Reigschmeckt (6): die japanische Familie Ishikura Kraniche auf den Fildern

Von Akiko Lachenmann 

Wie kommen Ausländer in der Region Stuttgart klar? Eine Serie über Familien, die in zwei Kulturen zu Hause sind. Heute: die Ishikuras aus Japan.

Echterdingen - Morgens um halb sechs geht Sawako Ishikura in die Küche und schaltet den automatischen Reiskocher ein. Sie stellt vier Bento-Boxen nebeneinander und befüllt die abgetrennten Abteilungen im Inneren mit gesäuertem Reis, gerollten Omeletts, gebratenem Lachs und eingelegtem Gemüse. Die bunten Boxen sind für die Kinder – für Kaoru, Hana und Kei. Die schwarze ist für Shin, ihren Mann. Gegen sieben sitzen sie kurz gemeinsam am Küchentisch. Dann schwirren sie aus in alle Himmelsrichtungen. Shin, 49, fährt in einem VW – ein Zeichen der Wertschätzung für das Gastland – nach Esslingen, von wo aus er für die japanische Firma Kyocera den europäischen Markt sondiert. Hana, 10, radelt ans andere Ende von Echterdingen zum Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium. Kaoru, 15, und Kei, 12, nehmen den Bus nach Degerloch, der sie zur International School of Stuttgart bringt.

Seit drei Jahren, seit sie von der Insel Kyu­shu im Süden Japans nach Echterdingen gezogen sind, leben die Ishikuras in verschiedenen Welten. Gemeinsamer Stützpunkt ist ihre Wohnung im ersten Stock in einem Neubaugebiet im Norden Echterdingens. An dieser lässt sich leicht erkennen, worauf die Ishikuras Wert legen. Über dem obligatorischen Klavier im Wohnzimmer kleben zwei Zettel. Auf dem einen steht „Klavier“ geschrieben – auf Deutsch und Japanisch. Auf dem anderen eine C-Dur-Tonleiter mit beschrifteten Notenhälsen. Im Badezimmer hängen die deutschen unregelmäßigen Verben und Personalpronomen. An der Küchenwand eine Notiz mit dem Wort „Wand“, ebenfalls auf Deutsch und Japanisch.

Sawako Ishikura, 46, brüht einen starken Kaffee, während Shin und die Kinder angestrengt über die Frage nachdenken, was ihnen an Deutschland nicht so gut gefällt. Leichter tun sie sich mit der Frage, was sie an Deutschland schätzen. „Leberkäse“, sagt Kei. Hana nickt. Sich kritisch zu äußern, haben sie dagegen nie gelernt. „Wir versuchen, den Wendungen des Lebens stets mit einer positiven Haltung zu begegnen“, erklärt Shin. „Das wollen wir auch den Kindern vermitteln.“

Wieso „Tempofalle“?

Später fällt Shin doch noch etwas ein, das ihn zwar nicht verärgert, aber anfangs verwundert hat: Radarfallen. In Japan sind diese vollkommen überflüssig und daher quasi nicht existent. Gilt ein Tempolimit von 110 Stundenkilometer, fährt der Japaner höchstens 111. Dass der deutsche Staat den Autofahrer in eine „Falle“ locken will, dürfte Shin irritiert haben.

Kaoru, Kei und Hana sind ein Anschauungsbeispiel dafür, wie das schulische Umfeld Kinder zu prägen vermag: Kaoru und Kei sprechen kaum Deutsch. An ihrer Schule wird auf Englisch unterrichtet, denn ihre Klassenkameraden kommen aus der ganzen Welt. Hana spricht dagegen akzentfrei Deutsch. „Ich wollte eine ganz normale Schule in der Nähe besuchen“, erzählt sie mit gesenktem Blick. „Jetzt wohnen meine Freunde alle in der Nähe.“

Hanas Alltag ähnelt am meisten dem einer deutschen Jugendlichen. In ihrem Zimmer deutet nichts auf ihre Herkunft hin, bis auf einen japanischen Text an ihrer Wand, den sie über ein Sportevent verfasst hat. Sie könne sich vorstellen, Journalistin zu werden, sagt sie. Abends schaut sie Nachrichten im Kinderkanal Kika – gemeinsam mit ihrem Vater, der sonst kaum Gelegenheit hat, Deutsch zu lernen. Sie plaudert von ihrer Liebe zum Ballett, von der festen Zahnspange, die sie neuerdings trägt. Nur den für Japaner typischen gesenkten Blick hat sie nicht abgelegt. Längerer Blickkontakt wird als aggressiv empfunden, ein gesenkter Blick soll dagegen von Respekt zeugen.

Beim letzten Heimatbesuch hat Hana ihre alte Grundschule besucht, wo sie begeistert empfangen wurde. Ob sie Unterschiede festgestellt habe zwischen der japanischen und der deutschen Schule? Sie braucht eine Weile, bis sie damit rausrückt: „In Japan ist es etwas ruhiger im Unterricht.“

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