Radsport Froomes Fall

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Therapie? Doping? Schlamperei? Der positive Test von Radprofi Chris Froome wirft Fragen auf.

Nach seinem Toursieg 2017 konnte er noch lachen. Dies ist Chris Froome inzwischen vergangen. Foto: AP
Nach seinem Toursieg 2017 konnte er noch lachen. Dies ist Chris Froome inzwischen vergangen. Foto: AP

Stuttgart - Das Gelbe Trikot der Tour de France bringt manches mit sich. Zum Beispiel einen Platz auf dem heißen Stuhl. Es ist nämlich üblich, dass der Gesamtführende des Rennens Tag für Tag auf einem Stuhl Platz nimmt und den Journalisten kurz Rede und Antwort steht. Vergnügungssteuerpflichtig war dieser Platz schon lange nicht mehr, die Sitzungen sind phasenweise zu Verhören ausgeartet.

Die D-Frage. Immer wieder. Doping.

Der Führende der Tour de France ist angesichts der Geschichte des Radsports per se erst Mal der verdächtigste Athlet der Welt. Christopher Froome kennt den heißen Stuhl bestens. Er saß oft drauf. Froome gewann seine erste Frankreich-Rundfahrt 2013, in jenem Jahr, als Lance Armstrong (USA) angesichts umfassender Beweise zu einem Doping-Geständnis genötigt wurde.

Froome wurde im Laufe der Jahre bespuckt und beschimpft, er wurde mit Urin beworfen, der Bus seines Rennstalls mit vollen Cola-Dosen malträtiert. Er hat das alles immer mit bemerkenswerter Würde und stets erstaunlich freundlich ertragen. Er ist keiner Frage aus dem Weg gegangen, so oft er auch die immer gleichen Zweifel hörte. Manch Vorgänger wurde patzig, Froome war immer ein Gentleman.

Er sagte mal dazu: „Das bringt das Gelbe Trikot mit sich. Es ist schwierig nach der Vorgeschichte des Sports. Ich akzeptiere das, ich verstehe das auch. Ich bin ja auch enttäuscht worden, und ich hoffe, dass ich helfen kann, die Situation zu ändern. Ich weiß, dass es dauern wird, aber wir haben den festen Willen zu zeigen, dass der Radsport jetzt anders ist, dass er sauber ist.“

Der 13. Dezember 2017. Eilmeldungen am Morgen ploppen auf. „UCI: Tour-Sieger Froome mit positivem Dopingtest“.

In einer Dopingprobe des Briten in Diensten des Team Sky wurde eine erhöhte Konzentration des Asthmamittels Salbutamol gefunden. Bei Salbutamol handelt es sich um ein Medikament, das bei Nachweis einer Erkrankung mit einer Genehmigung des Radsport-Weltverbandes UCI verwendet werden darf, allerdings nur mit einer maximalen Konzentration von 1000 Nanogramm pro Milliliter. Bei Froome wurden in der Probe vom 7. September dieses Jahres 2000 Nanogramm nachgewiesen. Das bronchienerweiternde Salbutamol gilt als das Asthma-Mittel mit der höchsten anabolen Nebenwirkung. Es beeinflusst auch den Muskelauf- und den Fettabbau.

„Es ist weithin bekannt, dass ich Asthma habe, und ich kenne die Regeln genau. Ich weiß auch, dass ich jeden Tag getestet werde, wenn ich Spitzenreiter bin“, teilte Christopher Froome in einer Erklärung seines Sky-Teams mit. Weiter heißt es: „Mein Asthma wurde während der Vuelta schlimmer, und so habe ich die Anweisungen der Teamärzte befolgt, meine Salbutamol-Dosierung zu erhöhen. Aber wie immer habe ich mit größter Sorgfalt darauf geachtet, dass die erlaubte Dosierung nicht überschritten wird.“ Und nun? Was heißt das alles? Unzählige Fragen sind offen. Schlamperei im perfekten Sky-Team? Absicht? Doping? Therapie?

Endet die wundersame Geschichte des Christopher Froome mit der Heilung von Bilharziose und den folgenden Triumphen bei der Tour ähnlich wie die wundersame Geschichte des Lance Armstrong mit seinem überstandenen Krebs – als Lüge auf dem Scheiterhaufen der Sportgeschichte?

Am Tag vor dem Test hatte der Brite bei der Vuelta, die er später gewann, auf einer schweren Bergetappe Zeit auf seine Konkurrenten Vincenzo Nibali und Alberto Contador verloren. Froome und sein Team hätten sich deshalb wohl für „eine kleine Extradosis Salbutamol“ entschieden, ätzt der Ex-Profi und Dopingsünder Michael Rasmussen via Twitter. Die UCI spricht von einem „auffälligen Test“, der erklärt werden muss, eine Sperre gibt es zunächst nicht. Je nach Bewertung könnte Froome bis zu zwölf Monate gesperrt werden.

Doch aus PR-Sicht ist schon jetzt eines klar: „Es ist ein Totalschaden“, sagte der Antidopingexperte Fritz Sörgel. Der Fall Froome kommt zur Unzeit, speziell in Deutschland, wo zuletzt viele Sportfans wieder ein bisschen Vertrauen in den Radsport gewonnen hatten und Stars wie Marcel Kittel dem Sport ein gutes Image bescherten. Der Radsport, sagt Sörgel, habe „gerade den Kopf wieder aus dem Loch gesteckt, sich gerade langsam erholt, da kriegt er sofort eine mit dem Hammer drauf. Es trifft die gesamte Branche.“

Um Froome und sein Team Sky ranken sich schon lange Gerüchte und Verdächtigungen. Der Rennstall dominiert seit 2012 die Tour, damals gewann Bradley Wiggins als erster Brite. Es gab dubiose Medikamentenlieferungen und Ermittlungen (aber keine Beweise). Die Zweifel aber waren und sind stark, auch bezogen auf Froome, der erst mit 27 Jahren im großen Radsport ankam und seitdem die Rundfahrten dominiert. „Zu stark, um sauber zu sein?“, twitterte Lance Armstrong ketzerisch 2015. Aber auch weniger übel beleumundete Experten haben Zweifel. Ralph Denk, Teammanager des Bora-Hansgrohe-Rennstalls, sagt über den in Kenia geborenen Briten: „Ullrich und Armstrong waren Jahrhundertmenschen, vielleicht ist ­Froome ein Jahrtausendmensch.“

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