Reaktionen auf das Bildungspaket in Stuttgart Wird die Gemeinschaftsschule die neue Werkrealschule?

Realschulen und Gemeinschaftsschulen sollen ein Profil mit einer starken beruflichen Orientierung bekommen, so der Plan der Landesregierung. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Das neunjährige Gymnasium kommt. Was bedeutet das Bildungspaket für die anderen Schularten in Stuttgart? Vier Stimmen von Schulleitungen zu den Plänen, die unter anderem das Aus der Werkrealschule vorsehen.

Die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium krempelt das Bildungssystem in Baden-Württemberg um. Das von der Landesregierung vorgelegte Bildungspaket ist entsprechend auch in Stuttgarter Lehrerzimmern vor den Ferien heiß diskutiert worden. Es sieht unter anderem vor, dass sich Werkrealschulen und Gemeinschaftsschulen mit Realschulen – wo immer möglich – zu Verbundschulen zusammenschließen sollen. Der Werkrealschulabschluss wird abgeschafft. Realschulen und Gemeinschaftsschulen sollen ein klares Profil mit einer starken beruflichen Orientierung und einen Fokus auf lebenspraktische Fragen bekommen. Sie sollen aber auch künftig einen klaren Weg zum Abitur aufzeigen.

 

Der geschäftsführende Schulleiter der Stuttgarter Sekundarstufe-Eins-Schulen, Gerhard Menrad, hat noch keine Rückmeldungen von anderen Gemeinschaftsschulen, Werkrealschulen oder Realschulen zur Schulreform erhalten. Seiner Meinung nach handelt es sich aber „nicht um den großen Wurf, was unsere Schullandschaft angeht“. Er hätte sich etwas anderes gewünscht: dass man den Mut gehabt hätte zu einem wirklich zweigliedrigen Schulsystem, statt auf Gymnasium, Realschule und Gemeinschaftsschule zu setzen.

Die G-9-Entscheidung kritisiert Menrad: „Diejenigen, die von der Begabung her eh begünstigt sind, bekommen eine Extra-Ration Zuwendung.“ Dabei gebe es Schulen, die damit umgehen müssten, dass 60 Prozent der Schüler zu Beginn der Sekundarstufe nicht lesen könnten. Das sei doch „der Skandal“, meint der Schulleiter der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule in Möhringen. Er geht davon aus, dass in Zukunft an die 70 Prozent der Schüler auf die Gymnasien drängen werden. Die restlichen 30 Prozent teilten sich dann die Realschulen und die Gemeinschaftsschulen auf. Seine Befürchtung: dass die Gemeinschaftsschule letztlich an die Stelle der Werkrealschule treten könnte.

Gemeinschaftsschule müsse ihre Vorzüge mehr herausstellen

Nikolaus Arndt, der Schulleiter der Gemeinschaftsschule Weilimdorf, sieht da auch eine gewisse Gefahr, glaubt aber an die Zukunft der eigenen Schulart, in der auf drei Niveaus unterrichtet wird: „Wir müssen die Vorzüge mehr herausstellen“, findet er. Wer keine klare gymnasiale Empfehlung habe, werde sich zudem auch an einem G-9-Gymnasium schwertun.

Die Weilimdorfer GMS würde ihren Schülerinnen und Schülern gerne – wie die Schickhardt-Gemeinschaftsschule – eine eigene Oberstufe anbieten können. Doch wie wahrscheinlich ist deren Einführung jetzt überhaupt noch? Für Spekulationen sei es zu früh, meint Arndt. Eine Sek-II-Absage an Gemeinschaftsschulen habe er bisher nicht vernommen. Er bleibt deshalb „optimistisch“, alles andere wäre „Kaffeesatzleserei“. Auf die Umsetzung von G 9 in Stuttgart ist er zudem gespannt – angesichts der beschränkten baulichen Kapazitäten der hiesigen Gymnasien.

Die angedachten Verbünde seien eine logische Konsequenz

Andreas Passauer ist Rektor der Wilhelmsschule in Wangen, die eine Grund- und eine Werkrealschule umfasst. Zu den angedachten Verbünden sagt er: „Aus meiner Sicht ist das die logische Konsequenz aus der Entwicklung der vergangenen Jahre.“ An den Realschulen gebe es aktuell viele Kinder, die eigentlich auf eine Werkrealschule gehörten. Umgedreht führe genau das dazu, dass die Werkrealschulen sehr klein geworden seien. Beides bringe Probleme mit sich. Eine Art gemeinsame Mittelschule könne das System für Eltern und Kinder insgesamt glücklicher machen. Allerdings bleibe abzuwarten, wie genau ein solcher Verbund ausgestaltet werden müsse.

Für die Wilhelmsschule kann sich Passauer eine Kooperation mit der Linden-Realschule vorstellen. Weil sie nah ist und weil die Schulen bereits heute in mancher Beziehung zusammenarbeiten. Vielleicht werde aber auch das Schulamt Vorentscheidungen treffen, wer mit wem zusammengehe – und zwar anhand der Raumkapazitäten. „Denn der Schulraum ist das große Problem in Stuttgart“, sagt der Rektor. Für die Zukunft wünscht sich Passauer vor allem eines: mehr Kontinuität.

Mögliche Auswirkungen auf Realschulen seien noch Spekulation

Svenja Fritzsche verfolgt die Diskussion als Rektorin der Schloss-Realschule für Mädchen. Welche Auswirkungen eine Rückkehr zu G9 auf die Realschulen haben werde, sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch Spekulation, findet sie. Eine Schule vor Ort könne immer nur auf die Gegebenheiten reagieren, deshalb warte sie erst einmal ab. „Ich kann bildungspolitische Maßgaben immer nur mit einem entsprechenden Schulkonzept bestmöglich umsetzen“, sagt Fritzsche.

Skeptisch ist sie gegenüber der angedachten neuen Grundschulempfehlung inklusive Potenzialtest, die bezüglich der Aufnahme am Gymnasium verbindlicher werden soll. „Was ist das Motiv dahinter, wenn nur spezifisch nach einer Schulart selektiert wird?“, fragt sie sich. Wenn es um eine größere Homogenität am Gymnasium gehe, benachteilige das die anderen Schularten, die dann mit einer weiter wachsenden Heterogenität umgehen müssten.

Reaktionen der Realschulverbände

Kritik
Der Verband Deutscher Realschullehrer und der Realschullehrerverband Baden-Württemberg haben mit heftiger Kritik auf das von der Regierung vorgelegte Bildungspaket reagiert. Unter den Kolleginnen und Kollegen der Realschulen herrsche Verunsicherung und Wut vor. Sie „lehnen es vehement ab, wenn über die Köpfe der Menschen und von oben herab ein zweigliedriges Schulsystem implementiert werden soll“, heißt es in einem offenen Brief an Kultusministerin Theresa Schopper.

Forderung
Die beiden Verbände fordern, die „politische Steuerung zugunsten von Verbundrealschulen aus Realschulen und Werkrealschulen aufzugeben“. Die nun im Raum stehenden Beschlüsse würden die Schulart Gymnasium hervorheben. Zudem sei mit Verbundrealschulen eine weitere Absenkung der Schulqualität an den Realschulen zu erwarten. (atz)

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