Rassismus in der Sprache Auch alte weiße Männer werden diskriminiert

Jule Bönkost und Josephine Apraku beraten Kultureinrichtungen. Foto: Institut für diskriminierungsfreie Bildung

Josephine Apraku und Jule Bönkost sind alltäglichen Diskriminierungen auf der Spur. Sie unterstützen Museen, damit diese mit einer unbedachten Sprache nicht ihr Publikum vergraulen.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Worte können verletzen. Das kann eine Gruppe in jüngerer Zeit häufiger erleben: alte weiße Männer. Der Vorwurf, dass sie besondere Privilegien genießen würden, hat einen wahren Aufschwung erlebt. Bei den Betroffenen wird die Formulierung „alte weiße Männer“ Unbehagen auslösen, weil sie gleich doppelt pauschalisiert und Hautfarbe und Alter in direkten Zusammenhang bringt mit bestimmten Eigenschaften. Ob das im Einzelfall der Wahrheit entspricht, spielt dabei keine Rolle.

 

So funktioniert Diskriminierung: Sie wirft eine Gruppe in einen Topf wegen ihres Alters, der Hautfarbe, des Bildungsgrades oder der Herkunft. Häufig sind es sogar Merkmale, auf die das Individuum wenig oder gar keinen Einfluss hat.

Es genügt nicht, einzelne Begriffe zu vermeiden

Sprache kann also diskriminieren – und ist zugleich ein wirkungsvolles Mittel, um gegen Diskriminierung vorzugehen. Deshalb haben Josephine Apraku und Jule Bönkost das Institut für diskriminierungsfreie Bildung gegründet. Die Berliner Wissenschaftlerinnen erstellen Gutachten, schreiben Unterrichtsmaterialien und beraten Kulturinstitutionen, um die ganz alltäglichen Abwertungen bewusst zu machen, die in der Sprache stecken können. Sie beraten auch Museen und Theater, weshalb das Linden-Museum Stuttgart die beiden nun zu einem Werkstattgespräch geladen hatte – online und mit mehr als hundert Zuhörern. Das Thema scheint virulent zu sein.

In jüngerer Zeit wurde immer wieder über diskriminierende Begriffe diskutiert, etwa über die Frage, ob man das N-Wort aus Büchern streichen sollte. „Es ist bei Weitem nicht damit getan, problematische Begriff wegzulassen“, sagt dagegen Jule Bönkost. Denn selbst wenn man Begriffe vermeide, so suchten sich die dahinter steckenden Gedanken letztlich neue Wege. Deshalb geht es den beiden Wissenschaftlerinnen eher um das Nachdenken über den eigenen Sprachgebrauch.

Sie wollen dazu ermuntern, zu reflektieren, aus welcher Perspektive man spricht, wen man meint – und wen vielleicht auch nicht. Studien hätten laut Jule Bönkost längst belegt, dass der Großteil der Zuhörenden bei „Ärzten“ oder „Architekten“ keineswegs die Frauen mitdenke – auch wenn das häufig behauptet wird. Wie stark Sprache wirkt, lasse sich an Begriffen wie „Migrationshintergrund“ ablesen, der häufig negativ konnotiert wird, während sich „Expats“ („expatriates“, ständig im Ausland lebende Personen) „auf weiße Menschen mit akademischem Grad bezieht“.

Im Museum betrifft der Umgang mit Sprache Ausstellungstexte, Audioguides und die Homepage, aber auch Bildungsformate, Führungen und das Leitbild der Institution an sich. Da Kultureinrichtungen auf Publikum angewiesen sind, stellt sich in besonderem Maße die Frage, ob sich tatsächlich alle Menschen angesprochen fühlen – oder vielleicht nur jene, die einen höheren Bildungsgrad haben oder zu einer bestimmten Altersgruppe oder einem Kulturkreis gehören.

In ethnologischen Museen ist auch Rassismus ein wichtiges Thema, wenn nämlich ein Kulturbegriff vermittelt wird, der auf biologistischen Vorstellungen basiert und Menschen einer bestimmten Herkunft unveränderbare Eigenschaften zuschreibt, was diese oft als diskriminierend erleben und deshalb das Museum meiden. Deshalb hat das Linden-Museum bei seiner „Azteken“-Ausstellung auf pauschale Formulierungen wie „die Azteken“ weitgehend verzichtet und zum Beispiel anstelle von „der Azteke Moctezuma“ einfach nur „Moctezuma“ geschrieben.

Es spielt keine Rolle, ob man rassistische Begriffe nicht abwertend meint

Josephine Apraku und Jule Bönkost wollen bewusst machen, dass „Sprache nicht neutral ist“, so Bönkost, sondern ein Machtinstrument – sie könnte sogar gewalttätig sein. Kategorien wie „richtig“ und „falsch“ seien dabei nicht zielführend, die Wirkung der Sprache hänge immer mit dem Kontext zusammen. Den Einwand, man habe eine als rassistisch empfundene Formulierung so nicht gemeint, lassen die beiden nicht gelten. „So funktioniert Sprache nicht“, sagt Apraku, „dass wir alle Begriffe mit persönlichen Bedeutungen verbinden.“ Deshalb könne eine Aussage rassistisch sein, selbst wenn keine rassistische Motivation vorliege.

Weitere Themen