Es ist Donnerstagmorgen, und schon in der ersten Stunde geht es bei den Drittklässlern der Grundschule Wiernsheim rund. Auf zwei Feldern der Sporthalle spielen sie eine Vorstufe von Handball, mit Engagement, Freude, lauten Rufen. Mittendrin steht Carolina Krafzik. Sie gibt Tipps, motiviert, ordnet das Geschehen, strahlt große Gelassenheit und Ruhe aus. Die Kinder schauen zu ihr auf, hören auf ihre Worte. Beim abschließenden Fangspiel stellt auch sie sich in den Kreis, als Gegnerin aber wählt sie niemand aus. Es wäre auch ein ziemlich ungleiches Duell.
Denn Carolina Krafzik (28) hat nicht nur einen Beruf, sondern auch eine Berufung. Die Lehrerin ist die beste deutsche Hürdenläuferin. Und zudem eine Persönlichkeit, die ihren eigenen Weg geht – einen besonderen.
Lehramt und Leistungssport
Die Diskussionen über das effektivste Sportfördersystem, die weitere Professionalisierung oder die Vergabe von Kaderplätzen sind auch nach Meinung von Carolina Krafzik wichtig. Sie kennt schließlich die Sorgen und Nöte vieler Kolleginnen und Kollegen. Umso glücklicher ist sie, dass es ihr gelungen ist, sich ihren eigenen Mikrokosmos zu schaffen. Eine kleine Welt, die Platz bietet für Lehramt und Leistungssport. „Jeder muss selbst entscheiden, wie es für ihn individuell am besten passt“, sagt sie, „bei mir läuft alles sehr gut.“ Auf der Bahn. Und im Leben.
Carolina Krafzik gehört zu den wenigen deutschen Leichtathletik-Stars, die das Ticket nach Paris schon in der Tasche haben. Im Juli 2023 gewann die 400-Meter-Hürdenläuferin souverän den DM-Titel und unterbot dabei in 54,47 Sekunden die Olympia-Norm (54,85) deutlich. In dieser Saison muss sie nun nur noch einmal die Bestätigungsnorm (55,90) laufen, was für sie keine Hürde sein wird. „Der große Druck ist weg, es gibt kein Zittern, keinen Stress“, sagt die Athletin vom VfL Sindelfingen, „es ist eine Erleichterung zu wissen, dass auch mal ein Wettkampf in die Hose gehen kann.“ Wobei dies bei ihr eher selten vorkommt.
Carolina Krafzik: „Die Balance ist Gold wert“
Die Karriere von Carolina Krafzik ist gekennzeichnet durch eine Konstante: Sie wird immer schneller. Seit 2018 konzentriert sie sich auf die 400-Meter-Distanz, mittlerweile zählt sie zu den Besten in Europa. Bei der EM 2022 in München schaffte sie im Vorlauf eine persönliche Bestleistung (54,32), mit dieser Zeit hätte sie im Finale eine Medaille gewonnen. Doch vor der letzten Hürde verlor sie den Rhythmus, musste einen Trippelschritt einlegen, wurde nur Achte. Das hat sie geärgert, aber nicht aus dem Tritt gebracht. „Die Balance, in der sich mein Leben befindet“, sagt sie, „ist für mich Gold wert.“
Schon als Krafzik in Karlsruhe ihr Abitur gemacht hat, war sie eine Leistungssportlerin mit guter Perspektive. Aber ihr Blick ging stets über die Leichtathletik hinaus. Ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvierte sie bei der TSG Niefern, arbeitete dort oft mit Kindern. Das bestärkte sie in ihrem Berufswunsch, Lehrerin zu werden. 2015 begann sie ein Studium an der PH Ludwigsburg, nachmittags und abends trainierte sie in Sindelfingen bei Werner Späth. Viel Zeit für Semester-Partys blieb nicht, doch das nahm Carolina Krafzik in Kauf. Dafür feierte sie Erfolge im Sport: Eine Woche nach der Abschlussprüfung wurde sie in Berlin erstmals deutsche Meisterin – mit WM-Norm! Bei der Weltmeisterschaft in Doha kam sie einige Wochen später ins Halbfinale. Und ihr duales System funktionierte auch weiterhin.
Zeitmanagement ist enorm wichtig
Im Februar 2020 startete sie ins Referendariat. Ihre Sorge, es könnte in einem Olympia-Jahr doch alles zu viel werden, erledigte sich kurz darauf. Das Coronavirus legte die Welt lahm, die Sommerspiele in Tokio wurden auf 2021 verlegt. Sie beendete ihr Referendariat, schaffte den Sprung nach Japan, wurde dort Zehnte und danach Grundschullehrerin für Sport in Wiensheim mit halbem Deputat. Ihre Tage beginnen oft frühmorgens um 6.30 Uhr und enden meist spät nach einer dreistündigen Trainingseinheit (sechsmal pro Woche) sowie dem Termin beim Physiotherapeuten. Danach ist Carolina Krafzik in der Regel platt, aber auch mit sich im Reinen. „Zeitmanagement ist wichtig, aber auch eine meiner Stärken“, sagt die Leichtathletin, die mit ihrem Freund in Niefern wohnt und trotz der nötigen privaten Abstriche vor allem die Vorteile sieht: „In zwei verschiedenen Leben unterwegs zu sein, bringt Abwechslung, Lockerheit, einen Ausgleich. Und eine angenehme Freiheit, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen.“
Mit ihren Einkünften (Gehalt, Sporthilfe, DLV-Perspektivkader) kommt sie über die Runden, die Unterstützung der Schule, etwa bei der Planung von Trainingslagern, ist groß. Weshalb sie die Frage, wie lange sie noch laufen wird, lächelnd beantwortet: „Das überlege ich von Jahr zu Jahr. Noch sehe ich Steigerungspotenzial bei mir.“
Die Konkurrenz ist groß
Sie würde ihre Bestzeit gerne unter 54 Sekunden drücken, am liebsten im Sommer in Paris. Ob dies für einen Platz im Olympia-Finale reichen würde, ist offen. Die internationale Konkurrenz hinter der überragenden Niederländerin Femke Bol, die 2023 in Budapest in 51,70 Sekunden WM-Gold holte, ist enorm stark. „Ich will natürlich niemandem Doping unterstellen, aber es bleiben schon auch Fragezeichen“, sagt Krafzik, die sich deshalb eigene Ziele setzt: „Ich will in Paris zeigen, was ich draufhabe.“
Um dann zurückzukehren nach Wiernsheim, zu den Grundschülern, die zu ihr aufschauen. Egal, wie es für die Sportlehrerin bei den Olympischen Spielen gelaufen ist.
Serie: Olympische Träume
Auswahl
Die Olympischen Sommerspiele in Paris werden am 26. Juli 2024 eröffnet – mit einer grandiosen Feier auf der Seine. Dort wollen auch zahlreiche Athletinnen und Athleten aus der Region Stuttgart dabei sein. Wir stellen regelmäßig eine oder einen von ihnen vor und begleiten deren Wettkämpfe in Richtung Paris, die dann hoffentlich mit einer Olympiateilnahme enden werden.
Porträts
Bisher erschienen sind: der Schorndorfer Ringer Jello Krahmer, der Ingersheimer BMX-Fahrer Philip Schaub, die Sportgymnastin Darja Varfolomeev aus Fellbach, der Gechinger Bogenschütze Jonathan Vetter, der Mountainbiker Luca Schwarzbauer aus Nürtingen, die Metzinger Handballerin Maren Weigel, die Turnerin Elisabeth Seitz aus Stuttgart, die Mountainbikerin Elisabeth Brandau aus Schönaich und zuletzt der Sportschütze Robin Walter aus Reichenbach/Fils.