Quartierarbeit in der Innenstadt Für Wohncafés fehlt oft der Raum

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Viele Wohnungsunternehmen wollen die Nachbarschaft mit Quartiersarbeit stärken. Doch dafür fehlt in den Stuttgarter Innenstadtbezirken oft der Platz. Für die Stadtgesellschaft könnte das zum Problem werden.

Anwohner verschiedenen Alters können sich im Wohncafé an der Rotenbergstraße 110 begegnen. Bisweilen entstehen Freundschaften, berichten Gäste. Foto:  
Anwohner verschiedenen Alters können sich im Wohncafé an der Rotenbergstraße 110 begegnen. Bisweilen entstehen Freundschaften, berichten Gäste. Foto:  

Stuttgart - Helmut Wörner trinkt eine Saftschorle und schaut durch die geöffnete Terrassentür des Wohncafés Ostheim an der Rotenbergstraße in den Innenhof. Spielende Kinder sind von draußen zu hören. Der 72-Jährige bleibt nicht lange alleine an seinem Tisch. Eine Mutter setzt sich mit ihrem Baby zu ihm und plaudert mit dem Rentner.

Wörner erzählt, dass er das Wohncafé schon lange regelmäßig besuche. „Hier kann ich selbst wieder ein bisschen Kind sein“, sagt der 72-Jährige. An den übrigen Tischen sitzen Menschen mittleren Alters und Senioren, während Kinder um sie herumwuseln. Susanne Sieghart, Geschäftsführerin von Anna Haag Mobil, schaut sich den Trubel zufrieden an. Manche ältere Mieter übernähmen mit der Zeit die Rolle von Ersatz-Omas oder -Opas ein, erzählt sie. „Das hilft Familien, wenn die Großeltern weit weg leben“, sagt Sieghart.

Wohncafé ist Teil eines Projekts

Das Wohncafé Ostheim ist seit 2013 das Herz eines Mehrgenerationenprojekts der Anna Haag Mobil gGmbH, des Bau- und Wohnungsverein Stuttgart und der Sankt. Josef gGmbH. Sie betreibt im Gebäudekomplex eine Kindertagesstätte. Bernd Röhl vom Bau- und Wohnungsverein erklärt, dass Nachbarschaftstreffs wie an der Rotenbergstraße in der dicht besiedelten Innenstadt nicht überall entstehen können. „Bei vielen Gebäuden ist die Grundfläche dafür zu klein“, sagt Röhl. Kleinere Wohnungsunternehmen wie die VdK-Baugenossenschaft mit 1200 Mitgliedern sehen angesichts der Dichte in der Innenstadt keine Möglichkeit für ein Wohncafé.

Andere Wohnungsunternehmen gehen neue Wege. Die Wohnbaugenossenschaft Flüwo schickt etwa ein sogenanntes Flüwo-Mobil in die Quartiere. Mieter können den Mitarbeitern ihre Anliegen schildern. Die Flüwo plant langfristig einen Nachbarschaftstreff im Leonhardsviertel. Allerdings müsse erst eine Ladenfläche in dem Viertel frei werden, erklärt die Flüwo.

Wohncafés gibt es eher in Randbezirken

Die meisten Wohnungsgesellschaften unterhalten Wohncafés in den Randbezirken. Saskia Bodemer-Stacheski, Sprecherin der SWSG, erklärt, dass einheitliche und für Nachbarschaftstreffs geeignete SWSG-Wohnquartiere in der Innenstadt fehlten. Die Sprecherin verweist auf andere Methoden der Quartiersarbeit und nennt unter anderem die Hilfe von Senioren oder den Einsatz von Mediatoren im Fall von Streit unter Mietern. „Für uns ist eine gute Nachbarschaft wichtig“, betont Bodemer-Stacheski.

Die SWSG arbeitet bei der Quartiersarbeit auch mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zusammen. Bettina Wahl, Abteilungsleiterin der Altenpflege bei der AWO, bestätigt, dass es Nachbarschaftstreffs angesichts des Wettbewerbs um jeden Quadratmeter bewohnbaren Raums in der Innenstadt derzeit schwer haben. Für einen Quartiertreff falle eine Wohnung weg, erklärt sie. „Und das Unternehmen muss auf eine Miete verzichten“, sagt sie. Wahl betont, dass Quartiersarbeit deshalb nicht allein Sache von Wohnungsunternehmen sein sollte. Sie plädiert dafür, dass bestehende Begegnungsstätten sich noch stärker um ihre Quartiere bemühen.

AWO warnt vor Vereinsamung

Wahl warnt davor, dass Vereinsamung gerade in Städten ein massives Problem werden könnte. „Viele Städter leben heute nicht mehr in den klassischen Familienstrukturen“, sagt sie. Menschen, die Lebensentwürfen jenseits der bürgerlichen Kleinfamilie folgten, verfügten zwar oft über bessere Kompetenzen, soziale Kontakte zu knüpfen, meint Wahl. „Wenn sie aber im Alter krank werden oder unter Demenz leiden, wird das auch für sie schwieriger“, meint Wahl. Trennlinien verliefen in der Stadtgesellschaft zudem zwischen Senioren und Jüngeren. Denn zunehmend fehlten verbindende Kontexte. Altersarmut verschärfe bei betroffenen Senioren die Neigung zum Rückzug ins Private, weil Freizeitaktivitäten als zu teuer empfunden würden, meint Wahl.

Wahl hält es für unerlässlich, dass Wohnquartiere über Zentren verfügen, an denen die Begegnung von Nachbarn ermöglicht wird. „Das kann ein Kiosk oder ein Zeitungsladen sein, alles, was niederschwellig dazu einlädt, miteinander zu quatschen“, sagt sie. Da solche gewachsenen Orte immer häufiger dem Strukturwandel zum Opfer fielen, sollten solche Orte künstlich wieder geschaffen werden, fordert Wahl.

Für sie stehe aber fest, dass Stadtbewohner ein Recht auf ein Anonymität haben. „Man kann niemanden zu Geselligkeit zwingen“, sagt Wahl.

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