Räucherrituale zur inneren Reinigung Das große Kokeln

„Unsere Augen und Ohren leiden derzeit enorm“: Christine Fuchs bei ihremOnline-Seminar Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Es hat sich etwas angestaut in den Menschen. Der Stress, die Sorgen, die ganzen schlechten Nachrichten. Räucherrituale sollen Körper und Geist durchputzen – und sind irrsinnig angesagt.

Magstadt - An einem Abend im Winter hat ein Paar nackter Füße seinen großen Auftritt. In Großaufnahme ist es zu sehen. Die Füße, schwört eine Stimme aus dem Hintergrund, die Füße seien ganz unglaublich wichtig. Finger schieben sich zwischen die Zehen im Bild. Es wird gewalkt und geknetet und gespreizt. Es sieht aus wie Arbeit. Die Situation wirft Fragen auf. Ob man diese Fußübungen denn unbedingt machen müsse, will jemand wissen. Es gibt kein Muss, antwortet die Stimme, aber . . .

 

Die Stimme gehört Christine Fuchs, das Fußpaar auch. Ihre Bühne ist ein Monitor. Die Fragen kommen aus einem Chat. Fuchs sitzt in einem Dachgeschoss in Magstadt und erklärt anderen, wie sie in ihrer Aura großreinemachen können. „Körperabräucherung zur Selbstanwendung“ heißt der Kurs. Er findet online statt. 30 Frauen jeden Alters sitzen in Wohnzimmern vor Webcams und starren auf ihre Laptops, um spirituelle Heilung zu erfahren. Manche schreiben mit. Meine Zehen sind total unbeweglich, klagt eine Teilnehmerin.

Die Fußübungen sind nur Vorspiel. Laut Fuchs verbinden Füße ihre Besitzer mit der Erdenergie. Zudem befänden sich in den Füßen Reflexzonen, die alle anderen Körperorgane spiegelten. Ohne Fußgymnastik kein Räuchererfolg. Als Fuchs ihre eigenen hinlänglich auf Trab gebracht hat, greift sie zum Hauptakteur: ein glimmender Kräuterstab aus getrocknetem Salbei. Wieder bearbeitet sie ihre Füße. Dieses Mal mit Schwaden statt Massagen. Fuchs schwenkt und schwenkt. „Richtig entlangschlecken“ solle der Rauch an Ferse und Sohle. Fünf, sechs, sieben Minuten dürften es schon sein pro Fuß.

Blockaden in der Aura

Wieso sich selbst einnebeln? Um Blockaden in der Aura zu Leibe zu rücken, sagt Fuchs. Aura? Fuchs zufolge ist das ein nichtstofflicher Körper, der den physischen umgibt. Eine Art Hülle. Mit Chi und Chakren drin. Chakren sind Energiefelder, heißt es in der indischen Philosophie. Manche nennen die Aura auch Astralleib. Oder Ätherkörper. Es ist kompliziert.

Fuchs versucht, es einfach zu halten. Sie zeigt das Abbild einer menschlichen Silhouette. Drum herum sind Regenbogenfarben. Wenn es spitze läuft im Leben, ist die Aura hell und strahlend, erklärt sie. Dann sei man mit seinem Körper in Kontakt, habe guten Sex, fühle sich vital. In weniger erfreulichen Phasen sei die Aura dumpf und dunkel. Ergebnis: keine Kraft, keine Lust, das Leben eine Qual. „Alles, was wir tagsüber aufnehmen, sammelt sich in unserer Aura an.“ Ärger, Trauer, Frust, solche Sachen. „Das wandert durch alle Auraschichten, bis es sich im Körper manifestiert. Dann ist es zu spät! Dann ist es Krankheit!“ Und Krankheit, die will niemand.

Hellsichtige könnten die Aura anderer erkennen, sagt Fuchs. Und Hinweise geben, wann es höchste Zeit für eine Ätherkörperoptimierung sei. Ob man so eine Hellsichtigkeit lernen könne, erkundigt sich eine Zuschauerin. Das sei jetzt eher nichts, was man sich in einem Wochenendseminar reinziehe, dämpft die Referentin allzu ehrgeizige Ambitionen. Aber lernen, wie man mit viel Rauch „das ganze Geschmodder“ aus der eigenen Aura hinausbugsieren kann, das geht wohl.

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Christine Fuchs ist 58, der Bob dynamisch, die Bluse blau, die Brille auch. Hinter ihr steht eine weiße Vase auf einem weißen Sideboard vor einer weißen Wand. Keine Gebetsfahnen, keine Engelbilder, kein Firlefanz. Man nähme ihr auch Qualifikationen als Einrichtungsberaterin oder Kosmetikerin ab. Tatsächlich hat sie Betriebswirtschaftslehre studiert, Schwerpunkt Personalwesen. Fast zwei Jahrzehnte kümmerte sie sich bei Daimler um Teamentwicklung und leitete Coachings.

Ende der 1990er Jahre zog ihr damaliger Lebensgefährte aus der gemeinsamen Wohnung aus. Eine Freundin schenkte ihr eine Kräutermischung, um die unerwünschten Ex-Beziehungsenergien aus den Räumen zu treiben. Fuchs kokelte eine Weile ungeschult vor sich hin. Die Sache gefiel ihr. Sie entdeckte ein Buch übers Räuchern, nahm Kontakt zur Autorin auf und begleitete sie jahrelang als Assistentin zu deren Kursen. Sie knüpfte Kontakte, begann, selber Räucherwaren zu vertreiben, und meldete ein Nebengewerbe für Kräuter- und Aromaprodukte an.

Schleier vor der Seele

Die Erleuchtung kam 2006. In den Raunächten zwischen Weihnachten und Dreikönig, mythenbeladen und Hochsaison der Räucherfreunde, wollte Fuchs Antworten. Weil Räuchern einen Schleier von der Seele ziehe. Fuchs befragte ihr Unterbewusstsein. Was sie denn für den Rest ihres Berufslebens anfangen wolle? „Nicht das“, empfing sie als Losung aus dem Rauch. Sie schmiss ihren Job beim Autobauer und machte sich selbstständig. In ihrem Elternhaus richtete sie Lager und Büro ein. Die Mutter aller sogenannten Landzeitschriften berichtete über sie. Nach Erscheinen des Artikels explodierte ihr Bestelleingang.

Der Glaube an die balsamische Wirkung von brennenden Dingen ist uralt und ein globaler Dauerhype. Seit Menschen Feuer kennen, zündeln sie mit duftenden Pflanzenteilen. Räuchern soll Höhlen und Wohnzimmer von mieser Stimmung befreien und Menschen wie Vierbeiner vor bösen Mächten und Siechtum boostern. Die Mayas erhofften sich von Copal-Harz göttlichen Beistand. Araber und Katholiken schwenken Weihrauch. Tibeter meditieren mit Duftstäbchen. Gestandene Allgäuer Bauern wedeln glühende Kräuter durch ihre Ställe, um Seuchen von ihren Rindviechern fernzuhalten. Auf der ganzen Welt gehen Bräuche und Heilslehren in Rauch auf.

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Fuchs arbeitet sich nach oben. Sie nebelt Knie und Beine ein und lässt den Rauch ihre Wirbelsäule hinaufkriechen. Auch essenziell: der Unterleib. In Afrika gebe es Stämme, in denen sich die Frauen über eine Weihrauchschale stellten. „Diese Frauen kennen keine Scheideninfektion“, sagt die Referentin.

Die Füße bleiben Thema. Ob Weihrauch auch gegen Nagelpilz helfe, fragt eine Zuschauerin. Perfekt sogar, sagt Fuchs. Auch Erfolg versprechend in solchen Fällen: Thymian oder Lavendel. Profis orientieren sich beim Räuchern an der sogenannten Organuhr. Die folgt der Vorstellung, dass die einzelnen Körperteile zu bestimmten Uhrzeiten besonders viel Energie durchströmt.

Wer beispielsweise seine Leber reinigen will, ist zwischen ein und drei Uhr nachts dabei. Das sei dann aber schon Körperabräucherung in der High-End-Version, sagt Fuchs. Menschen mit konventionellen Schlafgewohnheiten rät sie zum abendlichen Räuchern. Vor allem jenen, die im Homeoffice arbeiten, wo die Grenzen zwischen Lebensunterhalt und Leben gern verschwimmen. Das Ritual soll den Feierabend einläuten.

Tuthahnfedern und Harz von indonesischen Drachenblut-Bäumen

Fuchs hat sich ein Räucherimperium geschaffen. In ihrem Unternehmen Lab.danum verkauft sie Harz von indonesischen Drachenblutbäumen und Zirbennadeln aus den Alpen, Truthahnfedern, um Rauch bis in die hinterste Küchenschrankecke zu fächeln, Räucherstövchen und Räucherkohle. Sie hat Bücher über Hausräucherungen geschrieben, über Räuchern zur Meditation, Räuchern im Jahresrhythmus, über Räuchern mit heimischen Pflanzen und mit Räucherstoffen aus aller Welt, bot Räucherausbildungen und Einzelseminare. Es gab zu tun. Die Arbeit am Online-Shop hat sie an ihren Mann Jürgen abgetreten.

Dann kam die Pandemie – und auch ihr Betrieb teilweise ins Stocken: Präsenzräucherkurse waren jetzt nicht mehr möglich. Fuchs sah, wie jemand auf Facebook eine Kerzenmeditation durchführte. Also wieso nicht auch übers Internet räuchern?

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Sie kaufte eine Kamera, eine zweite, Lampen, Mikro. Aus dem Dachzimmer wurde ein Aufnahmestudio. Sie hielt einen Online-Kurs, zwei, drei. Lud Gastreferenten ein, die in Webinaren über die stressbefreiende Wirkung von Pflanzen sprechen und schamanische Lichtrituale durchführen. Mitunter bis zu 130 Menschen sitzen mittlerweile vor Rechnern in Österreich, Kanada oder den USA und schauen Fuchs beim Rauchmachen zu. Sie kommt nicht mehr hinterher. Inzwischen schafft sie kaum noch, alle Zoom-Kurse selbst anzuleiten. Zurzeit ist sie dabei, ein Moderatorenteam zusammenzustellen.

Fuchs mag das Wort „Corona-Gewinner“ nicht. Aber gelitten habe ihre Firma nicht in der Pandemie, im Gegenteil. Virus und US-Software haben dem Zeremoniell aus vorchristlicher Zeit einen Megaboom beschert. Nicht nur in Magstadt. Kräuterfrauen von Oberstdorf bis Nordfriesland werben um Internetnutzer, die mit Beifuß und Bernstein ihr Befinden auf Vordermann räuchern wollen. Zahlreiche Versandhandel bieten Räuchermischungen, die von Lasten der Urahnen befreien oder erotische Blockaden lösen sollen. Stramm weltliche Buchhandlungen haben neben dem neuen Island-Krimi Liebeszauber-Weihrauch in den Auslagen stehen. Die Sache leuchtet ein: Wenn überall Aerosole lauern, soll es wenigstens in den eigenen Chakren aufgeräumt zugehen. Auch Ärzte und Therapeuten zählen neuerdings zu den Kunden von Fuchs. Einige Räuchernde sind der Überzeugung, Harze und Kräuter könnten Keime in der Luft unschädlich machen.

Die Kraft des Salbei-Stabs

Christine Fuchs ist ganz oben angelangt. Sie schwingt den Salbeistab um ihren Kopf. „Unsere Augen und Ohren leiden derzeit enorm“, sagt sie. Wie die den ganzen Tag von Radio und Medien zugemüllt würden! „Wenn ihr denkt, ich kann es nicht mehr hören, ist dringend eine Ohrausräucherung dran.“

Der Stab wandert weiter. Auch Arme und computermausgeplagte Finger wollen eingeräuchert werden. Es bleiben Probleme. „Ich finde den Geruch des Verbrannten unangenehm. Gehört das dazu?“, schreibt eine Chatterin. Fuchs empfiehlt ihr, die Körperabräucherung im Freien durchzuführen. Man müsse sich halt mal ein bisschen abhärten.

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