Stuttgart - Haben die Diskussionen über den Umgang mit sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche Einfluss auf die Gläubigen? Führen die negativen Schlagzeilen, die der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki produziert hat, oder führt das „Geständnis“ des ehemaligen Papsts Benedikt XVI. nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens dazu, dass sich immer mehr Menschen von der katholischen Kirche abwenden? Antworten auf diese Frage kann die Kirche selbst momentan nicht geben.
„Die Entwicklung der Mitgliederzahlen in Baden-Württemberg veröffentlichen wir in der Regel erst im Juni oder Juli des darauffolgenden Jahres“, sagt eine Sprecherin. Aktuell liegen für das gesamte Land also nur Zahlen für das Jahr 2020 vor. Befragt man die großen Standesämter in der Region, zeigt sich jedoch, dass die Kirchen insgesamt Mitglieder verloren haben. Speziell die katholische Kirche ist wieder erheblich geschrumpft, nachdem die Austrittszahlen im ersten Coronajahr 2020 zunächst rückläufig waren. Dieser Trend habe sich, so die Auskunft in den meisten Städten, im Januar 2022 weiter verstärkt.
Viele erkundigen sich, wie sie aus der Kirche austreten können
Besonders auffällig, so die Feststellung vieler Standesämter, sei das ungewöhnlich hohe Interesse vieler Menschen, die sich aktuell nach den Modalitäten eines Austritts erkundigten. „Wir bekommen gerade jede Woche bis zu 40 Anfragen auf Austritte“, erklärt der Ludwigsburger Pressesprecher Peter Spear. Auch in Waiblingen ist die Nachfrage groß, wobei man dort allerdings betont, dass nicht alle Nachfragen letztlich auch zu Kirchenaustritten führten.
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Besonders stark trifft die Austrittswelle die Landeshauptstadt selber. Hatte das dortige Standesamt 2020 gerade einmal 4128 Kirchenaustritte gezählt, so waren es 2021 knapp 5900, also rund 43 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Überhaupt bildete diese Zahl an Austritten einen Spitzenwert der vergangenen Jahre. Dieser Trend scheint sich fortzusetzen: Im Januar haben 684 Stuttgarter ihren Austritt aus der Kirche erklärt.
In Stuttgart gibt es immer weniger Katholiken
Konkrete Zahlen für die katholische Kirche nennt das Stuttgarter Standesamt aber nur für die Innenstadt. Eine Unterscheidung nach Konfessionen gibt es nur in diesem Bereich und nicht für Gesamt-Stuttgart. Aber auch in der City und rund herum haben 2021 deutlich mehr Katholiken als evangelische Christen ihrer Kirche den Rücken gekehrt.
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Ein ähnliches Bild ergibt sich in den Kreisstädten in der Region: In Böblingen lag im Januar 2022 erstmals die Zahl der Abmeldungen aus der katholischen über der aus der evangelischen Kirche. Allein im Januar sind in Böblingen 54 Bürgerinnen und Bürger aus der Kirche ausgetreten. Im gesamten Jahr 2021 hatte es 364 Kirchenaustritte gegeben.
Nur Waiblingen meldet konstante Zahlen
Auch Ludwigsburg und Esslingen melden im Januar mit 90 und 77 Abmeldungen deutlich mehr Austritte als im Vorjahr. Wobei: Während man in Ludwigsburg die Wirkung negativer Schlagzeilen durchaus auf dem Standesamt bemerkt, kann Nicole Amolsch, die Esslinger Sprecherin, keine Wellen feststellen. Die einzige größere Stadt, in der sich das Austrittsverhalten im Januar bisher kaum von dem des Vorjahres unterscheidet, ist Waiblingen. Mit bisher 34 Kirchenaustritten – davon 15 aus der katholischen Kirche – liegt man dort auf Vorjahresniveau.