Regionalwettbewerb findet digital statt Jury hält Video-Gericht in Sindelfingen

Ungewöhnlicher Anblick: Die Juroren des Regionalwettbewerbs von „Jugend musiziert“ sichten die Teilnehmervideos im Odeon der Sindelfinger Musikschule. Foto: Eibner/Drofitsch

Am vergangenen Wochenende fand der 58. Regionalwettbewerb von „Jugend musiziert“ im Kreis Böblingen statt. Vor Ort in der Sindelfinger SMTT war allerdings diesmal nur die Jury anzutreffen. Die Teilnehmer haben ihr Programm nämlich, wie auch schon beim Landeswettbewerb, per Video eingesendet.

Sindelfingen - Normalerweise herrscht während eines „Jugend musiziert“-Wettbewerbs in der Sindelfinger Schule für Musik, Theater und Tanz (SMTT) große Betriebsamkeit: Musiker, Lehrer, Publikum und Jurymitglieder versammeln sich in den Sälen, um den Wettbewerbsteilnehmern zu lauschen – und die Aufregung ist fast schon greifbar.

 

In diesem Jahr ist allerdings vieles anders. Die SMTT ist völlig verwaist, nur aus dem Konzertsaal Odeon erklingt Klaviermusik. Dort sitzt das Jury-Team mit Abstand zueinander vor einer großen Leinwand. Eine Videoaufnahme zeigt zwei Mädchen, beide mit Masken, die an zwei verschiedenen Klavieren im Duo musizieren. „Das ist eine kleine Besonderheit“, erklärt Projektleiter Siegfried Pöllmann leise. Bei Geschwistern seien Masken nicht nötig und das Duo dürfe vierhändig an einem Klavier in die Tasten greifen, aber diese Mädchen sind nicht miteinander verwandt. „Deshalb müssen sie mit Maske und mit Abstand zueinander an zwei verschiedenen Klavieren spielen.“

Der Regionalwettbewerb von „Jugend musiziert“ findet jedes Jahr unter einem anderen Thema statt. An diesem Wochenende werden die Konstellationen Gitarre und Mandoline, Klavier vierhändig im Duo, Klavier und ein Streichinstrument, Holzblasinstrumente und Blechblasinstrumente bewertet. Am 19. Juni steht dann noch die Wertung im Schlagzeug-Ensemble bevor. „Die Schlagzeuger haben wir verschoben, weil sie sich momentan nicht zum Üben treffen dürfen“, erläutert der Böblinger Geigenlehrer Siegfried Pöllmann, der den Wettbewerb auf Kreisebene schon seit vielen Jahren organisiert.

Ansonsten ist der Ablauf beim virtuellen Regionalwettbewerb sehr ähnlich wie im Präsenz-Format. Bis auf die Tatsache, dass die Teilnehmer eben nicht live auftreten können. Stattdessen haben sie Videos eingeschickt, die sich die Jury nun der Reihe nach besieht. Damit trotzdem ein Wettbewerbsgefühl entsteht, waren die Musiker dazu angehalten, ihre Videos an einem Tag aufzunehmen und nicht häppchenweise zusammenzuschneiden. „Bei der Bewertung wird zum Beispiel auf Klang und Rhythmus geachtet“, schildert Siegfried Pöllmann. Aber auch das menschliche Zusammenspiel im Duo und die Sauberkeit der Töne fließen in die Wertung mit ein. „Und wir achten auch sehr auf die Körpersprache“, ergänzt der Musikpädagoge. „Die sagt viel darüber aus, wie viel Lust die Musiker auf ihren Auftritt haben und wie der Zugang zum Instrument ist.“

Besonders erfreut sind die Organisatoren darüber, dass trotz der ungewöhnlichen Bedingungen fast genauso viele Teilnehmer beim Regionalwettbewerb mitgemacht haben, wie in den Vorjahren. „Wir dachten eigentlich, das bricht jetzt bestimmt ein, aber das war überhaupt nicht der Fall“, berichtet Pöllmann. Wie der Juror von den Eltern erfahren hat, war die Situation vor der Kamera allerdings für viele Kinder mindestens genauso aufregend wie vor Publikum. „Vor der Kamera bekommen die Kinder das Gefühl, dass das jetzt für die Ewigkeit festgehalten wird“, weiß Pöllmann. „Das sorgt bei einigen für fast noch mehr Aufregung.“

Fast alle Bewertungskriterien sind übrigens auch im Video-Format gut zu erkennen. „Anfangs herrschte bei vielen Leuten ein bisschen Skepsis gegenüber einem virtuellen Wettbewerb, aber schon der Landeswettbewerb hat gezeigt, dass das sehr gut machbar ist“, freut sich Pöllmann. Die Qualität sei, selbst wenn die Videos nur vom Handy aus aufgenommen wurden, erstaunlich gut. „Akustisch ist das gar kein Problem, die Aufnahmen zeigen sehr viel.“ Trotzdem sei das Videoformat kein Ersatz für einen Live-Wettbewerb. „Die Musik vor Ort, die Bindung zum Publikum und die Aufregung geht so natürlich verloren“, bedauert der Böblinger. „Allerdings ist es eine gute Überbrückung, auch im Hinblick auf die Zukunft.“ Schließlich wisse man nicht, wie oft eine solche Pandemie-Situation in den nächsten Jahren auftreten wird.

„Jugend musiziert ist hier in Deutschland die einzige und wichtigste Wertfindungsmethode in der Musik“, gibt der Pädagoge zu bedenken. „Es gibt in Musikschulen ja keine Zeugnisse oder Noten, die Bewertung ist also völlig freiwillig.“ Wer bei „Jugend musiziert“ mitmachen möchte, müsse auch kein Supertalent sein. „Es reicht, wenn man solide etwas auf die Beine stellen kann.“

Für viele Musiker sei der Wettbewerb aber auch eine Art Karrieresprungbrett. Deshalb verfolgt Siegfried Pöllmann gerne, was aus den Teilnehmern später mal wird. Und so manch einer aus dem Kreis hat im Erwachsenenleben eine erfolgreiche Profi-Laufbahn eingeschlagen. Aber auch schon während des Wettbewerbs hat Pöllmann ein Auge auf zukünftige Talente. „Vor allem die jungen Altersgruppen I und II sind immer spannend, weil man dort oft neue Gesichter sieht“, sagt er. „Ab Altersgruppe III wird es dann interessant, die Entwicklung der Teilnehmer zu beobachten.“

Und wie fühlt man sich nach zwei Tagen digitaler Juroren-Tätigkeit? „Ich bin total happy“, erklärt der offenbar sehr zufriedener Organisator auf Nachfrage. Das Wertungsgremium habe gut mitgeschwungen und habe sich hochmotiviert auf das ungewöhnliche Prozedere eingelassen. „Vorbildcharakter in Krisenzeiten“ laute das Fazit des Pädagogen-Teams.

Wenn die Pandemiesituation im Herbst wieder Präsenzveranstaltungen zulässt, kann Pöllmann sich vorstellen, einige Vorspiele im Odeon nachzuholen. Dann könnten die jungen Talente ihre starken Leistungen auch vor Publikum präsentieren.

Die Ergebnisse sind auf der Homepage von „Jugend musiziert“ veröffentlicht.

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