KommentarAstronaut Alexander Gerst Feiern ja, Heldenverehrung nein

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Schon vor seiner Landung wurde der Astronaut Alexander Gerst geradezu überschwänglich gefeiert. Nun schäumt die Begeisterung geradezu champagnerartig über. Dabei ist Heldenverehrung fehl am Platz, meint Redakteurin Anja Tröster.

Minus elf Grad, die Frisur sitzt – auch nach einer harten Landung in der kasachischen Steppe ist Alexander Gerst gut gelaunt. Foto: POOL Reuters/AP
Minus elf Grad, die Frisur sitzt – auch nach einer harten Landung in der kasachischen Steppe ist Alexander Gerst gut gelaunt. Foto: POOL Reuters/AP

Stuttgart - Da ist er also wieder! Alexander Gerst ist glücklich gelandet. Und die Begeisterung hierzulande schäumt über wie Champagner. Schon vor seiner Landung wurde der deutsche Astronaut als Rekord-Raumfahrer, Überflieger und Weltall-Held geradezu überschwänglich gefeiert, seit er Thomas Reiter mit 362 Tagen im All überrundet hat. Es scheint, als bräuchten die Deutschen dringend einen Helden, und der Weihnachtsmann hätte ihren Wunsch pünktlich zum Fest erfüllt.

Tatsächlich hat Gerst eine aufregende Mission hinter sich. Erst wurde in der Sojus-Kapsel, mit der sein Team zur Raumstation geflogen war, ein Loch entdeckt. Dann missglückte der Start der Astronauten Nick Hague und Alexej Owtschinin, und sie mussten zur Erde zurückkehren. Das bedeutete für Gerst und seine Teamkollegen doppelt so viel Arbeit wie normalerweise – und zwar über Monate. Sie bewältigten ihr enormes Pensum nicht nur, sie blieben sogar gut gelaunt. Das war nicht zuletzt das Verdienst von Gerst. Er füllte seine Rolle als Kommandant aus, als hätte er nie etwas anderes getan. Und nebenbei beglückte er seine Fangemeinde in den sozialen Netzwerken weiter mit fantastischen Aufnahmen aus dem All, absolvierte mehr Live-Termine als bei der ersten Mission. Für all das gebührt ihm wirklich Respekt und Anerkennung, keine Frage.

Als Held sollte man Alexander Gerst trotzdem nicht sehen. Dass der Künzelsauer seinen Job so exzellent erledigen konnte, ist auch das Ergebnis einer langen und von der Öffentlichkeit kaum bemerkten Entwicklung bei der Europäischen Raumfahrtagentur Esa. Anders als frühere deutsche Astronauten ist Gerst Teil eines professionell organisierten Korps. Die Infrastruktur am Astronautentrainingszentrum in Köln kann sich mit den Zentren der anderen Raumfahrtagenturen messen.

Gerst begeistert Kinder für erdgeschichtliche und geologische Zusammenhänge

Das gleiche gilt für die Vermarktung: Gerst hat unbestreitbar ein Talent dafür, Wissen über erdgeschichtliche und geologische Zusammenhänge weiterzugeben und Kinder und Jugendliche zu begeistern. Aber man sollte sich im klaren darüber sein, dass seine Botschaften nicht direkt von ihm persönlich kommen – er schickt Rohmaterial zur Erde, wo es von einem professionellen Team aufbereitet und über die sozialen Medien verbreitet wird. Etwas anderes würde die schlechte Verbindung zur Raumstation auch nicht erlauben.

Teil dieser Inszenierung war beispielsweise Gersts Live-Schalte zum Konzert der Gruppe Kraftwerk in Stuttgart. Dort durfte er nicht nur über die Menschmaschine Raumstation sprechen, sondern per Tablet mit musizieren. Ob wissenschaftliche Kommunikation allerdings so aussehen muss, darüber kann man geteilter Meinung sein.

Viele spekulieren nun darüber, ob Gerst als nächstes wohl zum Mond fliegen wird. Im ersten Rausch des Erfolgs ist das verständlich. Aber Ausgeschlafene werden erkennen, dass nun erst einmal die anderen europäischen Astronauten an der Reihe sind – darunter auch der Deutsche Matthias Maurer, der noch gar nicht im All war. Und auch wenn es viele zum bevorstehenden 50. Jahrestag der Mondlandung nun herbeireden werden – die Rückkehr zum Mond wird noch einige Jahre auf sich warten lassen. Erst recht, wenn es die Raumfahrtnationen nicht schaffen sollten, ihre Kräfte sinnvoll zu bündeln. Was angesichts begrenzter Ressourcen und vieler anderer ungelöster Probleme auf der Erde dringend nötig wäre.

Aber wie schwer es ist, sich von nationalem Denken zu lösen, sieht man ja an dem Jubel über Gerst. Jede Nation hat immer nur ihre eigenen Vertreter im Visier – nicht alle Astronauten zusammen. Wir Menschen sind also noch weit davon entfernt, den Planeten unter einer Flagge zu vertreten – auch wir Fans.