Reden über Gott und die Welt „Geigenbauen ist für mich wie beten“

Von Martin Haar 

Martin Schleske ist eine Art Gott der Geigen und ein Mann Gottes. Im Interview sagt er: „Klang ist eine Metapher für die Heiligkeit“.

Geigenbauer Martin Schleske bei der Arbeit. Foto: Martin Haar
Geigenbauer Martin Schleske bei der Arbeit. Foto: Martin Haar

Stuttgart/Landsberg. Martin Schleske gilt nicht nur als einer der ganz Großen des Geigenbaus, sondern auch als ein begnadeter Erzähler über Gott und das Leben. Am kommenden Sonntag ist er Gast beim Nachtschicht-Gottesdienst.

Herr Schleske, Sie haben als Geigenbauer neulich bei einem Kongress eine Art Predigt vor Journalisten und Pfarrern gehalten. Was haben Sie als Laie den Profis erzählt?
Hoffentlich ist jeder Profi auch Laie, denn sonst gehört er nicht dazu. Denn das Wort Laie kommt von Laos, dem Volk zugehörig. Und wenn ich diese Zugehörigkeit verliere, bin ich entrückt. Nur mit Anfängern kann der Himmel etwas anfangen.
Was konnten Sie den Profis sonst noch geben?
Das, was mich beschäftigt.
Und zwar?
Von dem, was Paulus am Ende des Römerbriefs sagt: Von diesem gewaltigen Dreiklang von Wort, Werk und Wunder. Das ist das Evangelium. Das Wort ist, wofür wir leben, das Werk zeitigt Konsequenzen. Und das Wunder ist, aus der Kraft Gottes zu leben. Denn nur so geschehen Dinge, die sonst nicht geschehen. Mein Kernsatz dazu lautet: Die Gnade will unseren Glauben spielen wie ein Musiker sein Instrument.
Was bedeutet das für den Menschen und seinen Alltag?
Das ist eine gewaltige Aussage. Der Glaube muss gar nichts von sich aus tun. Denn ein Instrument spielt sich nicht von selbst. Es wird gespielt. Und ein Musiker ohne Instrument bleibt stumm. Daher sucht Gott in dieser Welt Instrumente, die er spielen kann. Aber auf einem missgestimmten Instrument, einem Menschen mit bitterem Herzen, kann nicht gespielt werden.
Es heißt, manche Ihrer Zuhörer sind irritiert, wenn Sie mit solchen Gleichnissen kommen. Andere wiederum sagen: Dieser Mann hat die Gabe, Gott zu hören.
Ja, dieses Hören hat auch viel mit dem Geigenbau zu tun. Dieses äußere Hören ist wie eine Schule für das innere Hören mit dem Herzen. Wir können lernen, auf die feinen Anregungen der Gnade zu hören. Es ist wie dieser Kontaktpunkt, an dem der Bogen die Saite erregt. An dieser verletzbaren Stelle passiert alle Schönheit.
Ihr Thema ist nicht Gott, sondern der Klang. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Klang zu erschaffen ist die Urberufung in meinem Leben. Inzwischen weiß ich, es gibt den heilsamen Klang. Daher ist der Klang eine Metapher für die Heiligkeit und die Gottesgegenwart. Die Quantenphysik zeigt es: Die Kräfte, die Materie ordnen, sind Schwingungen. Den Klang eines Instruments empfinde ich wie ein Echo auf den Schöpfungsakt. Musik ist ein in Klang gegossenes Gebet – eine Antwort auf die Schöpfung.
Sie ziehen immer wieder Vergleiche zum Geigenbau, wenn es um Gottes Wirken in der Welt und im Leben der einzelnen Menschen geht. Erklären Sie das näher.
Die wesentlichen Dinge des Lebens und des Glaubens habe ich durch den Geigenbau gelernt. Wenn du in der Liebe bist, wird alles zu dir sprechen. Jede Art von Berufung. Und ich liebe den Geigenbau sehr.
Als Geigenbaumeister erschaffen Sie nach eigener Aussage Klangskulpturen, die nur dann vollendet sind, wenn sie jedem Instrument seine Stimme geben. Das klingt nach Schöpfungsakt. Sind Sie der Gott der Geigen?
Ja, es ist ein Schöpfungsakt. Da entsteht eine ganz große Gottesnähe. Ich habe dabei mit diesem krummen und urgewachsenen Holz zu tun, das ich zum Klingen bringe. Das ist keine Konstruktion eines Ideals, sondern ein lebendiges Schöpfungsgeschehen, bei dem der Ausgang offen ist. Der Meister des Geigenbaus wird dem Holz gerecht.
Ist es bei Ihnen wie bei Michelangelo, der die fertige Skulptur im Marmorblock erkannte und nur vom überflüssigen Stein befreite?
Ja, beim Bauen höre ich den Klang.
Was ist Ihre Werkstatt? Eine Art Gebetsraum?
Geigenbauen heißt für mich mit den Händen beten. Dieses Haus war ursprünglich 500 Jahre ein Gebetshaus. Und dort, wo meine Werkbank steht, war der Altar. Dieses Haus gibt mir Kraft. An dieser Werkbank werde ich nie müde.
Sie verehren die italienischen Altmeister des Geigenbaus sehr. Klingt eine Schleske heute besser als eine Stradivari?
Was ist besser? Es gibt einige Geiger, die haben beides: eine Schleske und eine Stradivari. Und sie spielen manche Konzerte lieber auf einer Schleske. Ich habe viele Stradivaris als Vorbilder und inneren Lehrer – diese Geigen haben eine atemberaubende Demut. Sie wollen nichts Extravagantes sein. Da ist alles richtig. Geigen, wie sie nicht schöner sein können. Sanft und kraftvoll. Das Geheimnis der Stradivari ist, dass sie den Menschen verändert, der sie spielt.
Was kostet eine Schleske-Geige, und wie lange arbeiten Sie daran?
Ich habe einfachere Segmente, die bei 25 000 Euro beginnen. Die teuerste Geige, die ich je gemacht habe, kostete 38 000 Euro. In der Regel arbeite ich einen Monat daran.
Zum Nachtschicht-Gottesdienst, bei dem Sie am Sonntag zu Gast sind: Dort wandeln Sie laut Veranstalter Ralf Vogel entlang der Vernunftsgrenze. Besteht Absturzgefahr?
Bestimmt. Aber am Ende liegt es am Publikum, weil es ein Resonanzvorgang ist. Wenn Leute schon wissen, was sie hören wollen, brauchen sie mich nicht. Aber es gibt auch Situationen, da entsteht etwas Neues. Ich bin nur das Schwingungselement, das auf Resonanz stößt, und dann entsteht der Klang. Es besteht also immer Absturzgefahr.
Sind Sie schon mal an Gott verzweifelt?
Ja, ich hatte meinen Glauben verloren. In meinem letzten Gebet sagte ich zu Gott: Hier, Gott! Da hast du meinen Glauben. Ich mache jetzt nichts mehr.
Und dann?
Es dauerte acht Monate, bis etwas passiert ist. Es war aus dem Zustand der Stille heraus. Ich stand nachts an der Bushaltestelle und habe plötzlich eine innere Stimme vernommen. Es war kein Gedanke, sondern eine Inspiration des hörenden Herzens.
Was hörten Sie?
„Martin, gib acht, dass du mich lieb hast. Ich kümmere mich um deinen Glauben.“ Danach habe ich es begriffen. Ich hatte mich all die Monate um meinen Glauben kümmern wollen, aber das ist nicht möglich. Darin liegt für mich die Urfrage des Lebens: Auf welche Art will ich Gott und dem Leben meine Liebe zeigen? Dafür sind wir verantwortlich. Und danach ist mein Glauben regelrecht explodiert.

Zur Person: Martin Schleske ist 1965 in Stuttgart geboren. Das Gymnasium verließ er nach der 10. Klasse und absolvierte 1982 bis 1986 die Staatliche Berufsfach- und Fachschule für Geigenbau und Zupfinstrumentenmacher Mittenwald.

Heute lebt und arbeitet er in Landsberg am Lech. Jährlich fertigt er bis zu 15 Instrumente. Virtuosen wie Ingolf Turban, Alban Beikircher und Jehi Bahk spielen sie. Damit avancierte er zu den bedeutendsten Geigenbauern der Gegenwart.

Im Oktober 2010 erschien sein spirituelles Buch „Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens“. 2016 das Buch „Herztöne: Lauschen auf den Klang des Lebens“.

Schleske ist am Sonntag, 15. April, 19 Uhr, Gast beim Nachtschicht-Gottesdienst von Pfarrer Ralf Vogel in der Andreaskirche Obertürkheim.

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