Vor dreißig Jahren ist der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder gestorben – menschliches Monster und ästhetisches Genie. Daheim war er nur in seinen Werken.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Mirko Weber (miw)

München - Glocken läuteten von der Frauenkirche her, denn es war Fronleichnam, Festum sanctissimi corporis Domini nostri Jesu Christi. Aber Rainer Werner Fassbinder, 37 Jahre alt, hatte die Morgendämmerung des 10. Juni 1982 schon nicht mehr erlebt. Nackt, wie er in seiner Wohnung in der Münchner Clemensstraße angeblich immer herumlief, auch wenn Leute da waren, und es waren praktisch immer Leute da, denn er konnte nie allein sein, lag er seit kurz nach vier Uhr in der Früh auf einer schmutzigen Matratze: das Haupt voll Nasenblut, der massige Körper innerlich eine einzige Wunde. Fassbinder hatte, wie die Obduktion ergab, eine letzte, lange Linie Kokain gezogen, deren Wirkung sein Herz nicht mehr gewachsen gewesen war. Der Tod, steht lakonisch im Bericht, sei „durch eine kombinierte Aufnahme von Arznei- und Suchtstoffen zwanglos erklärbar“.

Es wurde ein heißer Tag in München, mit einem Ultramarinhimmel über der Stadt, und als die Prozessionen vorbei waren, machten sich allmählich andere Menschengruppen auf zum Olympiastadion, wo am Abend die Rolling Stones davon sangen, wie es ist, wenn man denkt, dass man nicht genug kriegen kann. „I can’t get no . . .“, schrie Mick Jagger, schon damals wie eine Karikatur seiner selbst, und eine Wand aus Leibern schrie zurück: „Satisfaction“. Seltsam war das.

Bei der Beerdigung ist der Sarg leer

Als Fassbinder offiziell beerdigt wird, sechs Tage später auf dem Südfriedhof, ist er mit keiner Faser beteiligt. Sein Körper liegt noch im Gerichtsmedizinischen Institut. Trotzdem streiten sich gleich drei Frauen darüber, wer wohl die wichtigste Witwe jenes Mannes sei, der sich im Leben fast ausschließlich über Männer definiert hat: Ingrid Caven, mit der er tatsächlich (eine melodramatische Geste) kurz verheiratet war, Hanna Schygulla, seine Lieblingshauptdarstellerin, und Juliane Lorenz, Cutterin und letzte Begleiterin – später wird sie Fassbinders Nachlass sinnvoll und geplant ordnen. Alle wollen sie die Erste an seinem Sarg sein – in dem er nicht liegt. Zur Ruhe, wie man so sagt, kommt Fassbinder erst später in einer Münchner Gegend, die ihm vollkommen fremd war: auf dem Bogenhauser Friedhof, ums Eck von Erich Kästner. Es liegt da nur ein vergleichsweise klein wirkender Stein auf dem Grab. Als sei Fassbinder einfach weitergezogen und noch da. Ist er das?

„Unbedingt“, sagt Anja Sczilinski. München an einem Frühsommertag, dreißig Jahre später. Zwei Stunden Schauspiel und Diskussion im Münchner Marstall sind vorüber. Anja Sczilinski ist die Regisseurin von Fassbinders frühem Theaterstück „Katzelmacher“, das hier von der Intergroup des Jungen Resi aufgeführt und danach mit dem Publikum besprochen wird. „Katzelmacher“ beginnt mit Glockengeläut und endet gewaltsam: am Boden blutet der griechische Gastarbeiter Jorgos, über den und seinesgleichen (Katzelmacher = Kesselflicker) die Gunda im Stück vorher lapidar sagt: „Totschlagen, solche Leut, glatt totschlagen.“ Rainer Werner Fassbinder hat „Katzelmacher“ 1968 geschrieben und der Schriftstellerin Marie-Luise Fleißer aus Ingolstadt gewidmet. Ein Jahr später verfilmt er den Stoff. Es ist sein Durchbruch auf dem Theater und im Kino gewesen und beendet eine Zeit rastlosen Suchens: Auf einmal ist der einsame Bub aus Bad Wörrishofen, der am Goetheplatz in München aufwächst, hin- und hergerissen ist zwischen geschiedenen Eltern und zweimal abgelehnt wird von der Filmhochschule, jetzt der Boss. Und wie!

Als der Jungschauspieler und damalige „Bravo“-Starschnitt Ulli Lommel, dem Fassbinders „Attitüde aus Genie, des Teufels General und trinkendem Desperado“ gefällt, zum Set von dessen erstem längeren Film kommt („Liebe ist kälter als der Tod“), fragt er Hanna Schygulla nach einem Drehbuch. Schygulla schüttelt mit dem Kopf: „Das hat doch der Rainer alles im Kopf.“

Das Vorstadtfegefeuer hat sich nicht geändert

Anja Sczilinski stammt aus Gera. Sie ist 36 Jahre alt, gerade Mutter geworden, offen, sehr freundlich. Wenn sie inmitten der Jungschauspieler sitzt, hat sie etwas Beschützendes. Sczilinski ist seit dem ersten Lesen von „Katzelmacher“ – „als der Funke sprang“, wie sie sagt – davon überzeugt, dass sich nicht viel geändert hat an den Vorstadtfegefeuern, von denen Fassbinder in „Katzelmacher“ erzählte: dass einer anders ist als die anderen, er heiße Jorgos oder sonst wie und dann in Schwierigkeiten kommt, ist eine Konstante. In der Diskussion später bestätigen das mehrere Schüler: „Das sind ja wir!“ Kein Zweifel. Und ein Satz wie von der Darstellerin der Marie ist eh zeitlos: „Ich hab dich auch lieb“, sagt sie zu Jorgos, den der Regisseur damals selber spielte, „ich spür es, ganz weh tut es!“ So ist das mit Fassbinder, auch wenn die ganzen Schmerzen mittlerweile vermeintlich historisches Horn bekommen haben. Die Regisseurin Sczilinski sagt, die Sprache gehe einem immer noch „unter die Haut“.

Nebenan im Schauspiel hat der Intendant, Martin Kusej, ein anderes Stück von Fassbinder, der ebenfalls ein Film von ihm wurde, wie eine kalt glitzernde Gala eingerichtet, auch das geht: „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Es ist ein weiterer Versuch, Fassbinder, der zu seiner Zeit in ästhetischer Hinsicht manchmal bewusst böse quer stand und ihr oft trotzdem voraus war, gewissermaßen heimzuholen. Als lebe er noch hier, in München, wo er in Wirklichkeit nie zu Hause war. Das sah immer nur so aus. Für ihn war die Erde so unbewohnbar wie der Mond.

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“

Im Moment jedoch kann man Fassbinder im Zentrum der Stadt eigentlich gar nicht ausweichen. Im Filmmuseum läuft eine große Retrospektive. Und hinter dem Resi hat jetzt auch noch das Theatermuseum am Hofgarten aufgesperrt mit tausend Erinnerungsbildern. Mittendrin hängt ein großer Stadtplan, der ungefähr die labyrinthischen Wege Rainer Werner Fassbinders in München über die Jahre nachzeichnet – von Wohngemeinschaft zu Wohngemeinschaft und von Kneipe zu Kneipe. In Wirklichkeit jedoch ging es, nach der Theaterzeit, nur noch von Film zu Film, vierzig (!) waren es: Fassbinder war fast immer high, aber alt werden wollte er eh nicht. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, hat der Gefährte Harry Baer sein Buch über das „atemlose Leben des Rainer Werner Fassbinder“ genannt.

In dem Buch findet sich auch Fassbinders angeblicher Lieblingsspruch: „Life is so precious – even right now“. Der farbige Schauspieler Günther Kaufmann sagt den Satz in „Götter der Pest“, einem Fassbinder’schen Film noir von 1970. Kaufmann ist unlängst in Berlin gestorben, bei einem Spaziergang und nachdem er noch mal die alten Fassbinder-Geschichten erzählt hatte: wie der schwule Fassbinder ihm verfallen war, ihn immer wieder besetzte, und er, Kaufmann, sich als Heterosexueller trotzdem nicht auf ihn einlassen konnte und wollte. Fassbinders letzte Waffe, wenn sich ihm einer aus dem sogenannten „Clan“ widersetzte, war die Demütigung, Sadismus. „Die Schauspieler bitte – und der Herr Kaufmann!“, ließ er am Set rufen.

Männer waren Fassbinder, der ein Monster sein konnte, nicht gewachsen. Sein Lebensgefährte Armin Meier, Kellner in Fassbinders Stammlokal Deutsche Eiche, brachte sich um, sein Liebhaber El Hedi Ben Salem (Partner von Brigitte Mira in Fassbinders liebevollstem Film „Angst essen Seele auf“), trank sich zu Tode. Gut gehalten haben sich dagegen Fassbinders „starke Frauen“, wie er sie selber oft nannte. Arm in Arm und in Orange und Nadelstreifen stehen sie im Hofgarten bei der Ausstellungseröffnung: die Cutterin Juliane Lorenz und die Schauspielerin Margit Carstensen, die einräumt, es habe „auch viele missglückte Produktionen“ mit Fassbinder gegeben. Gleichwohl sei er „ein Poet“ gewesen. Fassbinder hat Menschen deformiert, aber auch unsterblich fürs Filmleben geformt. Wenn man nach Jahren Pause Hanna Schygulla wiedersieht (zum Beispiel in Fatih Akins „Auf der anderen Seite“, der nicht wenig mit dem mittleren Fassbinder zu tun hat), dann sieht man eine alt und füllig gewordene Frau. Aber sie hat noch den Fassbinder-Blick: so etwas Trotziges, innerlich Leuchtendes, aber Isoliertes.

Der Kameramann Michael Ballhaus war, obwohl zehn Jahre älter und anfangs oft unterschiedlicher Meinung, viele Jahre lang Fassbinders Auge, wenn man so will. Ein Auge, dem der misstrauische Fassbinder zunächst nur ab und zu ein „in Ordnung“ zurief, wie er überhaupt ungern über Details redete und nie probte. Im Hirn war der Film eh schon geschnitten. Epochales erledigte Fassbinder wie nebenbei. Ballhaus erinnert sich, wie sie beide „Martha“ (mit Margit Carstensen und Karlheinz Böhm, den Fassbinder, wie viele „Altstars“, in Deutschland wieder rehabilitierte) in Rom drehten. Böhm und Carstensen (eine unglückliche Liebe, was sonst?) sehen sich zum ersten Mal im Hof der Deutschen Botschaft. Fassbinder wünschte sich einen „magischen Moment“. Ballhaus sagte: „Sollen wir im Halbkreis um sie herum fahren?“ Fassbinder antwortete: „Wieso nicht ganz rum?“ Ballhaus hat die Fahrt später unter anderem für Martin Scorsese perfektioniert, als Fassbinder sich längst ausgerast hatte. Ein Markenzeichen.

München hat ihm einen Platz spendiert

In der „Katzelmacher“-Produktion am Residenztheater hat Anja Sczilinski festgestellt, dass es für die Jungschauspieler ungeheuer schwierig ist, „aus der Rolle herauszugehen“, wie sie sagt. Fassbinder war besonders gut darin zu schildern, dass man sich selbst nicht entkommen kann. So fesselt er einen – zuerst die Darsteller, dann die Zuschauer. Wie die Menschen hat Fassbinder auch München in seinen Filmen gewissermaßen in Haft genommen und Ausgang nur sehr sparsam gewährt. Dann sieht man kurz den Löwenbräukeller oder Hitlers Lieblingsrestaurant Osteria in der Schellingstraße (wo Mira und Salem ihr Hochzeitsessen halten), fast nie Totalen. Stets kriecht die Kamera irgendwo drinnen in die Figuren förmlich hinein. Das war natürlich unangenehm in der aufs Vergessen und Sorglossein bedachten Siebziger-Jahre-Prilblumenrepublikscheingemütlichkeit. Und unangenehm, jenseits aller Klatschgeschichten, ist Fassbinder, der nur in seinen Werken lebte, bis heute.

Nach langem Anlauf hat die Stadt München ihm im Übrigen einen Platz spendiert, der seinen Namen trägt: da, wo Neuhausen in Nymphenburg übergeht, genau zwischen Lilli-Palmer- und Erika-Mann-Straße. Er bleibt auch da – ein Fremder.