Rapper Sido Lieber Engel als Bengel

Von had 

Zehn Jahre ist es her, da sorgte Sido, mit silberner Totenkopfmaske vor dem Gesicht, für Hektik bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Jetzt hat sich der Berliner Musiker zum rappenden Sozialpädagogen gewandelt. Am Freitag tritt er in Stuttgart auf.

Der Musiker Sido gibt sich alle Mühe, gesellschaftsfähigen Rap zu machen. Foto: Aslan
Der Musiker Sido gibt sich alle Mühe, gesellschaftsfähigen Rap zu machen. Foto: Aslan

Stuttgart - Jede Gemeinheit braucht einen, der sich nicht zu schade ist, sie auszusprechen. Und wenn der dafür eigentlich angestellte „Bild“-Redakteur gerade mal keine Lust hat, springt auch schon mal ein Hanswurst aus der Unterhaltungsindustrie in die Bresche. „Wenn jemand arbeiten will, dann kann er das auch. Von allen Arbeitslosen, die wir haben, ist der größte Teil einfach faul“, sagte der Rapper Sido Ende vergangenen Jahres dem Magazin „Neon“ – einer Zeitschrift, die ansonsten junge und jung gebliebene Erwachsene mit Berichten über Fernbeziehungen und Trendgetränke durch ihr Leben begleitet.

Mit derlei politischer Sachkenntnis ist Sido bisher noch nie aufgefallen, sieht man von seiner Teilnahme an Stefan Raabs TV-Show „Absolute Mehrheit“ ab, bei der er mit der Forderung nach der Legalisierung weicher Drogen die Zuschauer für sich gewann. Im Pöbeln war Sido dagegen schon immer groß. Zehn Jahre ist es her, da sorgte der Berliner Musiker, damals mit einer silbernen Totenkopfmaske vor dem Gesicht, für Hektik bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Eltern, deren Kinder ihre Zimmer mit den dreckigen Reimen seines Debütalbums „Maske“ beschallten, gerieten bei der Nennung von Sidos Namen – eine Abkürzung für „super-intelligentes Drogenopfer“ – in Panik.

Reimende Kleinkriminelle idealisieren Herrschaft der Zuhälter

Sido rappte, just als die damalige rot-grüne Regierung die Hartz-IV-Gesetze auf den Weg brachte, von der Verwahrlosung der Vorstädte, und das mit eher unterschwelliger Ironie. Seine Texte feierten Drogenkonsum, die Verachtung sexuellen Andersseins und Gewalt – was ihn nicht von anderen Repräsentanten des bis dato vor allem in den USA etablierten Genres unterschied. Im Rap gilt schließlich stets derjenige als das Alphatier, der am besten begriffen hat, dass auch die moderne Konkurrenzgesellschaft darauf beruht, dass der Größere den Kleineren frisst – was sich in aller Pracht aber erst in den trostlosen Betonsiedlungen mit hohem Arbeitslosenanteil zeigt. Kein Wunder also, dass das gesellschaftliche Ideal der reimenden Kleinkriminellen die Herrschaft des Zuhälters über seinen Kiez darstellt.

Jedenfalls etablierte erst Sido die deutsche Version des Gangsterraps im hiesigen Mainstream – gemeinsam mit Bushido, der wie er in seiner Anfangszeit bei dem Label mit dem sprechenden Namen „Aggro Berlin“ unter Vertrag stand. Fortan feierten auch deutsche Kids nicht mehr zu dem harmlosen Gehopse der Fantastischen Vier, sondern zu Songs, die wie „Mein Block“ oder „Endlich Wochenende“ Komasaufen und wahlloses Einprügeln auf Leute mit schlechten Frisuren zu einem erstrebenswerten Lebenswandel stilisierten.

Das Böser-Bube-Image legte Sido jedoch in Rekordzeit ab – anders als Bushido, der zwischenzeitlich zwar den „Integrations“-Bambi verliehen bekam, dann aber wieder mit Kontakten zum organisierten Verbrechen für Schlagzeilen sorgte. Sido genoss es dagegen, gesellschaftsfähig zu sein. Bereits ein Jahr nach dem Erscheinen seines Debütalbums, das auf dem Index landete, nahm er an dem Gagawettbewerb namens „Wok-WM“ teil, den Raab für den TV-Kanal Pro Sieben veranstaltete. Es folgten so viele Fernsehauftritte, dass er schon 2005 vom Publikum des besagten Senders bei der Wahl zum „nervigsten Deutschen“ auf Platz drei gewählt wurde. Die Totenkopfmaske trug er da schon nicht mehr.

Zuhörer sind aufgefordert, anständige Eltern zu werden

An seinem kommerziellen Erfolg änderte das nichts. „Ich“, das Nachfolgealbum von „Maske“, erreichte 2006 Goldstatus. Die 2008 erschienene dritte Platte „Ich und meine Maske“ landete auf Platz eins der Charts. Und das, obwohl Sido inzwischen vornehmlich Texte schrieb, die auch aus der Feder eines Sozialpädagogen stammen könnten. So verherrlichte er nicht länger brutalen Analverkehr, sondern forderte seine Zuhörer dazu auf, anständige Eltern zu sein – was allerdings bisweilen noch viel schwerer zu ertragen war.

Auch privat wurde Sido, der 1980 als Sohn eines Deutschen und einer Sintiza in Ostberlin geboren wurde und eigentlich Paul Würdig heißt, bodenständiger. 2012 heiratete er die TV-Moderatorin Charlotte Engelhardt. Im vergangenen Jahr bekam das Paar einen Sohn. Für Sido ist es das zweite Kind, aus einer früheren Beziehung hat er bereits einen Sohn. Skandale wie derjenige im Jahr 2012, als er Juror einer österreichischen TV-Show war und nach einer Livesendung einen Moderator verprügelte, kamen eher sporadisch vor.

Fleißig am Chillen

Ende November hat Sido sein jüngstes Album veröffentlicht, es trägt sein Geburtsdatum im Titel („30-11-1980“) und landete wieder an der Spitze der Charts. In Interviews sprach er davon, „erwachseneren Rap“ im Stile des US-Musikers Jay-Z auch in Deutschland etablieren zu wollen. Das beste Stück des Albums ist allerdings ein dadaistisches Duett mit Helge Schneider und heißt „Arbeit“.

„Alle gehen arbeiten nur ich nicht“ heißt es darin, und: „Ich bin doch fleißig / fleißig am Chillen / Und auf das, was die anderen machen, scheiß‘ ich“, was so klingt, als wollte Sido dem hierzulande als absolute Norm geltenden Arbeitsethos mal ordentlich den Mittelfinger zeigen, um seinen Mitbürgern die angemessene Wertschätzung des Müßiggangs einzupauken. Doch von wegen. Vielleicht muss man als Rapper eben doch zumindest ein bisschen böser Bube sein.




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