Multimedia-Show von Reinhold Messner in Stuttgart „So wird mein Bruder wieder lebendig“

Reinhold Messner am Tisenjoch in Italien, wo der Ötzi gefunden worden ist. Foto: dpa/Matthias Röder

Reinhold Messner holt den Nanga Parbat ins Theaterhaus Stuttgart. Einer der größten und bekanntesten Abenteurer und Bergsteiger spricht über den Achttausender aus dem Westhimalaya, der ihn nicht mehr loslässt. Und wann er in Rente gehen wird.

Das Coronavirus zwingt die Bergsteigerlegende zu einem Vortragsmarathon. Er stehe eben zu seinen Zusagen, erklärt Reinhold Messner, der am 2. November ins Stuttgarter Theaterhaus kommt.

 

Herr Messner, Sie haben bei unserem letzten Gespräch gesagt, auch ein Reinhold Messner spürt, dass mit dem Alter die Kraft weniger wird. Jetzt gehen Sie auf eine Mammut-Vortragstour. Wie passt das zusammen?

Das liegt daran, dass die Zuschauer ihre Karten zu den jeweiligen Vorträgen längst gebucht hatten und dann die Veranstaltungen wegen Corona mehrfach verschoben werden mussten. So addieren sich die Termine. Das ist nicht so geplant gewesen. Aber die Zuschauer haben für etwas bezahlt und dadurch natürlich ihr Recht. Ich bin ein treuer Mensch und stehe zu meinen Zusagen. Deshalb ist es diesen Herbst und Winter so ein dickes Programm. Aber ich werde mit meiner Nanga-Parbat-Vortragsreihe dieses Jahr fertig.

Der Nanga Parbat, Sie nennen ihn Ihren Schicksalsberg, hat wie kein anderer Ruhm und Tragödie vereint – längst bevor sie ihn bestiegen haben und dort ihren Bruder Günther verloren haben. Warum lässt der Berg Sie nicht mehr los?

Es war der erste 8000er, den Expeditionen in Angriff nahmen, einer der am schwierigsten zu besteigenden Berge. Das begann schon 1895. Dann die Tragödien der 1930er Jahre, dann die Erstbesteigung 1953 durch Hermann Buhl. Ich kenne keinen anderen Berg so gut wie den Nanga Parbat und versuche, diesen Berg in den Saal zu stellen und die Menschen mitzunehmen in diese eisigen Höhen. Dazu gibt es auch bisher unveröffentlichte Bilder aus meinem Archiv. Dann beame ich mich in den Berg hinein und gehe im Geiste mit diesen historischen Expeditionen nach oben. Dadurch wird im Übrigen auch mein Bruder wieder lebendig. Dann lebt er wieder, in diesem Moment.

Angesichts solch kaum vorstellbarer Anstrengungen, was geht in Ihnen vor, wenn von einem Bergsteiger-Chronisten aus Lörrach, der selbst nie Bergsteiger war, mit GPS nachgemessen wird und dieser behauptet, Sie wären gar nicht auf allen Achttausendern gewesen, weil Sie 1985 auf dem Annapurna nicht am höchsten Punkt waren?

Zunächst einmal lasse ich ihm die Freude, dass er so etwas exakt ausrechnen kann. Das ist ja schon für sich eine Leistung. Ich finde die Diskussion, sagen wir mal, anregend. Ich habe seinerzeit gemeinsam mit Hans Kammerlander die 4000 Meter hohe schwere Nordwestwand durchstiegen, als Erstbegehung. Wenn man ganz oben ist, wird es flach. Dann ist man oben. Dann kommt ein Wettersturz, man kämpft gegen einen Sturm, und es ist neblig. Wie genau kann man dann noch feststellen, ob man wirklich am allerhöchsten Pünktchen ist? Fünf Meter hin oder her? Mit GPS kann man etwas messen, aber auf dem Berg oben sieht es doch anders aus. Schneewechten von zehn Meter Höhe sind in einem Jahr mal da, dann mal dort. Die Gipfel verändern sich ständig, im Himalaya wachsen sie sogar. Und es stehen dort oben zum Glück keine Gipfelkreuze wie in den Alpen. Es geht ja am Ende auch nicht um den exakt höchsten Punkt, sondern um die durchstiegene Wand, die schwierigste Route, mit minimalem Aufwand und ohne Kolonne an Sherpas, die einem die Ausrüstung nach oben tragen. Ich kritisiere diesen Menschen nicht. Aber das passiert öfter, dass Menschen versuchen, sich mit meinem Namen zu schmücken.

„Gehe ich nicht, gehe ich kaputt“, heißt eines Ihrer letzten Bücher. Geht ein Reinhold Messner mit 78 Jahren nicht langsam in den Ruhestand?

Ende September ist mein aktuelles Buch herausgekommen, das ich während Corona mit meiner Frau geschrieben habe. Es heißt „Sinnbilder“ – und es geht da weniger um das Bergsteigen, sondern um den Verzicht. Dann kommt nächstes Jahr meine Tour „Final Expedition“, mit der ich den traditionellen klassischen Alpinismus nicht untergehen lassen will und die über 200 Jahre lange Entwicklung mithilfe von einwöchigen Festivals erlebbar machen möchte. Weil traditionelles Bergsteigen eben nichts mit Klettern an einer künstlichen Wand mit Plastikgriffen zu tun hat. Ideen gibt es genug. Vorträge zu halten und Bücher zu schreiben sind mein Lebensinhalt. In den Ruhestand gehe ich erst, wenn das Gedächtnis nachlässt. Oder wenn ich es nicht mehr schaffen sollte, ohne Stolpern aus einem Flugzeug herauszukommen.

Erstbesteigung im Alter von fünf Jahren

Bergsteigerlegende
 Der 1944 in Südtirol geborene Reinhold Messner hat bereits im Alter von fünf Jahren gemeinsam mit seinem Vater den ersten Dreitausender bestiegen. Nach über 500 Klettertouren in den Alpen und Dolomiten zog es ihn in den 1970er Jahren in den Himalaja.

Ohne Sauerstoff
 Er bestieg alle 14 Achttausender ohne Sauerstoff, darunter 1978 den Mount Everest, 1980 als erster Mensch auch im Alleingang. Außerdem durchquerte er die Antarktis, die Wüste Gobi und Grönland. Mit seinen Erlebnissen und Eindrücken in psychischen und physischen Grenzsituationen veröffentlicht er Bücher und hält Vorträge. Für die italienischen Grünen saß Messner von 1999 bis 2004 im Europäischen Parlament. 

Die Show
 Die Multimedia-Show „Nanga Parbat – Mein Schicksalsberg“ von Reinhold Messner findet am Mittwoch, 2. November, von 19 Uhr an im Theaterhaus Stuttgart statt sowie am Samstag, 5. November, ab 19.30 Uhr in der Stadthalle Leonberg. Tickets bei www.traumundabenteur.com.

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