Die neue Ausstellung „Rasterfahndung“ im Kunstmuseum Stuttgart widmet sich der Ordnung und der ordentlichen Unordnung.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Stuttgart - Es ist wie der Zustand nach dem dritten oder vierten Glas. Der Boden wird weich, die Wände pulsieren, der Raum zerfließt. Doch für Gianni Colombos „Spazio elastico“ braucht es keinen Alkohol, damit sich die Konturen verflüssigen und das Ich den Halt verliert. Der italienische Künstler spannte Nylonfäden in einem schwarzen Raum und bewegte das Geflecht raffiniert, als würde der Raum sich verziehen und verzerren.

Das Kunstmuseum Stuttgart hat Colombos „Spazio elastico“ von 1967/68 nachgebaut, aber selbst nach fast fünfzig Jahren hat sich der Effekt der Installation nicht abgenutzt. Das könnte daran liegen, dass die Welt heute noch stärker als damals auf Linien, Ecken und Kanten basiert, auf rechten Winkeln, Mustern, Rastern und seriellen Strukturen. Es ist eine in DIN-Normen gepresste Welt – weshalb Sarah Morris ihren Film „Midtown“ endlos hätte fortsetzen können: Die britische Künstlerin ist 1998 mit der Kamera durch Manhattan gestreift und hat Säulenreihen und streng tektonisch gegliederte Hausfassaden ins Visier genommen, Zebrastreifen und Jalousien. Keine Frage: serielle Sequenzen und grafische Strukturen sind allgegenwärtig.

Nach der radikalen, anarchistischen Malerei von Michel Majerus beschäftigt sich das Kunstmuseum nun mit einem Thema, das wohlig vertraut ist: dem Raster. Es beschäftigt Künstler seit der Renaissance, als sie erstmals Raster nutzten für perspektivische Raumkonstruktionen. Umso erstaunlicher, dass die Kunstwissenschaft das Thema noch nicht explizit abgehandelt hat, was die Kuratorin Simone Schimpf nun nachholen wollte. Die von ihr konzipierte Ausstellung „Rasterfahndung“ widmet sich dem Raster in der Kunst nach 1945 und speziell in Zero und Minimal Art, Pop-Art und der Gegenwartskunst.

Eine Ausstellung voller Vernunft und Ordnung

Selten hat sich eine Ausstellung so aufgeräumt präsentiert und steckt voller Vernunft und Logik, Kontrolle und mathematischer Präzision. Im Kunstmuseum ist alles in schönster Ordnung – selbst die Unordnung passt ins System. Esther Stocker, eine Installationskünstlerin aus Südtirol, hat mit Klebeband ein großformatiges Raster an die Wand geklebt. Doch die Streifen scheinen sich verselbstständigt zu haben, sind in den Raum ausgeklappt. Sie vollziehen nicht nur den Sprung von der zweiten in die dritte Dimension, sondern führen auch zu einer gezielten Störung des Systems, zu einer „Dirty Geometry“, wie die Künstlerin es nennt.

Fünfzig Künstler hat Schimpf ausgewählt, „wir hätten aber auch hundertfünfzig zeigen können“, sagt sie, denn das Raster ist das ideale Motiv für künstlerische Versuchsanordnungen. Attila Kovács hat sich 1974/75 die „Hommage ans Quadrat“ (1958) von Josef Albers vorgeknüpft, ein Quadrat im Quadrat. Kovács hat dekliniert, wie die Relationen zwischen den Quadraten noch hätten ausschauen könnten – in einer Serie mit 81 Bildtafeln.

Die Ausstellung ist in vier Bereiche gegliedert und unterscheidet Kunst, die ins Raster passt von jener, die durchs Raster fällt, sowie mediale Raster und Rasterfahndung. Die Zero-Künstler wollten mit gleichförmigen Strukturen die Bildoberfläche in Bewegung versetzen, sie zum Flirren und Flimmern bringen. Die Pop-Art holte dagegen die Werbewelt in die Kunst und übertrug die Pixel des Drucks auf die Leinwand. Die Konkrete Kunst erforschte gezielt geometrische Gesetzmäßigkeiten.

Junge Arbeiten und Klassiker

Die Bandbreite ist also groß. Aber hinter all diesen ganz unterschiedlichen Positionen scheint doch ein ähnlicher Künstlertypus zu stecken: der strukturierte, präzise Fleißarbeiter. Fiene Scharp, eine junge Berliner Künstlerin, hat in eine große, weiße Papierbahn winzige Kästchen hineingeschnitten. Drei Monate lang saß sie acht Stunden am Tag mit dem Cutter über dem Papier. Oder Carsten Nicolai: Er hat Jahre an seinem „Grid Index“ gearbeitet, einem Standardwerk für Designer, Architekten und Mathematiker. Es ist eine Art Alphabet zweidimensionaler geometrischer Muster, die an der Wand hängend wie zarte Zeichnungen wirken. Der Berliner Künstler DAG überzieht dagegen die Leinwand mit winzigen Dreiecken, die er farbig ausmalt, auch das eine enorme Fleißarbeit.

Die Ausstellung kombiniert junge Arbeiten mit Klassikern – wie der Bodenarbeit „Alloy Square“ (1969) von Carl Andre, einem überdimensionalen Schachbrettmuster aus Stahl- und Aluminiumplatten. Die Arbeit erinnert an Küchenfliesen, und entsprechend hat Sigmar Polke ironisch auf Andre mit einer gerasterten Wandarbeit geantwortet – mit Delfter Kacheln.

All das ist behutsam gehängt und will in erster Linie kunsthistorisch korrekt sein. So groß die Variationsbreite ist, wiederholt sich manches – wie die Porträts, die mal aus Kästchen, mal aus Punkten konstruiert wurden. Dass die oft inhaltsarmen, rein formalen Experimente rund um Quadrat und Raster trotzdem nicht ermüden, liegt an der dramaturgisch ausgefeilten Inszenierung und den überraschenden Erlebnisräumen wie dem von Katharina Hinsberg. Sie hat Kugeln an Stahlseile gehängt. So entsteht ein begehbares Punktraster, dessen Gänge sich vor dem Auge verjüngen. Das ist angewandte Perspektivlehre.

Die Ordnung des Rasters hat auch Schattenseiten

Nach zahllosen Experimenten zum Raster und dessen Störung, zur Verpixelung und zu architektonischen Strukturen, wird der Besucher abrupt ausgebremst von Eva Grubingers „Crowd“. Sie hat Absperrbänder wie am Flughafen aufgestellt – und der Besucher muss artig dem sinnlosen Zickzackpfad folgen. Er führt zum inhaltlich interessantesten Teil der Ausstellung, der Titel gebenden Abteilung Rasterfahndung – mit verpixelten Fahndungsfotos, die Jürgen Klauke gesammelt hat, oder dem fiesen Brummen der Soundinstallation von Christina Kubisch. Sie hat elektromagnetische Felder von Überwachungsanlagen hörbar gemacht.

Die schöne, verlässliche Ordnung des Rasters hat eben auch ihre Schattenseiten – in der systematischen Überwachung, aber auch in der allzu strikten Regelmäßigkeit. Timm Ulrichs bringt es in seiner wunderbaren Schriftarbeit von 1963 auf den Punkt. Er hat den Begriff Raster in ein Raster gepresst, und nur eine kleine Störung der Reihung enthüllt die Wahrheit: Starre.

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