Reinhold-Körber-Siedlung in Waldenbuch Eine Geschichtsstunde für Amerikaner

Wolfgang Härtel mit wissbegierigen Zuhörern – und bei bestem Wetter. Keine Selbstverständlichkeit, wie sich zeigen sollte. Foto: /Brian Cann

Wohnungsnot, Tatendrang und Wissensdurst: Wolfgang Härtel hat die Geschichte der Reinhold-Körber-Siedlung in Waldenbuch aufgearbeitet. Bei einer Stadtführung speziell für Amerikaner erweckt der Ortshistoriker ein Stück Nachkriegsgeschichte zum Leben.

Es regnet in Strömen als sich eine Gruppe Amerikaner in der St. Meinrad Kirche in der Reinhold-Körber-Siedlung auf dem Weilerberg in Waldenbuch einfindet. Beatrice Parker steht am Eingang und begrüßt die Besucher, die im Inneren des Gebäudes Schutz vor dem Gewitter suchen. Die Schweizerin, die seit 29 Jahren mit einem US-Bürger verheiratet ist, hat Wolfgang Härtel, Waldenbuchs Ortshistoriker, eine Stadtführung speziell für Amerikaner organisiert.

 

1949 nahm die Stadt Waldenbuch 900 Vertriebene auf

Das Interesse ist groß: Die Führung an diesem Sonntag ist, ebenso wie die am Tag zuvor, fast ausgebucht. Trotz des Wetters, das aus dieser Führung zunächst allerdings eine Sitzung macht. Von den Kirchenbänken aus lauschen die Amerikaner den Geschichten aus der Siedlung, die der Ortshistoriker in Interviews mit Zeitzeugen zusammengefasst hat. Vor rund fünf Jahren hat Wolfgang Härtel mit der Recherche zur Reinhold-Körber-Siedlung begonnen. Er hat Gemeinderatsakten durchstöbert und mit den Bewohnern Gespräche geführt.

Die Anfänge der Siedlung liegen in der Nachkriegszeit: Bis zum Jahr 1949 nahm die Stadt Waldenbuch, die damals nur knapp über 2000 Einwohner zählte, an die 900 Vertriebene auf. Eine immense Aufgabe, die die Gemeinde zu stemmen hatte. Wohin nur mit den vielen Menschen? Mit einem Wohnungsbauprogramm auf dem Weilerberg wollte der damalige Bürgermeister Reinhold Körber Abhilfe schaffen. In seinem Rückblick auf das Jahr 1948 schreibt der Rathauschef: „Ich höre von morgens 8 Uhr bis 12 Uhr nichts anderes als die Frage: Ich brauche eine Wohnung!“ Nach einer Frage allerdings klang das nicht. Und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dieser Satz stammt aus der Feder eines beliebigen Bürgermeisters der Gegenwart.

Bereits zu Weihnachten 1949 konnten die ersten Bewohner in städtische Häuser auf dem Weilerberg ziehen. Reinhold Körber – zu dieser Zeit erst 31 Jahre alt – erlebte dies allerdings nicht mehr mit. Er starb Anfang Dezember an den Folgen einer Leukämieerkrankung und war der Erste, der auf dem neu gebauten Friedhof der Siedlung begraben wurde. „Er war ein junger Mann, der Tatkraft zeigte“, sagt Wolfgang Härtel über den Namenspatron des Wohngebiets. In der Vergangenheit hat sich der Ortshistoriker bereits darum bemüht, dass dem verstorbenen Bürgermeister die Ehrenbürgerschaft verliehen wird. „Bis jetzt allerdings ohne Erfolg.“

In Zeitzeugeninterviews sammelt Wolfgang Härtel Informationen zur Siedlung

In der Kirche steht Wolfgang Härtel mit einem Barett auf dem Kopf – seinem Markenzeichen – und einem Pullover, auf dem der Schriftzug „Montana“ prankt, vor der Gruppe und beantwortet die interessierten Fragen der amerikanischen Zuhörer. Eine willkommene Gelegenheit sein Englisch wieder in Gang zu bringen: Als Schüler besuchte Wolfgang Härtel in den 1960er Jahren für ein Jahr eine Schule im amerikanischen Bundesstaat – sein Pullover erinnert daran – Montana und machte dort seinen Abschluss. Gemeinsam mit Beatrice Parker und Brian Cann, einem Fotografen, der in den 1980er Jahren nach Deutschland gekommen ist, um amerikanische Soldaten zu unterrichten, trägt der Ortshistoriker die Geschichten der Bewohner der ersten Stunde vor.

Da gibt es zum Beispiel Theresia Mayer, die aus Ungarn vertrieben wurde und in Waldenbuch unterkam. Jahrelang lebte die Familie in beengten Verhältnissen, bis nach fünfjähriger Bauzeit das Haus auf dem Weilerberg fertiggestellt war. Als Baumaterial verwendeten viele der Neuankömmlinge Abbruchsteine, die aus Ruinen in Stuttgart stammten. Sie waren ein begehrtes Gut: Teilweise mussten sogar Wachtposten abgestellt werden, die die Steine mit Argusaugen hüteten.

Dicke Autos hinterlassen Eindruck

Auch die Geschichten um die beiden Gaststätten Meinradsklause und Forchen-stüble bringen die Zuhörenden zum Schmunzeln: Die Wirtin der Meinradsklause etwa nahm es damals sehr genau und bat alle Gäste, ihre Schuhe im Gastraum auszuziehen – das Eichen-Schiffsparkett musste schließlich geschont werden.

Trotz des monsunartigen Regens wagt sich die Gruppe schließlich doch noch hinaus, um eine kurze Runde durch die Siedlung zu drehen. Viele der Häuser sind mittlerweile renoviert, auch die, in denen einst die Meinradsklause und das Forchenstüble beheimatet waren. Sie werden nun als Wohnraum genutzt. Die Gruppe, die mit ihren Regenschirmen durch die Straße zieht, weckt sogar das Interesses des ein oder anderen Bewohners, der den Kopf aus der Haustür streckt. „Das ist nur eine Führung durch die Siedlung“, ruft eine Nachbarin über die Straße angesichts des fragenden Gesichts des Anwohners. Und selbst ein Bewohner der ersten Stunde, Franz Schönleber, trifft auf die Gruppe, bevor sie in der Gaststätte von Theo Pfannenschwarz am Weilerberg einkehrt. Der 82-Jährige erinnert sich gerne an das freundschaftliche Verhältnis mit den in Deutschland stationierten US-Soldaten nach dem Krieg. Vor allem die „dicken Autos“ der Amerikaner hinterließen Eindruck bei dem damals jungen Mann.

Die Stadt Waldenbuch hat vor, die Führung auch für die Zukunft in den Veranstaltungskalender aufzunehmen. Beatrice Parker, die die Organisation in die Hand genommen hat, wird dann allerdings nicht mehr in Deutschland sein. Für sie und ihren Mann steht nach knapp zweijährigem Aufenthalt in Böblingen die nächste Station an: Miami. Die tropischen Regenschauer, die dort täglich niederprasseln, sind vielleicht gar nicht so weit entfernt vom Wetter in Deutschland.

Weitere Geschichten, die sich um die Waldenbucher Reinhold-Körber-Siedlung ranken, finden sich auf der Webseite von Wolfgang Härtel: https://www.alt-waldenbuch.de/koerber_siedlung

Geschichten aus Waldenbuch

Ortshistoriker
Wolfgang Härtel beschäftigt sich bereits seit 20 Jahren mit der Waldenbucher Ortsgeschichte. Auf seiner Webseite www.alt-waldenbuch.de finden sich Informationen zu zahlreichen Themen: Darunter Firmengeschichten, die Reinhold-Körber-Siedlung und der Lancaster Absturz aus dem Jahr 1945 – damals stürzte ein kanadischer Pilot in einem Lancaster Bomber über Waldenbuch ab.

Reinhold-Körber-Siedlung
Die Siedlung auf dem Weilerberg in Waldenbuch entstand bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Siedlung, die nach dem damaligen Bürgermeister benannt wurde, wurde hauptsächlich von Vertriebenen erbaut, die sich in Deutschland eine neue Existenz aufbauen mussten. Bereits 1955 war der Bau der Häuser abgeschlossen.

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