Rausch im Stuttgarter Literaturhaus Schriftsteller auf LSD und Absinth

Von Rolf Spinnler 

Ob Alkohol, Rauschgift oder Sex: Nicht nur im Stuttgarter Kunstmuseum, auch im Literaturhaus forschen Künstler nach dem Sinn der Ekstasen. Auf dem Hoppenlau Friedhof begann alles, beim Absacker an der Bar endete es: Robert Stadlober, Navid Kermani & Co. gaben höchst unterschiedliche Antworten auf uralte Menschheitsfragen.

Ekstase-Forscher: Der Autor Navid Kermani war zu Gast im Stuttgarter Literaturhaus. Foto: dpa
Ekstase-Forscher: Der Autor Navid Kermani war zu Gast im Stuttgarter Literaturhaus. Foto: dpa

Stuttgart - Der Titel einer aktuellen Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart, die dort noch bis zum 24. Februar zu sehen ist, lautet „Ekstase“. Das Stuttgarter Literaturhaus hat sich davon anregen lassen, einen Winterabend lang den ekstatischen Erfahrungen in der Literatur und mit Hilfe der Literatur nachzuspüren.

Der von Manfred Heinfeldner kuratierte Trip begann vor einem Grabstein auf dem Hoppenlau Friedhof, wo der Schauspieler Robert Stadlober kurze Texte aus zweieinhalbtausend Jahren Literaturgeschichte rezitierte. Texte, die zeigten, dass die ekstatische Erfahrung seit den frühesten Zeiten der Menschheit ihren bevorzugten Ort in den Religionen hatte: in der Lyrik der altgriechischen Dichterin Sappho soll die Liebesgöttin Aphrodite den ekstatischen Ausnahmezustand herbeiführen, in den Texten der christlichen Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen wird die ekstatische Vereinigung mit Christus als dem himmlischen Bräutigam beschrieben.

Wie einem Hören und Sehen vergeht

Stadlober betrat dann auch drinnen im Saal des Literaturhauses noch zweimal die Bühne, mit ekstatischen Texten vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Waren bei Sappho die den Ekstase-Trip herbeiführenden Stimulanzien Weihrauch, Nektar, Wein und Anisdüfte gewesen, so griffen die Bohemiens der englischen und französischen Romantik wie Arthur Rimbaud zum Opium oder zum Absinth, um durch die „planmäßige Ausschweifung aller Sinne“ im „Unbekannten“ anzukommen (Rimbaud). Aldous Huxley glaubte unter dem Einfluss von Meskalin zu sehen, „was Adam am Morgen seiner Erschaffung gesehen hatte“, und T. C. Boyle beschreibt in seinem neuen Roman „Das Licht“, wie das von dem Basler Chemiker Albert Hofmann entdeckte LSD in den 1960er Jahren die Gegenkultur inspiriert hat (siehe oben).

Deutlich anstrengender als Stadlobers Textrezitationen gestaltete sich die Podiumsdiskussion zwischen dem Theaterdramaturgen Carl Hegemann und dem Schriftsteller und Orientalisten Navid Kermani, in der es um eine theoretische Beschreibung der ekstatischen Erfahrung ging. Benötigt man gewisse Ekstasetechniken, um den Zustand des Außersichseins zu erreichen, wie Kermani aus seiner Erfahrung als Religionswissenschaftler behauptete, oder schließt Ekstase so etwas wie Technik gerade aus? Kermani wie Hegemann mussten immer wieder zu paradoxen Formeln greifen, um den ekstatischen Zustand in Worte zu fassen. Es gehe dabei darum, „zu sehen und zu hören, wie einem Hören und Sehen vergehen“, um den „Kontakt zum Vorsubjektiven“ (Hegemann), um das Sich-Wiederfinden im Ich-Verlust (Kermani), um eine heilige Nüchternheit im Sinne Hölderlins.

Ohne Begriffe, ohne Urteile

Am Beispiel einiger Passagen aus seinem Roman „Dein Name“ versuchte Kermani zu zeigen, wie die Grenzerfahrungen von Geburt und Tod als „U-Boote in die Metaphysik“ dienen können. Die absolute Ekstase wäre demnach der Tod oder die Rückkehr in den Zustand vor der Geburt. Der Friedhof als Ausgangspunkt des Abends war also nicht schlecht gewählt.

Von einem „prämortalen Delirium“ war auch in einem Text von Kat Kaufmann die Rede. Sie und der Schriftsteller Luke Wilkins sollten ihre Wahrnehmungen beschreiben, die sie in der von La Monte Young und Marian Zazeela gestalteten Raum- und Klanginstallation „Dreamhouse“ im Kunstmuseum gemacht haben. Wilkins hat dieses „Dreamhouse“ als einen Raum erfahren, in dem man ohne Begriffe auskommt, Kaufmann als einen, in dem man keine Urteile fällen muss.

Ekstase wäre also ein Zustand, in dem das „stahlharte Gehäuse“ der Rationalität, als das Max Weber die Moderne beschrieben hat, gesprengt würde. Diese politische Dimension des Ekstase-Begriffs kam hier zu kurz, klang höchstens in Manfred Heinfeldners Bekenntnis an, für ihn sei 1968 das erste ekstatische Erlebnis gewesen. Der Absinth, der an der Bar im Foyer des Literaturhauses an die Besucher ausgeschenkt wurde, war dafür nur ein matter Ersatz.