Radnetzkonzeption für Fellbach Reichlich Farbe für neue Fahrradstraßen

Saftiges Rot, Rad-Piktogramm, Pfeile in beide Richtungen: In der Pfarrer-Sturm-Straße in Fellbach sollen Autofahrer künftig noch mehr Rücksicht auf Radfahrer nehmen. Foto: Dirk Herrmann

Die Städte und Gemeinden im Rems-Murr-Kreis treiben die Mobilitätswende voran und bereiten den Weg für neue Radstraßen vor: Es gibt rote Teppiche, blaue Signets oder türkisfarbene Seitenstreifen. Als Vorreiter mit der buntesten Bemalung des Asphalts darf sich Fellbach fühlen.

Das besondere Odeur kitzelte bei Nachbarn, Fußgängern, Radfahrern mehrere Tage lang in der Nase – der Geruch von Farbe waberte im Spätwinter durch die Fellbacher Luft. Kein Wunder, denn für die Aufwertung der Theodor-Heuss-Straße und der Pfarrer-Sturm-Straße zur Fahrradstraße darf beim Aufstrich nicht mir Farbe gespart werden.

 

Roter Teppich mit rutschfestem Belag

Auch im Rems-Murr-Kreis peilen die Städte und Gemeinden die Mobilitätswende an – indem man etwa dem Radverkehr den roten Teppich auslegt, damit das Buckeln und Treten den Vorrang vor dem Tritt aufs Gaspedal erhält. Hinzu kommen zahlreiche blau-weiße Bodenpiktogramme mit der Aufschrift „Fahrradstraße“, an den Einmündungen die bereits erwähnten roten Furten, die einen rutschfesten Belag und beiderseitig weiße Begrenzungslinien erhalten. Eine durchgängige türkisfarbene Begleitlinie soll den Verlauf der Fahrradstraßenachse noch deutlicher machen. Und die neuen Schilder „Anlieger frei“ sollen auswärtige Autofahrer fern von dieser Strecke halten.

Begleitet werden derartige Aktivitäten gerne von einer ausgiebigen Bürgerbeteiligung, mit strampelnden Erkundungen viel befahrener Straßen in der Praxis sowie Workshops für die Theorie. So ging es vor einigen Wochen in Waiblingen um die Umgestaltung der Stuttgarter Straße zur reinen Fahrradstraße, weshalb die Durchfahrt vom Ortskern in Richtung Fellbach oder zur Bundesstraße auf diese Weise in einigen Jahren nicht mehr zulässig ist – was auf jeden Fall kontrolliert werde, wie städtische Vertreter versicherten. Neben breiten Radstreifen und grünen Mittelachsen soll zudem die Kreuzung am Waiblinger Tor zu einem großen Kreisverkehr umgebaut werden.

Beim Abschlussworkshop sind die Männer in der Überzahl

Auch in Fellbach gab es kürzlich einen ausgiebigen Abschlussworkshop zur neuen Radnetzkonzeption. Im gut gefüllten Uhlandsaal der Schwabenlandhalle stellten die Männer die Mehrzahl unter den rund sechs Dutzend Teilnehmern. Peter Gwiasda und Andrea Fromberg vom Kölner Planungsbüros VIA stellten ihre „digitale Datenerfassung“ vor, „wir haben alles befahren“ in Fellbach.

Im Anschluss wurden in vier „Rad-Cafés“ Schwerpunkte diskutiert. Dabei ging es um das Radfahren auf Hauptachsen und Hauptverkehrsstraßen, um Fahrradstraßen und die Schulwegsicherung, um das Fahrradparken sowie im vierten Komplex um das Radfahren außerorts auf landwirtschaftlichen Wegen. Einige interessante Statistiken waren zu erfahren. So sind beispielsweise in der Nord-Süd-Radhauptachse den Messungen zufolge 1000 bis 1250 Kraftfahrzeuge am Tag unterwegs (Theodor-Heuss-Straße) sowie rund 750 Radfahrende. In der südlichen Verlängerung der Pfarrer-Sturm-Straße ist das Verhältnis ausgeglichener, mit 850 bis 1050 Kraftfahrzeugen und 800 bis 900 Fahrrädern täglich.

Zu geringer Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos

Einige Workshop-Teilnehmer äußerten Kritik an dieser Fahrradstraße. Die Autos seien zu schnell, der Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos sei viel zu gering. Gelobt wurde hingegen die nun umgesetzte verbesserte Sichtbarmachung der Fahrradstraße durch das einheitliche farbenfrohe Design.

Wenig Begeisterung dürfte wiederum der VIA-Vorschlag zur Bahnhofstraße auslösen: „Im Zuge der geplanten Umgestaltung kann entweder eine Reduktion der Verkehrsmenge um circa 50 Prozent angestrebt werden, sodass der Radverkehr im Mischverkehr verträglich geführt werden kann. Oder es werden unter Aufweitung der Fahrbahn und Wegfall der Stellplätze an der Ostseite Schutzstreifen beidseitig vorgesehen“, heißt es vonseiten des Planungsbüros.

Weniger Autoverkehr und wegfallende Parkplätze nahe der Eingangstüren – gegen beide Varianten haben Inhaber der Einzelhandelsgeschäfte in den vergangenen Monaten schon heftig protestiert. „Kein Mensch kommt auf dem Fahrrad und kauft in einem Fachgeschäft einen Topf oder läuft mit zwei Tüten, wenn er beim Herrenausstatter eingekauft hat, stundenlang auf dem Gehweg“, meinte ein Teilnehmer.

Manche Vorbehalte gab es aus Sicherheitsgründen auch gegen den vorgeschlagenen Kreisverkehr an der Remsstraße und der Hofäckerstraße beim Schmidener Schulzentrum: „Die Ampel dort ist der sicherste Weg für Kinder“, so ein Beitrag. Gwiasda hielt dagegen: „Fußgänger verunglücken an Kreisverkehren so gut wie nie.“

Wann kommt die Fahrradbrücke über die Schienen?

Und was ist mit der von manchen erhofften neuen Fahrradbrücke über die Schienen westlich des Bahnhofs? Die Stadt ist diesbezüglich zurückhaltend, und auch Gwiasda sagte ohne Umschweife: „Bis es eine Brücke über die Gleise gibt, sind wir alle uralt.“

Die Ideen und Beiträge im Workshop werden vom Team um die Radbeauftragte Birgit Orner ausgewertet. Daraus entsteht dann der eigentliche Rahmenplan. „Im Herbst kommt der dann raus aus der Schublade, und wir gehen rasch an die Umsetzung“, versprach Baudezernentin Beatrice Soltys.

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