Reihe in Esslinger Museum endet 52 Zeugen des Ersten Weltkriegs

Jeden Monat wurden neue  Objekte, wie hier Porzellan mit militärischen Motiven, in den Mittelpunkt gerückt. Foto: Horst Rudel
Jeden Monat wurden neue Objekte, wie hier Porzellan mit militärischen Motiven, in den Mittelpunkt gerückt. Foto: Horst Rudel

Das historische Langzeitprojekt 52xEsslingen ist seit Sonntag zu Ende. Erstmals wurde der Erste Weltkrieg umfassend aus reichsstädtischer Perspektive betrachtet.

Esslingen - Seit dem 11. November schwiegen die Waffen. Im Esslinger Stadtmuseum wurden in Anlehnung an die 52-monatige Dauer des Ersten Weltkrieges von 2014 an 52 Exponate mit lokalem Bezug gezeigt. „Am Anfang wussten wir nicht, ob wir bis zum Ende durchhalten“, verrät der Leiter des Stadtmuseums, Martin Beutelspacher. Der Erste Weltkrieg zählte bis vor Kurzem zu den kaum erforschten Abschnitten der Esslinger Stadtgeschichte. Am Sonntag endete das Langzeitprojekt und die Ausstellung im Gelben Haus, wo noch einmal alle 52 Exponate sowie hundert weitere Stücke zu sehen waren.

Das Ziel sei es gewesen, dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen ein Gesicht und eine Geschichte vor Ort in Esslingen zu geben. „Uns war es wichtig, die Leute benennen zu können, damit man sich nicht hinter Zahlen versteckt“, sagt Beutelspacher. Zwischen 30 und 50 Besucher seien durchschnittlich jeden Monat zur Vorstellung des jeweils neuen Exponates gekommen. Ferner erschien ein Buch, in welchem alle Ausstellungsstücke mit den dazu gehörigen Informationen abgedruckt sind.

Das Neckartal als französische Provinz

Unter den Exponaten waren so außergewöhnliche Stücke wie eine Landkarte des Neckartals mit Stuttgart und Esslingen, auf denen jedoch alle Ortschaften einen französischen Fantasienamen trugen. Stuttgart wurde zu Soissons, Esslingen zu Étampes. Was es mit der Karte auf sich hat, ist bis heute ungewiss. „So etwas ist einmalig“, sagt Beutelspacher. Der 63-Jährige vermutet, dass die Karte eine Art Witz – vielleicht ein ironisch gemeintes Geburtstagsgeschenk für einen Offizier – gewesen sein könnte. Eine weitere Besonderheit ist für Beutelspacher die Geschichte des Esslingers Ernst von Raben, der eineinhalb Jahre lang mit 200 Mann eine Festung in Kamerun gegen Franzosen und Engländer verteidigt hat. Er habe wohl zunächst nicht mitbekommen, dass der Krieg ausgebrochen sei, erklärt Beutelspacher. Er habe nur bemerkt, dass sich Franzosen und Engländer immer feindseliger verhielten. Als die Kämpfe offen ausbrachen, waren deutsche Truppen in Küstennähe bereits abgezogen. Von Raben stand mit seinen Männern alleine da, bis er sich aufgrund des fehlenden Nachschubs an Verpflegung und Munition ergab. Aus seinem Nachlass war unter anderem ein Löwenreißzahn zu sehen.

Briefe aus der Heimat

Die Schicksale der gemeinen Soldaten aus Esslingen unterschieden sich nicht vom Schicksal ihrer Kameraden aus anderen Teilen Deutschlands. Feldpost aus den Schützengräben ist in großem Umfang bis heute erhalten. Eine seltene Perspektive bieten dagegen die Briefe von Gudrun Förster an ihren Mann an der Front. Rund 700 dieser Briefe sind sorgfältig sortiert erhalten und ermöglichen einen Blick darauf, wie der Krieg das Leben in Esslingen veränderte. So ist zu erfahren, dass Gudrun Förster eine Ausbildung als technische Zeichnerin abschloss und anschließend bei der Esslinger Maschinenfabrik arbeitete. „Sie wird viel selbstbewusster dadurch. Man sieht so etwas wie Emanzipation“, erklärt Beutelspacher.

Den Bogen zur Gegenwart schlugen die Historiker mit dem Langzeitprojekt nicht. Allerdings betont Beutelspacher: „Als Historiker kann ich es nicht anders sehen, als ein Mensch der Gegenwart.“ Die Situation vor dem ersten Weltkrieg sei verfahren und unkalkulierbar gewesen. „Irgendwann haben überall die Falken über die Tauben gesiegt“, beschreibt er. Die Diplomaten hätten es nicht mehr in der Hand gehabt. „Keine Seite war mehr verhandlungsbereit.“ Kompromisse galten als Niederlagen und Unnachgiebigkeit als Stärke, der Bogen zur Gegenwart kann also leicht von jedermann geschlagen werden.




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