Radfahren in Fellbach Ungelöste Probleme in der Bahnhofstraße

Die nördliche Bahnhofstraße in Fellbach: der alte Radweg (rechts) darf nicht mehr genutzt werden. Foto: Dirk Herrmann

Das Land ist bereit, in Fellbach mit einer namhaften Summe Verbesserungen für Fußgänger und Radfahrer zu finanzieren. Aber steht auch schon fest, wie das Geld konkret verwendet werden soll?

Fellbach - Es gibt zahlreiche Verlierer der Coronakrise. Es gibt allerdings auch Gewinner – beispielsweise jene, die in der Fahrradproduktion beteiligt sind. Oder auch jene, die statt auf dem alten „Göppel“ nun auf ihrem neu gekauften Bike die Heimat erkunden wollen oder ganz einfach aus Lust und Laune als Pedaleure unterwegs sind. Was derzeit an den Wochenenden alles auf zwei Rädern am Oeffinger Neckaruferweg oder auf den Weinbergwegen des Kappelbergs unterwegs ist, übertrifft alles bisher dagewesene. Ganz klar: Fahrradfahren boomt. Dazu passen die aktuellen Zahlen: 79 Millionen Räder stehen in deutschen Kellern oder oder auf Abstellplätzen, davon sieben Millionen mit elektrischem Support.

 

Und dazu passen auch gleich mehrere überregionale Neuigkeiten, die in jüngerer Zeit bekannt wurden. So legte Bundes-Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) vorvergangene Woche eine neue nationale Radstrategie vor. Ziel sei „mehr, besserer und sicherer Radverkehr – in der Stadt und auf dem Land“, erklärte der Minister aus Bayern. Er wolle Deutschland in diesem Jahrzehnt „zum Fahrradland“ machen, kündigte Scheuer an.

Radler in Gefahr – trotz Tempo 30

Was aber bedeutet all dies für Fellbach? Auch hier hat man eine besondere Strategie und mit Birgit Orner im Rathaus eine Expertin für die hiesigen Fahrrad-Belange eingestellt. Es gibt eine ideale Topografie mit nur wenigen Hügeln und speziell eingerichtete Fahrradstraßen, so in der Theodor-Heuss-Straße und in der Fortsetzung in der Pfarrer-Sturm-Straße.

Parallel dazu gibt es ein seit Jahren nicht gelöstes Problem – nämlich den Radverkehr in der nördlichen Bahnhofstraße. Seitdem dort der Radweg offiziell abgeschafft wurde, baulich allerdings weiterhin vorhanden ist, müssen die Radlerinnen und Radler zusammen mit den Autos und den Lastkraftwagen im Verkehr „mitschwimmen“. Damit das nicht zu gefährlich wird, wurde Tempo 30 vorgeschrieben. Trotz der Drosselung sind freilich immer wieder gefährliche Überholvorgänge zu beobachten, wenn Autofahrer aus Ärger über die schwerfällig tretenden Radler aufs Gaspedal drücken, mit mehr als 60 „Sachen“ die Pedaleure überholen und dann entweder den Gegenverkehr gefährden oder zu schnell wieder einscheren müssen und die Radelnden schneiden.

Gemeinderat stärkt Gastronomen

Ziel der Stadtpolitik, per Beschluss des Gemeinderates bestätigt, ist die endgültige Abschaffung des Radwegs, mit der Folge der Verbreiterung des Gehwegs, sodass Landeinhaber ihrer Werbetafeln aufstellen können oder Gastronomen draußen auf dem Trottoir nicht nur in den heißen Monaten ihr Mobiliar platzieren können. Zuletzt aber waren vermehrt Stimmen zu vernehmen, das vorgesehene Konzept noch einmal zu überdenken. In dieses Umfeld ist vor geraumer Zeit eine Mitteilung des Landesverkehrsministeriums geplatzt zu zahlreichen Radweg-Projekten in ganz Baden-Württemberg – und auch in Fellbach. „Das Fahrrad ist das Verkehrsmittel der Stunde“, lautet die Überschrift, Untertitel: „Kommunen investieren in die Rad- und Fußverkehrsinfrastruktur.“ Die Nachfrage der Städte, Gemeinden nach entsprechenden Förderungen sei „größer denn je“. Innerhalb von drei Jahren wurde das Fördervolumen für Neuanmeldungen im Programm von einst 18 Millionen Euro auf 72 Millionen Euro verdreifacht. Insgesamt wachse das Förderprogramm für die Jahre 2021 bis 2025 auf mehr als 500 Maßnahmen mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 490 Millionen Euro. „Die Verkehrswende wird Realität“, sagt der alte und neue Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), „Kilometer für Kilometer“.

Einen Teil dieser Gelder hofft Fellbach nun abgreifen zu können. Dabei geht es um eine erkleckliche Summe: grob überschlagen, müssten rund eine Million Euro pro Projekt herausspringen. Konkret aufgelistet sind in dem mehrseitigen Papier mit den 514 Einzelmaßnahmen immerhin zwei konkrete Projekte in Fellbach und Kernen: erstens das „Radverkehrskonzept Kernen im Remstal“. Und zweitens in Fellbach selbst Maßnahmen zur „Erhöhung der Aufenthaltsqualität und Verbesserung des Fußgänger- und Radverkehrs in der nördlichen Bahnhofstraße.“

Und so erhält die Debatte über die künftige Gestaltung und Nutzung der nördlichen Bahnhofstraße neue Nahrung. Der für Fellbach zuständige CDU-Abgeordnete Siegfried Lorek aus Winnenden begrüßt das Programm wie auch die Idee, eine namhafte Summe in Fellbach zu investieren: „Eine gut ausgebaute Rad- und Fußverkehrsinfrastruktur ist ein zentraler Baustein für mehr Sicherheit im Verkehr“, sagt er. Ob die erhofften mehreren hunderttausend oder gar eine Million Euro tatsächlich eines Tages in Fellbach landen, ist derweil noch nicht sicher. „Die Aufnahme der Maßnahmen in das Förderprogramm ist nicht mit einer Bewilligung gleichzusetzen“, heißt es in der Mitteilung des Verkehrsministeriums. „Sie ermöglicht aber den Kommunen die Antragsstellung auf konkrete Förderung der Maßnahme. Mit der Zustellung des darauffolgenden Förderbescheids können die Kommunen dann die Projekte umsetzen.“

Mehr Sicherheit für Pedaleure?

Bleibt nur zu hoffen, dass all die Visionen für die nördliche Bahnhofstraße am Ende des Tages auch wirklich mehr Sicherheit für Radfahrerinnen und Radfahrer bringen. Denn viele Pedaleure in Fellbach sind keineswegs der Auffassung, dass das Ende eines eigenen Radwegs und das „Mitschwimmen“ im Auto- und Lasterverkehr so ungefährlich ist wie die Entscheider für die geänderte Verkehrsführung meinen, Tempo 30 hin oder her. Selbst der eigentlich vorgeschriebene Abstand von 1,5 Metern beim Überholen der Radler dürfte auch in Zukunft noch manche heikle Situation heraufbeschwören, zumal dieser Abstand in vielen Fällen nicht eingehalten wird, wie zu beobachten ist.

Dazu passt die Ergänzungsmeldung des ADAC zur angekündigten Förderung der Radinfrastruktur. „Bei der Planung der Radwegeinfrastruktur müssten allerdings die Bedürfnisse aller Verkehrsteilnehmer berücksichtigt werden und die Sicherheit der Radfahrer im Vordergrund stehen.“ Dieter Roßkopf, Vorsitzender des ADAC Württemberg, erklärt: „Der Radverkehr boomt, daher brauchen wir vor allem in Großstädten und Ballungsräumen als Alternative zum Auto ein durchgängiges Netz ausreichend breiter, sicherer und möglichst von der Fahrbahn getrennter Radwege entlang der Hauptverkehrsstraßen“, so Roßkopf. „Auch abseits davon sind attraktive Radverkehrsrouten sinnvoll, insbesondere Fahrradstraßen, wenn der Radverkehr gebündelt werden soll.“

Weitere Themen