Herr Messner, Sie erzählen Ernest Shackletons gescheiterte Antarktis-Durchquerung aus der Sicht des Abenteurers Frank Wild. Warum dieser Perspektivwechsel?
Shackleton ist der Held dieser Geschichte. Als die Endurance in den Eisschollen zerbarst und sich die Mannschaft auf Elephant Island rettete, segelte er mit fünf Männern in einem winzigen Rettungsboot über das offene Meer, um Hilfe zu holen. Die anderen 22 Expeditionsteilnehmer tauchen in dieser Erzählung nur als Zahl auf. Aber wie überlebten sie den antarktischen Winter? Was machten sie durch in Kälte, Sturm und Dunkelheit, nur geschützt von zwei umgedrehten Rettungsbooten? Dass Frank Wild hier ein Wunder vollbrachte, wurde bisher ausgeblendet.
„Nicht wir, nur das Schiff ist am Ende“, lassen Sie Wild sagen, als die Endurance zermalmt wurde. Kann man das überzeugend sagen, wenn man weiß, dass kaum Überlebenschancen bestehen?
Hätte Wild nicht die Fähigkeit gehabt, seine Hoffnung und sein Vertrauen millionenfach vergrößert an die anderen weiterzugeben, wären sie nicht am Leben geblieben. Nachdem sie einen Monat lang vergeblich auf Shackleton gewartet hatten, mussten sie annehmen, er sei bei der Überfahrt verunglückt. Wild aber konnte bei aller Verzweiflung immer die Hoffnung aufrechterhalten.
Sie nennen nur psychische Eigenschaften. Sind das die wichtigsten?
Ja. Menschenführung hat mit Empathie zu tun. Wild konnte sich in jeden einzelnen hineinversetzen und dessen Leiden, Ängste und Verzweiflung nachempfinden. Damit erwarb er das Vertrauen der Männer, und dieses Vertrauen stärkte wiederum seine Zuversicht und Willenskraft.
Sie nennen auch Fantasie als ein wichtiges Mittel, um zu überleben.
Wer Fantasie hat, dem eröffnen sich viel mehr Chancen zu überleben. Wenn man nichts als warten kann und nicht weiß, ob man je in ein bürgerliches Leben zurückfinden wird, wachsen die Ängste mit jedem Tag. Angst und Hoffnungslosigkeit drücken einen nieder.
„Alle Hoffnung ist verschwunden“, liest Wild in Robert Falcon Scotts Tagebuch. Starb Scott, weil er die Hoffnung verloren hatte, nachdem Roald Amundsen ihm am Pol zuvorgekommen war?
Scott ging es nicht um Amundsen. Seine Vorbereitungen hatte er begonnen, als Shackleton am 9. Januar 1909 in Begleitung von Wild fast den Pol erreicht hatte. Ihn wollte Scott übertreffen. Am 17. Januar 1912 erreichte er den Pol. Das war viel zu spät. Er hätte zuvor umkehren müssen. Amundsen hatte bereits am 4. Dezember 1911 den Pol erobert. Zweifellos war es für Scott eine Enttäuschung, nur Zweiter geworden zu sein. Auf dem Rückweg brachen er und seine Begleiter mehr und mehr ein. Nach zwei Toten schafften sie es zu dritt bis auf zwanzig Kilometer an das Ein-Tonnen-Depot heran.
Was raubte Scott so sehr die Hoffnung?
Ich vermute, dass Scott nicht mehr weiter wollte. Er wusste, dass sie am Ende waren. Also inszenierte er das Sterben. Sein Tagebuch wurde ein Weltbestseller. Scott war der tragische Held. Seine Darstellung rief auch Shackleton wieder auf den Plan. Er entschied sich, erneut in die Antarktis aufzubrechen. Da der Pol erobert war, plante er die Durchquerung.
Shackleton scheiterte bereits im Ansatz, als sein Schiff im Eis zerbarst.
Shackleton hatte keinerlei Chance. Eine Durchquerung war mit den damaligen technischen Möglichkeiten nicht realisierbar.
Viele Eigenschaften Wilds und Shackletons sind auch im normalen Leben wichtig. Warum scheiterten sie im Alltag?
Beide waren unfähig, ein bürgerliches Leben zu führen. Nur wenn sie mit dem Rücken zur Wand standen, waren sie in der Lage, sich maximal zu fordern und zu vollbringen, was kein normaler Mensch schafft. In der Antarktis hatten Wild und Shackleton gelingendes Leben ohne Ende.
Sie setzten sich dafür ein, dass die Antarktis ein „Weltpark“wird. Laut Greenpeace scheint sie sehr bedroht. Was geht verloren?
Ich sehe das nicht so bedrohlich. Die Antarktis ist ein lebendiges Naturphänomen. Auf dem antarktischen Kontinent liegt eine Eismasse, die in der Mitte vier Kilometer dick ist. Wenn es schneit, wird der auf das Eis fallende Schnee ununterbrochen verfrachtet. Das Eis rinnt von einem Bereich östlich des Pols in riesigen Wellen Richtung Meer. Ihre Rhythmen versteht man allerdings bis heute nicht.