Raubkunst Museen haben keinen Anspruch

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Auch die Kunstwelt wusste nichts von der Sammlung, die bei einem Rentner in München entdeckt wurde. Die Karlsruher Provenienzforscherin Tessa Friederike Rosebrock freut sich über den Fund.

Adolf Hitler und sein Propagandaminsiter Joseph Goebbels in der Ausstellung „Entartete Kunst“, 1937 in München Foto: dpa
Adolf Hitler und sein Propagandaminsiter Joseph Goebbels in der Ausstellung „Entartete Kunst“, 1937 in München Foto: dpa
Stuttgart - - Der Fall beschäftigt nicht nur die Polizei, sondern sorgt auch für Aufregung in der Kunstwelt. Wie berichtet, wurde bei einem Rentner in München eine Sammlung von Nazi-Raubkunst gefunden. Tessa Friederike Rosebrock ist Provenienzforscherin an der Kunsthalle Karlsruhe. Sie weiß, wie schwierig es ist, die Herkunft der Werke zu erforschen.
Frau Rosebrock, sind Sie schon mal auf den Namen Hildebrand Gurlitt gestoßen?
Das ist ein sehr bekannter Kunsthändler. Die Kunsthalle Karlsruhe hat von Hildebrand Gurlitt gekauft – wie fast alle großen Museen in Deutschland und der Schweiz. Das ist auch per se keine anrüchige Position. Aber man muss schon genau hinschauen, weil er sein Fähnlein nach dem Wind gehängt hat. Er hat die Chancen genutzt, die ihm geboten wurden.
Gurlitt war offizieller Verwerter, der mit „entarteter“ Kunst handeln durfte.
Er war einer von mindestens drei Kunsthändlern, die aus dem Bestand der beschlagnahmten Kunstwerke, die in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt worden sind, weiterverkaufen durften. Den Nationalsozialisten war bekannt, dass diese Werke große Werte darstellen. Die Er­löse flossen dem Reich zu.
Also das, was den Museen gehörte?
Das „Gesetz zur Beschlagnahme entarteter Kunst“ von 1938 schrieb die entschädigungslose Enteignung zugunsten des Reiches fest. Dadurch erloschen die Eigentumsrechte der Museen.
Die Frage ist, wem die Werke gehören, die jetzt bei seinem Sohn gefunden wurden.
Es können Werke sein, die sein Vater verwerten sollte, bei denen es ihm aber nicht gelungen ist. Das wäre dann möglicherweise Kommissionsware vom Reich. Vielleicht hat er die Sachen vorher rechtmäßig angekauft, dann wäre es sein Privat­besitz. Es kann auch alter Galeriebestand sein. Mit dem aktuell geringen Kenntnisstand kann man da nur spekulieren.
Der Sohn hat einige Bilder verkauft. Warum ist niemand stutzig geworden?
Das ist überraschend. Heutzutage haben fast alle Auktionshäuser eine Provenienzforschung. Bevor Werke in Auktionen gehen, werden sie von einer wissenschaftlichen Abteilung geprüft. Eigentlich hätte man darüber stolpern können.
Zwei Jahre wurde der Fall nicht öffentlich gemacht. Weil das die Forschung behindert?
Ich war auch überrascht, dass es so lange bekannt ist. Wenn es ein strafrecht­liches Verfahren ist, sind Polizei und Zoll diejenigen, die den Umgang mit der Information festlegen. Die Werke werden jetzt aber sicher früher oder später bekannt gemacht. Es ist gut, dass es jetzt öffentlich wird.
Haben Sie Hoffnung, dass Karlsruhe vielleicht ein Werk zurückbekommt?
Nein, über Eigentumsrechte sollte man jetzt nicht sprechen. Die Werke sind im Land Bayern gefunden worden, also sind sie, wenn ein Eigentumsrecht von Cornelius Gurlitt ausgeschlossen werden kann, entweder Eigentum des Landes Bayern oder des Bundes, weil ehemaliger Reichsbesitz in Bundesbesitz übergegangen ist. Die Museen sind definitiv nicht mehr die Eigentümer. Die Werke haben die Häuser auf unschöne Weise verlassen, aber wir haben keinen Anspruch mehr auf sie.
Es ist ein spannender Fall, oder?
Es ist gigantisch. Es klingt so negativ und kriminell. Aber derzeit ist bekannt, dass 200 bis 500 Meisterwerke, die für immer verloren geglaubt waren, wieder aufgetaucht sind. Vielleicht sind es auch mehr. Das ist ein Anlass zu jubeln.