Queeres Leben in der Barockstadt Gibt es in Ludwigsburg zu wenig queere Angebote?
Keine Bars, kaum Schutzräume, kaum Angebote: Queere Menschen haben in Ludwigsburg nur wenige Möglichkeiten zur Vernetzung. Woran liegt das?
Keine Bars, kaum Schutzräume, kaum Angebote: Queere Menschen haben in Ludwigsburg nur wenige Möglichkeiten zur Vernetzung. Woran liegt das?
40 000 Menschen als Teilnehmende der Parade, 400 000 als Zuschauende an der Strecke – der Christopher Street Day (CSD) in Stuttgart hatte die Landeshauptstadt am vergangenen Samstag fest im Griff. Auch aus Ludwigsburg waren einige gekommen, um die Parade mitzuerleben. Cassandra Finley etwa, die zum Vorstand des Ludwigsburger Vereins Tragwerk gehört, oder einige Mitglieder der queerfeministischen Hochschulgruppe an der Pädagogischen Hochschule. Die Stadt Ludwigsburg hatte anlässlich des CSD vor dem Rathaus eine Regenbogenflagge gehisst. Mit Angeboten für queere Menschen sieht es ansonsten aber eher mau aus.
„Es gibt quasi keine queere Szene in Ludwigsburg“, sagt Maya, die Gründungsmitglied der queerfeministischen Hochschulgruppe ist. Was so viel heißt wie: keine Bars für queeres Publikum, kaum Schutzräume, kaum Angebote. „Als wir eine Kneipentour geplant haben, hieß es, wir können froh sein, wenn wir nicht in queerfeindlichen Bars landen“, ergänzt ihre Kollegin Vanesa. Beide wollen zu ihrem Schutz ihre Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. Wenn es Aktionen gibt, dann im Rahmen der Hochschulen. So trifft sich die Gruppe an der PH wöchentlich, tauscht sich aus, organisiert Workshops.
Auch an den anderen Hochschulen gibt es ähnliche Angebote. Merle Zurawski studiert an der Akademie für Darstellende Kunst und sagt: „Bei uns gibt es eine relativ große queere Bubble, die aber eher unter sich bleibt.“ Viele Projekte der Studierenden setzen sich mit dem Thema Queerness auseinander, im Rahmen der Ausbildung werden aber nicht alle öffentlich gezeigt. Und ansonsten? Wäre noch der Regenbogenbrunch vom Tragwerk-Verein zu nennen. Hier treffen sich Mitglieder der LGBTQ-Community einmal im Monat, um gemeinsam im geschützten Raum zu brunchen. Die Teilnehmenden kommen aus dem ganzen Großraum Stuttgart, meist sind es zwischen zehn und 20 Personen. „Es gibt bei uns nur eine Regel: Der Schutzraum muss bleiben“, sagt Organisatorin Cassandra Finley.
Schutzraum, das ist ein Schlüsselbegriff, der im Gespräch mit queeren Menschen immer wieder fällt. „In der Öffentlichkeit existiert, nicht nur in Ludwigsburg, kein sicherer Rahmen für queeres Leben“, sagt Merle. „Deshalb braucht es ein Sicherheitsnetz, um sich gegenseitig Rückhalt geben zu können.“
Merle identifiziert sich als non-binär, definiert die Geschlechtsidentität also nicht als männlich oder weiblich. Als Pronomen verwendet Merle deshalb auch „they“ und „them“ oder „dey“ und „deren“. In der queeren Bubble muss Merle das niemandem erklären. Denn auch das gehört zu den Vorteilen des geschützten Raumes: keine unangenehmen Fragen beantworten müssen, nicht angestarrt werden – einfach sein können, wie man ist. „Es geht darum, Gruppen zu haben, in denen man sich wohlfühlt und in denen man offen sprechen kann“, erklärt Maya, der es in ihrer Hochschulgruppe ähnlich geht.
In Ludwigsburg, da sind sich alle einig, gibt es zu wenige Möglichkeiten, in denen solche Schutzräume entstehen können. Einzelne Veranstaltungen bieten zwar das „DemoZ“ oder die Studierendenkneipe Flint an. „Die verstehe ich aber nicht als explizit queeren Ort“, meint Merle. Benachbarte Landkreise zeigen dagegen, dass es auch anders gehen kann. Maya kommt aus Backnang und nennt deshalb den Rems-Queer-Kreis, der dort viele Aktionen initiiert. „Wenn man nach so etwas zu Ludwigsburg im Internet sucht, findet man quasi gar nichts“, sagt Maya. Dabei sei gerade Sichtbarkeit so wichtig, wie Merle betont: „Es braucht Schutzräume, aber es braucht eben auch Öffentlichkeit. Es bringt wenig, wenn queeres Leben nur da stattfindet, wo es keiner mitbekommt.“
Ein Faktor, warum sich in Ludwigsburg wenig tut, sei sicher die Nähe zu Stuttgart, das räumen alle ein. Die dortigen Angebote sind von der Barockstadt aus häufig gut zu erreichen. Tobias aus der PH-Hochschulgruppe erklärt: „Für vieles, was politisch passiert, geht man dann eben dort hin, es ist ja nicht weit.“
Die Stadt Ludwigsburg erkennt durchaus an, dass es an Angeboten fehlt. „Ich will dem gar nicht widersprechen“, sagt die städtische Gleichstellungsbeauftragte Judith Raupp. „Aber wir als Stadt können beispielsweise queere Bars nur schwer initiieren. Das muss aus der Community kommen.“ Sie sei offen für Vorschläge, allerdings sei der Bedarf bislang noch nicht direkt an sie herangetragen worden.
So fordert im Grunde jede Seite mehr Engagement von der jeweils anderen. „Die Stadt müsste sich das doch gar nicht alles selbst ausdenken, die Ideen kämen von alleine“, findet Cassandra Finley. Aber es brauche eben mehr städtische Bereitschaft, etwas auf die Beine zu stellen. „Wenn man behauptet, dass einem die queere Community am Herzen liegt, dann muss man auch etwas dafür tun. Da reicht es einfach nicht, nur Regenbogenflaggen aufzuhängen.“