Rache für US-Drohnenangriff Blutbad auf der Märchenwiese

Von Willi Germund, Bangkok 

Islamisten haben die Verantwortung für den Tod von neun Ausländern am Nanga Parbat übernommen. Bisher galt die touristisch attraktive Bergregion in Pakistan als relativ sicher. Das dürfte nun vorbei sein.

In dieser Region verübten die Extremisten ein Massaker. Foto: AP
In dieser Region verübten die Extremisten ein Massaker. Foto: AP

Peshawar - Nicht einmal der pakistanische Bergführer schöpfte Verdacht, als kurz nach Mitternacht am Samstag eine Gruppe uniformierter Männer in der bescheidenen Herberge nahe der weltberühmten „Märchenwiese“ am Westhang des Nanga Parbat auftauchte. Nur einem chinesischen Bergwanderer kam die Angelegenheit nicht geheuer vor. Er versteckte sich in der Dunkelheit und wurde Augenzeuge eines brutalen Verbrechens. Die unbekannten Männer in Uniform brachten die anderen Bergwanderer vor die Tür und erschossen die ahnungslosen Touristen.

Drei Chinesen, fünf Ukrainer, ein Russe und der pakistanische Führer blieben tot in einer der schönsten Gegenden der Welt nahe dem Ort Daiamar in Pakistans Nordprovinz Gilgit-Baltistan zurück. Der Mord geschah in der Nähe des Basislagers für die Besteigung des neuntgrößten, 8125 Meter hohen Bergs der Welt und nahe der „Märchenwiese“, einem idyllischen, grün bewachsenen Tal inmitten der faszinierenden Karakorum-Berge, die bisher noch zu den wenigen, relativ sicheren Gebieten Pakistans zählte. Die Gruppe Tereek-e-Taliban Pakistan (TTP)übernahm am Sonntag die Verantwortung für das Massaker. Der Überfall sei eine Vergeltung für den Tod ihres stellvertretenden Anführers Walk-ur Rehman, der vor einigen Wochen von einer US-Drohne getötet worden ist.

Vielen gilt jeder Ausländer mittlerweile als Feind

Es ist eine der ersten Aktionen der Extremisten in diesem nahezu menschenleeren Gebiet rund um die Stadt Chilas. Die Talibangruppe hatte ihre Fühler erstmals im Jahr 2009 in diese Region ausgestreckt. Damals eroberten die Taliban das Swat-Tal. Einige Abordnungen der Extremisten reisten bis in die Kaschmirregion und nach Chilas und versuchten, die lokalen Mullahs zur Unterstützung der Rebellion gegen die Regierung in Islamabad zu überreden. Die Talibanmilizen holten sich damals zwar einen Korb, aber seitdem gab es in Gilgit-Baltistan immer wieder Attacken gegen die schiitische Minderheit und auch gegen die Islamiten unter Führung des Agha Khan.

Mit dem Blutbad erlebt Pakistan einmal mehr die Kehrseite des blinden Nationalismus, der während der vergangenen Jahre geschürt wurde. Während das offizielle Pakistan sich einem lauten Antiamerikanismus widmete, suggerierten Sicherheitskräfte wie der Geheimdienst ISI den 180 Millionen Bewohnern, das Land befinde sich in einer Auseinandersetzung der islamischen Gläubigen gegen Ungläubige. In den Koranschulen, aus denen viele Kämpfer der Taliban in Pakistan und im benachbarten Afghanistan stammen, gilt längst jeder Ausländer als Feind oder Spion.

Der Hochgebirgstourismus galt bisher als relativ sicher

Schon in der Vergangenheit haben die Taliban der Region Chinesen entführt, auch betrachten sie häufig Staatsbürger Russland und anderer ehemaliger Ostblockstaaten fast ein Vierteljahrhundert nach der Auflösung der Sowjetunion als Feinde. Der Anschlag kommt wenige Tage, nachdem die Bergsteigersaison am Nanga Parbat begonnen hat. Wie in jedem Jahr haben sich bereits zahlreiche Gruppen für Expeditionen auf den Gipfel und den K2 angemeldet. Während es wegen der Entführungs- und Anschlaggefahr bereits seit dem Jahr 2001 nahezu keinen Individualtourismus in Pakistan mehr gibt, ist der Hochgebirgstourismus bisher noch eine Ausnahme gewesen, da die Regionen um die Basislager der Berge so entlegen und hoch sind, dass selbst Extremisten Mühe haben, den Weg zu finden. Zudem liegt die Organisation der Kletter- und Wandertouren nahezu ausschließlich in den Händen ehemaliger Militärs, die dank ihrer engen Verbindungen auch jeweils den nötigen Schutz organisieren konnten. Damit dürfte es nach dem Mord auf der Märchenweise von Samstagnacht nun vorüber sein.