Rachel Cusks „Lebenswerk. Über das Mutterwerden“ Gefangen im Chaos der Leidenschaften

Von  

Rachel Cusks Memoir „Lebenswerk“ ist nicht nur ein weiteres Buch über Mutterschaft. Es war vor 18 Jahren in Großbritannien eines der ersten dieser Art. Jetzt erscheint es auf Deutsch und erzählt brillant von der Gewaltigkeit einer Lebenserfahrung.

Der Erfahrung der Mutterschaft, schreibt Rachel Cusk, komme, sobald sie für die Außenwelt übersetzt werde, fast alles abhanden. Foto: AFP/Leon Neal
Der Erfahrung der Mutterschaft, schreibt Rachel Cusk, komme, sobald sie für die Außenwelt übersetzt werde, fast alles abhanden. Foto: AFP/Leon Neal

Stuttgart - Es ist ein Mysterium. Fast wie Eva aus der Rippe Adams kommt ein neuer Mensch aus dem Bauch der Mutter. „Wir sind ein Duo, ein Paar“, beschreibt Rachel Cusk in ihrem Memoir „Lebenswerk“ dieses komische Gespann. Die Frau fühlt sich, als habe sie sich schlicht „reproduziert wie eine Ma­trjoschka“ und stellt fest: „Ich habe allein das Haus verlassen und nun kehre ich zu zweit zurück.“ Ein im Grunde nicht fassbarer Vorgang, die „Entzweiung liegt so kurz zurück, dass keiner von uns vollständig erscheint und der schmerzende Stumpen unserer Einheit, bläulich und wund, immer noch spürbar ist“. Und wie bei Adam und Eva lässt das gewaltige Bild Spielraum zur Interpretation.

Was ist so schwer greifbar, kaum vermittelbar?

Der Erfahrung der Mutterschaft, schreibt Rachel Cusk, komme jedoch, sobald sie für die Außenwelt übersetzt werde, fast alles abhanden. Gespräche über Geburt und Wochenbett bewegen sich häufig zwischen rätselhaften Bemerkungen und Alltagsbeschwerden. Was ist so schwer greifbar, kaum vermittelbar? Windelwechseln und Schreiattacken können literarisch langweilig sein. Auch der kritischen Bewegung Regretting Motherhood, angestoßen vom gleichnamigen Buch der Soziologin Orna Donath, haftete etwas Banales, Abstoßendes an – vielleicht gerade deswegen, weil es ihr nicht gelang, wirklich zu erzählen, was ist.

Ein Kind bekommen – ist das nicht das Wahnwitzigste, Gewaltigste, Unglaublichste, was es gibt? Und doch alltäglich, sogar natürlich. Diese Paradoxität verwandelt Geburt und Mutterschaft in etwas Unheimliches, das sich an der von außen wahrgenommenen plumpen Profanität des Windelalltags bricht. Rachel Cusks autobiografischer Roman taugt jedoch heute nicht mehr zum Skandal. 18 Jahre sind vergangen, seit er erstmals in Großbritannien erschienen ist. Nun ist er endlich auf Deutsch erhältlich. Und in dieser Sparte ist jüngst so viel gesagt worden – beispielsweise von Sheila Heti in „Mutterschaft“ oder Antonia Baum in „Stillleben“ –, dass man Cusk getrost ignorieren könnte, wäre „Lebenswerk“ nicht so herausragend präzise und sprachlich wunderschön. Wie sich die Tage und Nächte ins Unendliche strecken, wie sehr Frau und Kind die gewöhnliche Welt verlassen, jenseits von Zeit und Raum aufeinander zurückgeworfen sind, voneinander getrennt und doch zusammen, das beschreibt Rachel Cusk sehr klug. „In der Mutter hat ein anderer Mensch gelebt, und nach dessen Geburt lebt er im Einflussbereich ihres Gewissens weiter“, stellt sie fest. „In seiner Gegenwart kann die Mutter nicht sie selbst sein, ebenso wenig in seiner Abwesenheit.“

Die Mutter als Schauspielerin

Zu Beginn fällt ihr also nichts anderes ein, als sich aufzuspalten, jene Stunden herbeizusehnen, in denen sie wieder spielen kann, so zu sein wie einst: „Sobald das Baby schläft, komme ich mit meinem früheren Leben zusammen wie mit einem heimlichen Geliebten.“ Das Unbegreifliche ist von Schmerz begleitet, dessen Ursprung rätselhaft bleibt: „Ich verstehe nicht ganz, was passiert ist, und verhalte mich deshalb, als wäre nichts passiert.“ Freunde treffen, Kaffee trinken, arbeiten gehen – die Frau fühlt sich dabei wie eine Schauspielerin. Und es dauert Monate, bis sie die einfachsten Wahrheiten begreifen kann und wieder einen Zugang zu sich selbst findet: „Ich habe mich gefühlt wie in einem Haus, dessen Zimmer gestrichen werden und dessen eigentlicher Zweck darüber in Vergessenheit gerät.“ Erst nach und nach werden die Räume zurückgegeben, die „Zeit ist kein tickendes Ding voller Stolperdrähte mehr“, die Frau fühlt wieder „Wellen des Mädchenhaften, von Jugend und Leichtigkeit“.

Cusks Memoir ist alles andere als ein Buch gegen Mutterschaft. Doch in einer Zeit, in der manche Leute Kinder als Accessoires sehen und die Archaik alles Lebendigen zwischen Geburt und Tod negieren, kann es heilsam sein, zuzugeben, mit welcher Wucht die Erfahrung der Mutterschaft ins Leben der Frau einbricht.