Regionaler Wein von Vintage Winery Stuttgarter Jungwinzer will Weinkultur erhalten

Jungwinzer Sebastian Schiller mit seiner Hündin Frida im Patenschaftsweinberg in Rohracker. Foto: Ana-Rita Jordan

Vintage Winery versorgt Stuttgarter Weinliebhaber:innen seit 2013 mit Wein aus der Region und ist damit das erste Crowdfunding Weingut in Deutschland. Wir haben uns mit dem Gründer Sebastian Schiller getroffen.

Wir treffen Jungwinzer Sebastian Schiller mit seinem Hund Frida in einem seiner Weinberge in Rohracker. Bei einem beeindruckenden Sonnenuntergang erzählt er von Vintage Winery und erklärt, wie er mit Rebstock-Patenschaften und dem Hidden Vineyard Festival das Kulturgut Wein in Stuttgart erhalten möchte.

 

Weingut im Nebenerwerb

Sebastian ist hauptberuflich Winzer in Remstal. Die Weinberge seiner Familie in Rohracker sind sein Nebenerwerb. Er erhält damit die Weinbautradition, die bis auf seinen Urgroßvater zurückgeht. In Rohracker war der Weinbau schon immer eine gängige Nebenbeschäftigung. Es gibt dort bis heute kaum jemanden, der gänzlich vom Weinanbau lebt. Sebastian stammt aus einem bäuerlichen Nebenerwerbsbetrieb. Sein Opa war Maurer und kümmerte sich nebenbei um die Weinberge der Familie. Auch eigenes Obst und Gemüse wurde auf dem Stuttgarter Wochenmarkt verkauft. Sein Vater arbeitete als Schlosser und führte den Weinbau-Nebenerwerb später fort.

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Weinlandschaft Rohracker

Die Weinberge des Jungwinzers sind ausschließlich in Rohracker. Der Ort erstreckt sich über das langgezogene, schmale und tiefe Tal. Sebastian erklärt uns, wie sich der Weinbau über die Jahre in Rohracker verändert hat. Ursprünglich zog sich die Weinbaufläche wohl vom Wald bis nach Hedelfingen. Über die Jahrzehnte wurde davon viel Fläche aufgegeben.

„Das Schöne ist, dass man jetzt hier aus den besten Lagen schöpfen kann“, schwärmt er. In den 80er-Jahren suchten sich die Menschen Jobs in der Industrie und zogen ins Neckartal. Der Nebenerwerb wurde nicht mehr gebraucht. Der Weinbau in Rohracker ist daher inzwischen zusammengeschrumpft auf die besten Lagen und fruchtbaren Weinberge, die von den Traditionsfamilien im Ort erhalten werden.

Die Moonshine-Phase

Bereits zu Genossenschaftszeiten produzierte Sebastian für den Eigengebrauch einen „Haustrunk“. Mit einem 20-Liter-Glasballon ging’s los. Nachdem der Wein bei verschiedenen Familienfesten und Grillpartys mit Freunden sehr gut ankam, wurde es Zeit für den nächsten Schritt.

Crowdfunding für Vintage Winery

Für Sebastian und seinen damaligen Geschäftspartner ist der Weg raus aus der Genossenschaft und rein in die Direktvermarktung schnell entschieden. Sie wollen das Weingut mit einem neuen Ansatz aufziehen. „Die Bank wollte uns leider nicht wirklich Geld geben. Es ist einfacher, 100 "kleine" Leute für sich zu gewinnen als einen großen bzw. die Bank“, berichtet der Gründer. So kam die Idee fürs Crowdfunding zustande.

Winzer werden, aber wie?

Nach dem Abi macht Sebastian eine zweijährige Winzerausbildung im Remstal und in Baden. „Während der Ausbildung hat’s mich dann aber richtig gepackt“, erzählt Jungwinzer Sebastian.

Danach studierte er internationale Weinwirtschaft in der Nähe von Wiesbaden. In Köln, wo Sebastian nach dem Studium im Weinvertrieb arbeitet, entsteht seine Liebe zur Gastronomie: „Mich hat schon immer interessiert, wo der Wein am Ende landet und was er bei den Leuten auslöst, wenn er zum perfekten oder auch zum gänzlich falschen Essen gereicht wird.“

Nebenbei gründet der damals 30-Jährige das Weingut aus der Ferne. „Ich war ein paar Jahre Autobahn-Winemaker“, lacht Sebastian. Als das Pendeln zu viel wird, verlagert er seinen Lebensmittelpunkt wieder zurück nach Stuttgart.

Inzwischen ist zu Sebastians Ausbildungsbetrieb im Remstal eine Freundschaft entstanden. Man hilft sich gegenseitig und der Stuttgarter nutzt den dortigen Winzerkeller für seine eigenen Weine. Maschinen, Tanks und Pumpen sind sehr teuer und für einen komplett ausgestatteten Winzerkeller kann man schon mal einen sechsstelligen Betrag hinblättern.

Vom Crowdfunding zur Crowdproduction

Sebastian sieht sein Weingut als Projekt für die kommenden Generationen an. Ihm geht es ums Erhalten der Kulturlandschaft und das Weitergeben der Weintradition: „Ich habe das Gefühl, die Welt dreht sich immer schneller, die Leute verlieren zu wichtigen Dingen den Bezug und wenn sie hier rauskommen, entschleunigen sie ganz schnell.“

„Ich möchte zeigen, dass der Weinbau in den Weinbergen passiert. Wir sind kein schickimicki Weingut mit fancy Tastingroom. Wer uns über die Schulter schauen möchte, braucht gutes Schuhwerk und ist immer bei unserer Crowdproduction willkommen“, erzählt der Stuttgarter über sein Weingut.

Die Crowdtermine finden sich auf der Webseite des Weinguts. Hier können Helfer:innen sehr spontan beim Weinbau mithelfen. Gemeinsam werden die Weinberge gewässert, Unkraut gejätet und gelesen. Nach getaner Arbeit wird zusammen gegrillt und - natürlich - Wein getrunken.

Rebstock Patenschaft und Teambuilding im Weinberg

Weinliebhaber:innen können eine Rebstock Patenschaft übernehmen. Die Pat:innen erhalten eine Urkunde, ein Namensschild am Rebstock und jährlich ein entsprechendes Weißwein-Paket. Natürlich trifft man sich auch mehrmals im Jahr, um sich gemeinsam um die Rebstöcke zu kümmern.

Übrigens: Es gibt auch Business Patenschaften, Team-Events und Teambuilding mit externem Coaching.

„Bei uns kann man sich super als Team erleben. Man lernt etwas über Wein, ist draußen in der Natur und sieht wie nachhaltig etwas entstehen kann. Jeder nimmt ein Stück Erfahrung von einem Tag im Weinberg mit nach Hause.“ Auf Anfrage organisiert Sebastian Weinwanderungen und Junggesell:innen-Abschiede für Gruppen.

Hidden Vineyard Festival

Das Sommerfest der Vintage Winery findet einmal im Jahr statt. Dabei wird die Erhaltung der Steillagen der Weinberge in Stuttgart gefeiert.

Sebastian erzählt, was dahinter steckt: „Wir wollen mit unseren Gästen das Kulturgut Wein genießen und zeigen, wo unsere Produkte herkommen. Am Ende kann man die Historie, die so ein besonderer Ort ausstrahlt, nicht auf die Flasche draufschlagen, die muss man selbst erleben. Deshalb freuen wir uns Weinliebhaber:innen, Freund:innen und Helfer:innen auf unserem Sommerfestival bewirten zu dürfen.“

Da der besondere Weinberg mit dem Auto nicht zu erreichen ist, empfiehlt Sebastian, den Tag mit einer kleinen Weinwanderung zu verbinden.

Keine Zukunft ohne Herkunft

Sebastian hat viele weitere Ideen und Visionen für die Vintage Winery. Sein nächstes Projekt ist eine Kooperation mit Schafen.

Gemeinsam mit einer Schäferin aus dem Ort testet er aktuell die Wechselbeweidung von Ziegen und Schafen auf einer seiner Streuobstwiesen. Der nächste Schritt ist die Schafbeweidung in den Weinbergen. Maschinen und Dünger könnten dadurch eingespart werden.

Sebastian findet den „Back-to-the-roots-Gedanken“ spannend. Er ist auch dabei, Gemüse und Obst am Weinberg anzubauen, um sich von der Monokultur zu entfernen und sich wieder auf die Herkunft zu konzentrieren.

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