Das Wort macht hier die Musik. Im Kleinen, wenn zum Beispiel der „Freudenwein“ in munteren Sechzehnteln und Synkopen perlt. Im Großen, wenn eine ganze Arie lang göttliches Erbarmen die Armen mit heulender Chromatik umarmt, als zöge es sie aus tiefstem Prekariatsjammerstand. Und im ganz Großen, das größer ist als Bachs Kompositionen und ihr vertonter Text: den Worten des Herrn, dargelegt in den Bibellesungen, ausgelegt auf der Kanzel und – möglicherweise in enger Abstimmung – reflektiert von der musikalischen Predigt des Thomaskantors. Reichlich bedacht wird obendrein das Kirchenliedgut seit der Reformation – besonders tricky in den instrumental zitierten Choralmelodien, etwa der Trompete in der Kantate „Barmherziges Herze der ewigen Liebe“: ein semantisches Signal und Ratespiel, welche der Textstrophen gemeint sein könnte. Kurzum: Wer wissen will, was Intertextualität ist, muss sich mit den Kirchenkantaten Johann Sebastian Bachs befassen.
Waisenkinder des modernen Konzertbetriebs
Abgenabelt aber von den Kontexten einst wohlbekannter gottesdienstlicher Texte gleichen diese Werke sprachlosen Waisenkindern des modernen Konzertbetriebs – zumal die ferne theologische Vorstellungswelt der Textdichtungen eine Transferleistung vom Nichts(mehr)sagenden zur Verbindlichkeit des übertragenen Sinns fordert.
Wie also gibt man dieser genialen Musik das Wort zurück, das sie zeugt und bezeugt? Helmuth Rilling hat es mit der fröhlichen Musikwissenschaft seiner Gesprächskonzerte versucht. Sein bachakademischer Nachfolger Hans-Christoph Rademann hat – nunmehr mit Originalinstrumenten – eine andere „Vision Bach“: Mit einer zyklischen Aufführung in der ursprünglichen, über das Kirchenjahr verteilten Taktung stellt er genau 300 Jahre später im ersten Leipziger Kantatenjahrgang zumindest jenen Kontext wieder her, den Bach selbst gestiftet hat. Die Mitschnitte auf CD, von denen bisher zwei Folgen mit den ersten neun Kantaten vorliegen, sind die bis dato einzige Einspielung in der originalen Reihenfolge.
So lässt sich die zyklische Konzeption Bachs als Gesamtkunstwerk aufeinander bezogener Teilaspekte hören. Zum Beispiel wenn der neu bestallte Director Musices die obrigkeitliche Anweisung einer „nicht opernhafftigen“ Kirchenmusik durch dramatisch aufgeladene Rezitative systematisch unterläuft. Tonmalerisches, Pathosformeln, gewagte Harmonien und Intervallsprünge und immer wieder die emphatische Steigerung ins Ariose: Das sind die klingenden Akteure im inneren Theater dieser auf eigentümliche Weise sinnlichen Spiritualität. Solch Imaginäres treffen Rademann, seine Sängerinnen und Sänger mit idealer Balance: Weder dürrer Sprechgesang noch im schlechten Sinne „opernhafftiges“ Outrieren prägt den Rezitativton, sondern ein kerniger, aber nuancierter Aus- und Nachdruck, der Affekte nicht leugnet, aber Affektiertes meidet. Die drei Tenöre – in ihren Arien allesamt Helden der kantablen wie der geläufigen Gurgel – gehen quasi arbeitsteilig ans Verkündigungswerk: Benedikt Kristjansson mit lyrischer Noblesse, Patrick Grahl und Julian Habermann mit wohldosierter Drastik oder auch eifernder Intensität.
Gleichberechtigte Viel- und Vierstimmigkeit
Die hohe Kunst, die sich in der Rezitativ-Interpretation erweist, spiegelt sich im Gesamten von Rademanns Bach-Stil. Namentlich die vokalsinfonische Pracht der Einleitungschöre und der Schlusschoräle mit den obligaten Orchestersätzen wird in ihren großen, quasi architektonischen Bögen realisiert, ohne die Finesse der klangredenden Details zu verfehlen. Dem kommt die exzellente Durchhörbarkeit des Chorklangs mit seiner prägnant modellierten Polyphonie, der gleichberechtigten, nie ins Diskantlastige kippenden Vierstimmigkeit zupass. So wird ein Kennzeichen des Zyklus beleuchtet und entwickelt in der variierenden Wiederkehr symmetrischer Werkformen die über die Einzelkantaten hinausreichende Spannung. Selbst die Oldschool-Kleinteiligkeit im berühmten Opus „Ich hatte viel Bekümmernis“ – eine der älteren Kompositionen, die Bach in seinen Leipziger Debüt-Parcours integrierte – wirkt bei Rademann nicht wie ein Stilbruch, sondern wie eine plausible Variante gestaltenden Ausdrucks.
Lutherisch, aber ohne Grobianismus
Miriam Feuersinger, Natasha Schnur und Elisabeth Breuer bilden eine leuchtende Soprantrinität, Tobias Berndt, Matthias Winckhler und Peter Harvey das ebenbürtige Pendant an der Bass-Basis. Da gibt es weder Grummeln noch Hecheln, stilistisch und technisch ist das passgenau expressiver Bach-Gesang, ebenso bei Alex Potters rundem, schönem Altus. Die Instrumentalfraktion der Gaechinger Cantorey zeichnet differenziert, farbecht und virtuos jene kraftvoll-geschmeidigen Linien, die Rademann zu einem Klang mit Kanten und Konturen fügt, der elegant schwingen kann, aber auch einen Greatest Hit wie „Wie Jesus bleibet meine Freude“ nicht im Play-Bach-Modus vertändelt. Rademann ignoriert nicht das Bohrende, Brütende, Insistierende dieser Musik, ihre sperrige, querständige Leidenschaftlichkeit. Miede er nicht jeden Grobianismus, könnte man von einem echt lutherischen Interpretationsideal reden. Jedenfalls plätschert hier kein Veganer-Bach, im Gegenteil: Das Wort ist Fleisch und Glut geworden.
Zyklus in der Zielgeraden
Konzerte
Die „Vision Bach“ der Bachakademie biegt in die Zielgerade. An 31. Mai endet der Zyklus. Die nächsten Konzerte: Samstag, 6. April, Stadtkirche Schorndorf, 19 Uhr.Samstag, 13. April, Stiftskirche Tübingen, 20 Uhr.Samstag, 27. April, Esslingen, Gemeindehaus am Blarerplatz, 19 Uhr.
CDs
Johann Sebastian Bach: Der erste Leipziger Kantatenjahrgang. Vol. 1: Die Elenden sollen essen (BWV 75), Die Himmel erzählen die Ehre Gottes (BWV 76), Ich hatte viel Bekümmernis (BWV 21), Barmherziges Herze der ewigen Liebe (BWV 185), Ein ungefärbt Gemüte (BWV 24). Zwei CDs, Hänssler Classic 23025. Vol. 2: Ihr Menschen rühmet Gottes Liebe (BWV 167), Herz und Mund und Tat und Leben (BWV 147), Ärgre dich, o Seele, nicht (BWV 186), Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz (BWV 136). Zwei CDs, Hänssler Classic 23026.Vokalsolisten, Gaechinger Cantorey, Leitung: Hans-Christoph Rademann.