Wenn man Brian Lauer auf der Straße trifft, würde man auf den ersten Blick nicht vermuten, dass der Musiker aus Ostfildern Menschenmassen auf dem Schlossplatz versammelt, animiert und anheizt. Mit seinem Projekt „0711benztownstorys“ (ja, mit Y) lässt er alle zwei Wochen samstags auf dem Platz vor dem Kunstmuseum eine improvisierte Bühne für Newcomer-Artists entstehen. Mit Musikbox, Kamerateam und Social-Media-Team im Gepäck und Mikro in der Hand, das von Rapper zu Rapper wandert, schafft er eine energetische Atmosphäre. Das Publikum johlt, applaudiert, rastet aus. Das Ganze wird aufgenommen, aufbereitet und ins Internet gestellt. Ein Cypher, wie man ihn 2023 macht.
Angefangen hat das Ganze im Juli letzten Jahres. Mit dem Gedanken das Projekt zu starten hat Brian aber schon Jahre vorher gespielt. Er selbst ist Rapper, macht als Brian 73 seit 2015 Musik. „Marketing-technisch habe ich aber nicht wirklich viel auf’m Kasten. Heutzutage ist es aber wirklich das A und O, weil’s unzählige Künstler:innen gibt: Man muss beim Online-Content innovativ sein, man muss herausstechen, man muss sich vermarkten können. Und ich habe das bei meiner eigenen Musikkarriere gemerkt: Ich wollte, wie viele andere auch, einfach nur geile Musik machen, statt mich damit zu beschäftigen.“ Eine Plattform, die Hip-Hop-Künstler:innen, auch Newcomern, die nicht viele Mittel haben, eine Chance gibt, sich zu präsentieren, hat Brian dabei gefehlt.
Endlich eine Rap-Bühne für Newcomer in Stuttgart
Aus seinem Bekanntenkreis wollte ihn zunächst niemand unterstützen bei seinem Projekt. Und so hat er sich im Juli vorigen Jahres erst mal selbst eine mobile Musikbox gekauft, Leute im Park angesprochen, ob sie was bei seiner ersten Session rappen würden und so das erste Happening auf dem Schlossplatz ins Rollen gebracht. „Ich hatte kein Budget für einen ausgebildeten Kameramann, ich war wirklich todesbroke, das hat damals noch ein Anfänger für mich abgefilmt, einfach nur so draufgehalten“, erinnert er sich lachend an seine Anfänge zurück. „Ich wollte das Material dann sogar selber noch schneiden, obwohl ich keine Ahnung davon habe und auch keinen PC.“ Mittlerweile hat er ein Team aus Leuten, die sich mit Film und Schnitt auskennen und ihm das alles abnehmen. So kann er sich auf das Wesentliche konzentrieren, die Sache, die er gut kann: Die Sessions moderieren, der Menge einheizen, das Projekt planen und nach vorne pushen. „Wir haben vor, bald auch Workshops anzubieten. An Schulen zum Beispiel“, sagt Brian.
Wenn er sich an die ersten Rap-Sessions zurückerinnert, merkt man eine Aufregung in ihm aufsteigen. „Die ersten zehn Male konnte ich anschließend die ganze Nacht nicht schlafen, so Hammer war das. Die haben mir eine solche Energie und ein Glücksgefühl gegeben. Mein Körper war voll von Adrenalin und Endorphinen, es war so krass.“
Man weiß sofort, ob man abgeliefert hat oder nicht
Aktuell ist Session Nummer neunzehn online gegangen, am 9. September gegen 19 Uhr ist die nächste Aufnahme auf dem Stuttgarter Schlossplatz geplant. Teilnehmen und performen kann jede:r, ob angemeldet oder nicht. „Ich hatte schon zig Anmeldungen, von den tausend Angemeldeten kommen dann aber vielleicht fünf“, erzählt Brian schmunzelnd. Viele verlässt der Mut, wenn sie tatsächlich live vor Publikum performen sollen, das einem ungefiltert direkt zurückspielt, ob man’s draufhat oder nicht. „Bei 0711benztownstorys zeigt sich sofort, ob du ein guter MC bist oder nur ein Studio-Rapper.“
Das Projekt arbeitet daher mit dem, was spontan da ist. „Es kann sich einfach jede:r der oder die da ist und Bock hat, beim DJ melden, ihm die Soundfile auf Youtube, Spotify oder welcher Plattform auch immer durchgeben und performen“, sagt Brian. Die Plattform soll dabei als eine Art Sprungbrett fungieren; die Rapper, die sie nutzen, bekannter machen. „Bei den Sessions hast du als Künstler:in direkt ein Feedback vom Publikum und danach auch auf den Sozialen Medien. Wenn das Video dann viral geht, ist das fast das beste, was einem als Artist passieren kann“, findet Brian.
Zeig dein Talent, egal, welches
Dabei ist an sich alles erlaubt. „Wir hatten schon Raps in unterschiedlichsten Sprachen, von Französisch über Englisch bis hin zu Spanisch. Und auch Tänzer:innen hatten wir schon bei den Sessions, die dann getanzt statt gerappt haben“, berichtet der Ostfildener. „An sich muss es nicht mal Rap sein. Von mir aus auch Pop, R’n’B oder Volksmusik. Das Motto lautet einfach: Zeig dein Talent!“
Alle zwei Wochen findet die 0711benztownstorys-Session auf dem Stuttgarter Schlossplatz statt. „Der Schlossplatz war schon immer mein Lieblingsort. Viele Leute machen abends einen Bogen um ihn, weil sie wissen, dass es an solchen Hotspots schnell eskalieren kann. Aber ich fühle mich da wohl“, sagt Brian. Die Szene, die sich abends dort trifft, ist seine Base, sie macht ihm keine Angst.
Ich fühle mich wohl auf dem Schlossplatz
Mit Brennpunkten und den Problemen, die Menschen dort haben, kennt der Rapper sich aus, hatte nicht immer ein einfaches Leben. „Schon im sehr frühen Alter habe ich bei anderen Leuten in meinem Umkreis den Umgang mit Drogen mitbekommen“, erzählt er. „Mein großer Bruder war ein paarmal in Haft. Ich habe mich aber immer von so was ferngehalten. Damals wusste ich schon: Das ist nicht gut für mich.“ In vielen seiner eigenen Texte transportiert er unterschwellige oder konkrete Sozialkritik, „es ist zu viel, was man will, aber nichts was man gibt, man rennt nur den Scheinen hinterher“, rappt er in seinem Titel „Welcome to Stuttgart“.
Das macht ihn authentisch, das macht ihn nahbar. Brian ist kein Streetworker, der sämtliche Haftbefehl-Songs hoch und runter beten kann, weil der „so ein moderner Lyriker“ ist und jetzt meint, nach seinem Sozialpädagogik-Studium irgendein Hip-Hop-Projekt mit Jugendlichen „aus schwierigen sozialen Verhältnissen“ starten zu müssen. „Es gibt einen Jungen, der gerade 18 ist und zu jeder unserer Sessions kommt“, erzählt der 0711benztownstorys-Gründer. „Und ich weiß, dass auch er schon paarmal auf die schiefe Bahn geraten ist und Probleme hatte, aber bei uns ist er wirklich immer korrekt. Diese Sessions auf dem Schlossplatz tun ihm gut, das merke ich.“
Solche Erlebnisse sind mit ein Grund, warum er das Projekt seit zwei Monaten hauptberuflich angeht und seine ganze Freizeit und Energie reinsteckt. „In meinen Augen gibt es zu viel Negativität auf der Welt. Dagegen will ich etwas machen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gutes auch wieder zurückkommt zu denjenigen, die Gutes tun.“