Es gibt Jahrestage, die feiert man mit Freude. Weil sie an den Beginn einer Partnerschaft erinnern, an ein schönes Erlebnis, ein bedeutsames Ereignis. Lara Lindmayer und Mike Glemser waren am Samstag gemeinsam essen, in einem netten Restaurant in Karlsruhe, italienisch. Es gab Pizza und Pasta, jedoch nichts zu feiern. Das Paar wollte sich ablenken, auf andere Gedanken kommen, Normalität spüren – ein Jahr nach dem Unfall, der ihr Leben verändert hat.
Am 3. Februar 2023 spielt Eishockey-Oberligist Starbulls Rosenheim beim SC Riessersee. Mike Glemser, der Starbulls-Profi aus Stuttgart, prallt nach einem Check mit seinem Kopf rückwärts gegen die Bande. Er bleibt regungslos liegen, wird in die Unfallklinik nach Murnau transportiert. Der vierte und fünfte Halswirbel sind gebrochen. Nach zehn Tagen im künstlichen Koma und zwei Operationen steht fest: Glemser ist querschnittsgelähmt. Seither sitzt er im Rollstuhl, kann Arme und Beine nicht bewegen. Es fällt ihm schwer, sein Schicksal zu akzeptieren und sich die Hoffnung zu bewahren – die Hoffnung auf ein besseres Leben.
Pforzheim, ein Areal im Nordosten der Stadt. Hier stehen mehrere neue, weiße Mehrfamilienhäuser, alles sieht frisch aus, gepflegt, einladend. Eine der Wohnungen haben Lara Lindmayer und Mike Glemser gemietet. Sie ist schön geschnitten, durch die Fenster scheint die Sonne, in der Ecke schläft die französische Bulldogge „Mylo“. Die Einrichtung ist geschmackvoll und gemütlich, im Schlafzimmer wurde ein Deckenlift installiert, das Sofa lässt sich elektrisch in die gewünschte Position bringen. Vieles ist auf die Bedürfnisse eines Querschnittsgelähmten ausgerichtet, er braucht Platz, um sich mit dem Rollstuhl bewegen zu können. „Es ist schön, in den eigenen vier Wänden zu sein“, sagt Mike Glemser, „wir fühlen uns hier sehr wohl.“
Im September, nach gut sieben Monaten, hat Mike Glemser die Klinik in Murnau verlassen – auf eigenen Wunsch. Er sehnte sich nach mehr Intimsphäre, nach größerer Unterstützung, nach besseren Therapiemöglichkeiten. Den Standort Pforzheim hat das Paar ganz bewusst gewählt. Nur 650 Meter oder zwei Autominuten von der Wohnung entfernt liegt das Zentrum der Rehabilitation, das sich auf Patienten mit neurologischen Dysfunktionen spezialisiert hat. „Es ist eine der besten Kliniken, die es gibt. Hier wird das Nonplusultra geboten“, sagt Lara Lindmayer. Das ist wichtig, Tag für Tag, aber auch mit Blick auf die Zukunft: „Mike wird lebenslang eine Therapie benötigen.“
Die Ungeduld des früheren Leistungssportlers
In dem Reha-Zentrum wird sehr intensiv mit Mike Glemser gearbeitet, manchmal kümmern sich vier Therapeuten um ihn. Es geht darum, die Muskulatur, die er ansteuern kann, zu stärken, vor allem im Rumpfbereich, um ein besseres und längeres Sitzen im Rollstuhl zu ermöglichen. Außerdem gibt es einen Gangroboter, in den der Patient hineingeschnallt wird. Auch das trainiert die Muskulatur, es hilft aber zugleich der Psyche, aufrecht zu stehen, die kleine Welt um sich herum aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. „Das ist ein super Gefühl“, erklärt Mike Glemser, dem es nicht immer leicht fällt, positiv zu denken. „Natürlich habe ich Hoffnung“, sagt er, „doch wenn man auf Biegen und Brechen versucht, seinen Körper anzusteuern und nichts davon ankommt, dann ist das mental sehr schwierig.“ Dazu kommt die Ungeduld des früheren Leistungssportlers, der sich selbst nicht mehr so fordern kann, wie er es gewohnt war: „Mir geht alles zu langsam voran.“
Das Problem ist, die kleinen Fortschritte, die es gibt, als solche zu sehen. Die Stimme von Mike Glemser, die vor ein paar Monaten noch sehr brüchig war, ist nun wieder fest, der Kreislauf stabiler, die allgemeine Fitness besser. Doch der Wunsch nach ein bisschen Selbstständigkeit hat sich nicht erfüllt. Mike Glemser kann nicht alleine essen, ihm fehlt die motorische Fähigkeit, ein Handy oder Tablet zu benutzen. Und wenn am großen TV-Gerät im Wohnzimmer mal wieder die Sprachsteuerung hakt, muss er seine Freundin bitten, das Programm zu ändern. „Die Dinge, die besser gehen, kann ich nicht wertschätzen, solange sie mich nicht selbstständiger machen“, sagt Glemser, „deshalb muss und werde ich weiterhin alles tun, um voranzukommen.“
Freundin Lara Lindmayer organisiert den Alltag
Zuletzt war das nicht einfach. Er litt unter einem Harnwegsinfekt, zog sich eine Blutvergiftung zu, immer wieder schmerzten Druckstellen am Körper. Und die langen Wartezeiten im Krankenhaus gingen an die Nerven: „Ich konnte nicht so arbeiten, wie ich wollte.“ Das ist nun wieder anders. Dreimal in der Woche ist Mike Glemser für drei Stunden im Reha-Zentrum, irgendwann will er wieder in die „mega anstrengende“ Intensivtherapie (fünfmal pro Woche sechs Stunden) wechseln. Er fühlt sich bestens ver- und umsorgt, auch die Gespräche mit der Berufsgenossenschaft laufen positiv.
Die Organisation des Alltags liegt bei Lara Lindmayer. Sie hat ihr eigenes Leben komplett aufgegeben, kümmert sich 24 Stunden um ihren Freund. Mit Hingabe, einer Prise Humor, dem Blick für die Realität. Und ganz viel Liebe. Zu seinem 26. Geburtstag Ende Oktober schrieb sie auf Instagram einen bewegenden Post. Über die schwierigen Monate, die sie für immer verbinden werden. Über das gemeinsame Lachen, Weinen, Nichtaufgeben. Und über die Zukunft, die sie an seiner Seite verbringen will. „Mir ist es wichtig, dass es ihm gut geht“, sagt Lara Lindmayer, „dass wir zusammen perfekt funktionieren und harmonieren, hat dieses letzte Jahr gezeigt. Wir haben uns nach dem Unfall noch einmal ganz anders kennengelernt, viel verletzlicher, aber wir haben auch die große Stärke im anderen entdeckt.“
Zu Gast beim Eishockey
Für Mike Glemser und Lara Lindmayer geht es nun darum, sich diese Kraft zu bewahren. Um in der Therapie Fortschritte zu machen. Um die täglichen Herausforderungen zu bewältigen. Und um die Zahl der guten Momente zu erhöhen. Zu diesen gehörte am Sonntag ein Besuch beim Eishockey. Zweitliga-Aufsteiger Starbulls Rosenheim spielte bei den Bietigheim Steelers. Mike Glemser schaute bei den alten Kumpels in der Kabine vorbei, sah den 9:3-Erfolg seines Ex-Teams, dessen Fans ihn lautstark empfingen. „Das war ein schönes, emotionales Erlebnis“, sagt er, „am Ende hieß es, ich sei ein Glücksbringer, müsse nun öfter kommen.“
Was niemand weiß oder ahnt? Wie viel Anstrengung so ein Ausflug kostet. „Es gibt bessere Tage, an denen wir versuchen, vor die Türe zu kommen“, erklärt Mike Glemser, „aber das kommt vielleicht ein- oder zweimal im Monat vor. Und es ist nie absehbar, wie lange ich es packe. Es geht höchstens ein paar Stunden, dann bin ich platt.“ Weshalb die Frage nach der Perspektive nur sehr schwer zu beantworten ist.
Der Traum vom Urlaub am Gardasee
Klar träumt Mike Glemser davon, irgendwann selbst in den VW-Bus steigen und diesen fahren zu können, um mal ein paar Kumpels zu besuchen. Klar träumt er davon, irgendwann den Weg ins Reha-Zentrum alleine bewältigen zu können. Und klar träumt das Paar davon, im Sommer ein paar Tage Urlaub am Gardasee machen zu können. Doch ob das klappt, ist offen. „Ich kann nicht mehr so gut in meinen Körper hineinhören wie früher. Ich kann ihm nicht mehr vertrauen“, sagt Mike Glemser, „als Leistungssportler wusste ich, dass man Ziele erreichen kann, wenn man hart dafür arbeitet. Jetzt ist das anders. Die Normalität ist immer noch sehr weit entfernt.“
Dies zu verkraften, ist nicht einfach. An jedem Tag. Und erst recht am Jahrestag.