Auf dem Weg nach Stammheim
1977 waren einige RAF-Leute auffällig oft rund um Ludwigsburg beobachtet worden. Das habe daran gelegen, dass ein Großteil der Mitglieder wie Christian Klar oder Adelheid Schulz zur sogenannten Karlsruhe Gruppe gezählt worden sei, erläutert Pflieger. Und Ludwigsburg habe auf der Strecke nach Stammheim gelegen. Dort saß mit Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Co. die Gründungsriege der Roten Armee Fraktion ein. Zum anderen sei in Stuttgart mit dem Rechtsanwaltsbüro Croissant eine Zentrale der RAF angesiedelt gewesen, von der aus unter anderem Informationen zwischen den Häftlingen und den im Untergrund lebenden Anhängern der linksextremistischen Gruppe vermittelt worden seien.
Mehrere Zeugen hätten Christian Klar, Günter Sonnenberg und Knut Folkerts schließlich gesehen, als sie mit den beiden Fahrzeugen unterwegs gewesen seien, die beim Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback am 7. April 1977 benutzt wurden, ein Motorrad und ein Alfa Romeo. Mit dem Auto sind die Täter nach dem Anschlag nach Sachsenheim geflüchtet, wo sie es in Bahnhofsnähe abstellten. Das Motorrad war Zeugen kurz vor dem Anschlag in Sachsenheim aufgefallen, der Alfa Romeo in Bietigheim, Marbach, Vaihingen-Kleinglattbach und Mundelsheim.
Fahrerin hinter dem Steuer eingeklemmt
1980 führten die Wege der RAF abermals in den Landkreis. Zeugnis davon legt eine dicke Akte mit Ermittlungsberichten rund um einen Verkehrsunfall ab, die im Staatsarchiv in Ludwigsburg aufbewahrt wird. Es war der 25. Juli gegen 7.10 Uhr. Ein Golf mit französischem Kennzeichen war zwischen Bietigheim-Bissingen-Untermberg und Markgröningen-Unterriexingen auf die Gegenfahrbahn geraten und gegen einen Lastwagen gekracht. Per Funk wurden zwei Polizisten verständigt. „Auf der Anfahrt wurde uns von der Lage- und Einsatzzentrale Ludwigsburg mitgeteilt, dass bei dem Verkehrsunfall vermutlich zwei Personen tödlich verletzt wurden“, heißt es im Einsatzbericht der Ordnungshüter vom Revier in Vaihingen/Enz. Beim Eintreffen der Beamten waren das DRK und die Freiwillige Feuerwehr Bietigheim-Bissingen bereits vor Ort. Ein Polizist begab sich zu dem Golf. Der Beifahrer, ein Mann, lag außerhalb des Autos, bereits mit einer Plane abgedeckt. Die Fahrerin war hinter dem Steuer eingeklemmt, ebenfalls tot.
Und dann kam der Moment, als die Streifenpolizisten erkannt haben, dass sie es mit einer größeren Sache zu tun haben mussten. Ein Feuerwehrmann wies darauf hin, dass im Fußraum des Autos eine Maschinenpistole liege. In einer Tasche waren zudem verschiedene Autokennzeichen verstaut, im Hosenbund der eingeklemmten Frauenleiche steckte eine weitere Pistole. Schnell zählten die Ermittlern eins und eins zusammen: „Die Gesamtsituation deutete klar auf einen terroristischen Hintergrund hin“, heißt es im Bericht des Landeskriminalamts vom selben Tag. Die Maschinerie lief an, höhere Dienststellen übernahmen das Ruder, eilten zum Unglücksort. Jedes Detail im Zusammenhang mit dem Unfall, dem Auto und seinen Insassen wurde protokolliert und überprüft, zig Zeugen befragt. Eine Frau aus Oberstenfeld meldete zum Beispiel, dass sie an der Burg Lichtenberg zwei Frauen in einem verdächtigen Kleinwagen mit französischem Kennzeichen bemerkt habe.
Fahnder glauben: Vorbereitungen auf Anschlag laufen
Es stellte sich letztlich heraus, dass bei dem Unfall die RAF-Mitglieder Juliane Plambeck und Wolfgang Beer ihr Leben verloren hatten. Die Waffen und andere in dem Golf sichergestellten Gegenstände deuteten aus Sicht der Fahnder darauf hin, dass ein Anschlag in Vorbereitung war. Und eines der in dem Auto gefundenen Kennzeichen stammte von einem BMW. Dieser war in der Nacht zum 25. Juli in Flein im Landkreis Heilbronn entwendet worden und dem Golf laut den Akten gefolgt. Am 26. Juli gegen 17 Uhr wurde der BMW in Vaihingen entdeckt, wo er abgestellt worden war. Die Bundesanwaltschaft ging nach der Erinnerung von Klaus Pflieger davon aus, dass in dem Auto Adelheid Schulz und Henning Beer, Wolfgangs Bruder, gesessen hatten. Die beiden hätten den Unfall registriert, seien aber weitergefahren, „weil sie erkannten, dass ihren Gesinnungsgenossen nicht mehr zu helfen war“. Ein Vorgehen, das er als „erschreckend“ empfunden habe.
Dicke Akte zu einem tödlichen Unfall
Ermittlungen
Die Ermittlungsakte zu dem tödlichen Unfall von Juliane Plambeck und Wolfgang Beer 1980 bei Untermberg liegt im Staatsarchiv in Ludwigsburg. Sie umfasst unter anderem Fotos von dem Unglückswagen und gefälschten Pässen, aber auch Ermittlungsberichte und Karten von Orten, an denen der Golf von Plambeck und Beer beobachtet worden ist. Auf vielen Seiten ist zudem aufgelistet, welche Gegenstände sichergestellt wurden wie Musikkassetten von Bob Dylan und Janis Joplin, eine braune Handtasche oder das Foto eines Kleinkinds.
Personalakte
Zu den Umtrieben der RAF im Landkreis rund um das Buback-Attentat im Jahr 1977 gibt es keine Akte beim Staatsarchiv Ludwigsburg, in der gebündelt alle Informationen gesammelt wären. Zudem müsste für eine Einsicht etwaiger Unterlagen zu dem Fall eine Freigabe vom Verfassungsschutz eingeholt werden. Studieren kann man im Archiv die Personalakte des Polizisten Helmut Ulmer aus Vaihingen-Enzweihingen, der beim Schleyer-Attentat 1977 getötet wurde.