Randale in Stuttgart Noch keine Rückkehr zur Normalität

Eine typische Szene der Krawallnacht im Juni: Junge Männer werfen in der Marienstraße Schaufensterscheiben ein, verwüsten und plündern Geschäfte. Foto: dpa/Julian Rettig

Es ist ruhiger geworden am Eckensee, im Schlossgarten und am Schlossplatz. Doch nach wie vor ist die Polizei in den Nächten des Wochenendes mit mehr Kräften präsent als vor der Krawallnacht.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Stuttgart - Ein Vierteljahr nach der Randale am Eckensee und in der City stehen die ersten Prozesstermine im Zusammenhang mit den Ausschreitungen fest. Die ersten zwei Beschuldigten, die sich im Zusammenhang mit der Stuttgarter Krawallnacht vor Gericht verantworten müssen, sollen Diebstahl begangen haben. Und auch drei Monate nach der Nacht, in der in der Innenstadt zahlreiche Schaufenster eingeschlagen, mehrere Geschäfte geplündert sowie 32 Polizistinnen und Polizisten verletzt und 25 Polizeiautos demoliert wurden, ist für die Polizei noch nicht wieder der normale Alltag eingekehrt. „Wir sind weiterhin mit einem verstärkten Kräfteaufgebot in den Wochenendnächten unterwegs“, sagt die Polizeisprecherin Monika Ackermann.

 

Die ersten Verhandlungstermine stehen fest

Ein 16-Jähriger und ein 17-Jähriger haben ihre Verhandlungstermine im Oktober und November bereits genannt bekommen. „Sie waren die ganze Zeit über am Schlossplatz, haben die Krawalle also mitbekommen, davon ist auszugehen“, sagt Melanie Rischke, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart. An den Ausschreitungen, die als Landfriedensbruch eingestuft werden, seien sie zwar nicht beteiligt gewesen. Beide hätten jedoch die Tatsache, dass Geschäfte demoliert worden waren, ausgenutzt, und dort Elektronikartikel gestohlen.

Der 16-jährige Beschuldigte soll zwei Handys aufgehoben und eingesteckt haben, die vor der zertrümmerten Schaufensterscheibe eines Geschäfts lagen. Als die Polizei ihn später deswegen festnehmen wollte, habe er dabei Widerstand geleistet. Der 17-Jährige soll aus einem zerstörten Laden eine Lautsprecherbox herausgenommen haben.

Handys und Lautsprecherbox gestohlen

Insgesamt hat die Polizei inzwischen 83 Tatverdächtige ausfindig gemacht, 42 Haftbefehle wurden ausgestellt, 20 davon sind in Vollzug. Die Verdächtigen sind zwischen 13 und 33 Jahre alt. Zu den Tatvorwürfen zählen neben den genannten Diebstählen auch Landfriedensbruch, Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und in einem Fall versuchter Totschlag: Ein Passant, der Randalierer zur Vernunft bringen wollte, wurde brutal angegriffen.

Die Lage hat sich etwas beruhigt

„Die Lage am Eckensee hat sich inzwischen schon beruhigt“, sagt Ackermann. „Aber das heißt nicht, dass nichts passiert.“ Es käme weiterhin zu „szenetypischen“ Delikten. Streit könne unter den alkoholisierten Feiernden schon ausbrechen, wenn ein Grüppchen die falsche Musik spiele. Die Polizei bleibe beim inzwischen bewährten Konzept: Wenn die Einsatzleitung in den Wochenendnächten den Eindruck habe, dass nun so viele Feiernde viel getrunken haben und aggressiv werden, dass es brenzlig werden könnte, räumen die Polizisten den Bereich. „Vergangenes Wochenende haben die Kollegen das schon um Mitternacht gemacht“, sagt Monika Ackermann.

Im November kommen die neuen Streetworker

Die Polizei hofft auf eine „Rückkehr zur Normalität“. „Aber so weit sind wir noch nicht.“ Noch im Spätherbst bekommen die Sicherheitskräfte Unterstützung: Im November sollen die neuen Streetworker mit ihrer Arbeit beginnen, sagt die zuständige Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP). Fünf Stellen wurden finanziert, diese teilen sich acht Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. „Sie werden vernetzt arbeiten – die jungen Leute haben ja auch einen Wohnort, eine Schule. Die Streetworker sollen Kontakte herstellen zu den Jugendhäusern und Schulen am Wohnort.“ Das sei Teil des Ansatzes. „Sie sollen Verbündete der Jugendlichen sein, aber auch einen kritischen Dialog mit ihnen führen“, sagt Isabel Fezer.

Kommt zunächst eine mobile Videoüberwachung?

Die Stadt ist zudem dabei, die Voraussetzungen für eine stationäre Videoüberwachung zu klären. „Das kann bis zu anderthalb Jahre lang dauern. Das weiß man auch von Städten wie Freiburg und Mannheim, die das schon gemacht haben“, sagt der Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU). Man kläre daher mit dem Land, ob bis zur festen Installation auch eine mobile Lösung in Frage kommen könnte. Auf ein Alkoholverbot wolle die Stadt verzichten. Am Eckensee greife eines, dass das Land dort im Frühjahr eingeführt hatte – denn schon vor den Krawallen hätten sich Arbeitsgruppen damit befasst, wie es im Schlossgarten wieder ruhiger werden kann, so Schairer.

Die Situation eskaliert nach einem Routineeinsatz

In der Nacht zum 21. Juni randalierten mehrere Hundert Personen, überwiegend junge Männer, in der Innenstadt. Das Geschehen wurde ausgelöst, als sich in der Nähe des Eckensees eine Gruppe gegen die Polizei stellte. Die Beamten wollten dort einen mutmaßlichen Drogenhändler festnehmen. Immer mehr der am See feiernden Menschen solidarisierten sich. Das Geschehen verlagerte sich auf den Schlossplatz, wo noch mehr hinzukamen. Die Randalierer griffen Polizisten an, zerstörten Streifenwagen und einen Krankenwagen. Dann zog eine Menge plündernd und marodierend durch die Königstraße und angrenzende Straßen. Der Schaden: rund 460 000 Euro

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