Reaktionen auf Plagiatsvorwürfe Mit Offenheit gegen Anonymität

Die Dissertation von Norbert Lammert trägt den Titel „Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung“. Foto: dpa
Die Dissertation von Norbert Lammert trägt den Titel „Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung“. Foto: dpa

Nachdem er die Universität Bochum gebeten hat, den Vorwürfen nachzugehen, hat Bundestagspräsident Norbert Lammert nun auch seine Dissertation ins Netz gestellt. Ein Politologe, von dem er abgeschrieben haben soll, betrachtet die Vorwürfe mit Skepsis.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Bei der Wahl seines Themas, schreibt der heutige Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Dissertation, hätten ihn „forschungspraktische Vorteile“ geleitet. Gerade weil er bereits Ämter im CDU-Kreisverband Bochum innehabe, wolle er nun in diesem Kreisverband untersuchen, wie sich ein politischer Wille herausbildet. Als Forscher geht man zwar normalerweise auf Distanz zu seinem Untersuchungsobjekt, doch als Führungsmitglied könne er auch auf Daten zu informellen Entscheidungsprozessen zurückgreifen und damit einen veritablen Beitrag zur Parteienforschung leisten.

Ein Jahr lang untersucht Lammert seinen Kreisverband und beklagt, dass die meisten Entscheidungen innerhalb der Hierarchie getroffen werden und die Basis wenig Interesse zeige, ein Amt zu übernehmen. In seiner Dissertation entwickelt er 1974 eine Alternative, ein Modell einer ­„dezentral-kooperativ aufgebauten Parteiorganisation“, und wird mit seiner Arbeit 1975 von der Universität seiner Geburtsstadt Bochum promoviert. Die Konrad-Adenauer-Stiftung, die sich damals fragt, ob das Aufkommen von Bürgerinitiativen nicht Schwächen der etablierten Parteien offenbare, veröffentlicht die 116 Seiten lange Arbeit im folgenden Jahr.

Nun wirft ein anonymer Plagiatsjäger Lammert vor, er habe noch auf andere unkonventionelle Quellen zurückgegriffen: Er habe im theoretischen Teil der Arbeit Fachliteratur zitiert, ohne sie selbst gelesen zu haben. Einige Literaturangaben soll er abgeschrieben haben. Der Plagiatsjäger, der sich das Pseudonym Robert Schmidt gegeben hat und auf einer Internetseite behauptet, derselbe zu sein, der die Plagiate in der Dissertation der früheren Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) veröffentlicht hat, zählt neun „bemerkenswerte Fundstellen“ in Lammerts Arbeit auf. Er hebt vor allem Fehler hervor, die Lammert abgeschrieben haben soll, ohne dies kenntlich zu machen.

Das zitierte „Phantomwerk“ gibt es doch

Auf den Seiten 3 und 4 geht es los. Dort stützt sich Lammert auf eine kurz zuvor ­erschienene Doktorarbeit des Politologen Hans-Otto Mühleisen zu theoretischen Ansätzen in der Parteienforschung. In seinem Überblick über den Stand dieser Forschung erwähnt Lammert dieselben Quellen wie Mühleisen und lässt in einem Zitat ein Komma aus, das auch Mühleisen übersehen hat. Hans-Otto Mühleisen, heute Emeritus an der Universität Augsburg, sieht hierin jedoch kein Plagiat, da Lammert zu Beginn des Abschnitts betont, einem Vorschlag von Mühleisen zu folgen.

Damals habe man oft mit handschriftlichen Exzerpten gearbeitet, erläutert Mühleisen. Sie wurden mit eigenen Worten und „eher allgemeinen Literaturverweisen“ zusammengefasst. Auch einen Sammelband, aus dem Lammert einiges Material ohne besondere Kennzeichnung übernommen haben soll, lässt Mühleisen nicht als Plagiat gelten. Dafür zitiere Lammert den Band zu häufig. Mühleisen kontert zudem den Vorwurf, Lammert habe ein „Phantomwerk“ des Politologen Walter Gagel angegeben. Er zitiert es bloß mit einem falschen Titel. Das hätte man „mit einem Klick“ prüfen können, findet Mühleisen.

Ein Drittel der Arbeit habe er durchgesehen, schreibt der Plagiatsjäger, mehr Arbeit wolle er sich nicht machen. Die Universität Bochum bestätigte, dass Lammert den Rektor gebeten habe, den Vorwürfen nachzugehen. Sie hat Lammert 2008 eine Honorarprofessur verliehen. Am Dienstag stellte der Bundestagspräsident zudem seine Dissertation ins Netz (Link zum PDF). Gegenüber Journalisten äußerte er sich nicht. Am Montagabend wurde er nur mit den Worten zitiert, er habe „seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst und sei von ihrer wissenschaftlichen Qualität überzeugt“. Vertreter aller Bundestagsfraktionen erinnerten an die Unschuldsvermutung.




Unsere Empfehlung für Sie