrzeuge“, sagt Andreas Haller stolz.
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Landhandel in fünfter Generation
Haller, der in fünfter Generation ein Landtechnik- und Nutzfahrzeugunternehmen führt, hat 2019 Quantron gegründet. Haller wollte nicht warten, bis die großen Hersteller kohlendioxidfreie Nutzfahrzeuge anbieten. Er hat gehandelt. Seinen ersten batterieelektrischen Bus habe er bereits 2011 an die Stadt Osnabrück verkauft.
Für seine Umrüstidee spreche, dass bei Nutzfahrzeugen vielfach die Aufbauten teuer sind und daher die Lastwagen deutlich länger als Pkw genutzt würden. „Um Fortschritte beim Kohlendioxidausstoß von Nutzfahrzeugen zu erreichen, müssen wir daher auch den Lkw-Bestand auf Batterie und Brennstoffzelle umstellen“, fordert Haller. Erst Ende des nächsten Jahrzehnts, so die Pläne der EU, soll die Neuzulassung von Lastwagen mit Verbrennungsmotoren verboten sein. Seine 30 Lieferwagen mit jeweils 21 Kubikmeter Ladevolumen bei 1,2 Tonnen Zuladung, die bei Ikea im Einsatz sind und Reichweiten von bis zu 250 Kilometer erzielten, stünden für 117 000 emissionsfreie Lieferungen im Jahr.
130 000 Lkw sofort umrüstfähig
Von 750 000 Lastwagen, die derzeit in Deutschland zugelassen sind, so seine Schätzung, wären 130 000 Stück schon mit der heutigen Technik umrüstbar. Seine Vorväter, die das Unternehmen vor 140 Jahren gegründet haben, hätten die Bauern überzeugen müssen, dass der Dieseltraktor nicht „des Teufels“ ist. Haller will jetzt den Spediteuren und Kommunen zeigen, dass E-Antrieb und Brennstoffzelle viel schneller kommen können, als die großen Hersteller glauben machen: „Daimler, MAN und Iveco stehen auf der Bremse, auch weil sie weiter Geld verdienen wollen mit Öl- und Kraftstofffiltern und neuen Kupplungen.“ Bei Quantron, so sein Versprechen an die Investoren, hänge man nicht am Verbrenner: „Wir haben nur E-Mobilität und Brennstoffzelle im Fokus.“
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Bei der Frage nach den Kosten für die kohlendioxidfreie Mobilität ist die Gegenseite häufig sehr zurückhaltend. Der erste vollelektrische Daimler-Truck eActros soll etwa dreimal so viel kosten wie der gleiche Lastwagen mit Dieseltechnik.
Auch Quantron will keine konkreten Zahlen in der Zeitung lesen. So viel lässt Haller, der für das Management von Quantron etliche altgediente Manager aus der Dieselbranche verpflichtet hat, dann allerdings doch noch durchblicken: Die Umrüstung eines Lastwagens mit Dieselantriebsstrang auf Elektro schlägt je nach Batteriegröße mit Kosten von 50 000 bis 100 000 Euro zu Buche.
Für die Umrüstung stehen Subventionen bereit. Die Bundesregierung hat 1,6 Milliarden Euro für den Neukauf und die Umrüstung von Nutzfahrzeugen auf Basis einer CO2-freien Technologie bewilligt. Bis zu 80 Prozent der Mehrkosten können übernommen werden. Gerade bei Nutzfahrzeugen mit aufwendigen Kranaufbauten etwa, die nur wenige Kilometer zurücklegen, lohne sich die Umrüstung, zumal das Gerät wegen der geringen Geräusche selbst in Wohngebieten rund um die Uhr im Einsatz sein könnte.
Die Technologie für die Umrüstung – Batterie und Antriebsstrang – kauft Quantron zu – etwa bei CATL. Das Unternehmen beliefert auch die großen Hersteller.
Eigene Brennstoffzellenmodelle in der Pipeline
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Auch Brennstoffzellentechnik sei in der Pipeline. Quantron versteht sich aber nicht nur als Umrüster. In enger Taktfolge will das junge Unternehmen, für das derzeit nach eigenen Angaben 350 Mitarbeiter tätig sind, schon bald eigene Modelle vorstellen. Vom 3,5-Tonner bis zum schweren Lastwagen mit einem Gesamtgewicht von 49 Tonnen. Den Anfang macht Mitte Februar ein vollelektrischer, zwölf Meter langer Niederflur-Stadtbus. Noch in diesem Jahr soll der Stadtbus mit Wasserstoffantrieb kommen sowie ein ebenfalls mit der Brennstoffzelle betriebener Langstrecken-Lkw. Für den Stadtbus kündigt Haller schon einmal Kampfpreise an: „Das Einstiegsmodell wird so günstig zu haben sein wie ein Dieselbus.“